Rätsel China

Kolumne | Paul Lendvai, 16. April 2012, 19:31

Das Rätselraten um den Sturz des Parteichefs Bo Xilai erinnert mich an meine Pekinger Erfahrungen im Jahre 1989

Das Rätselraten in den Medien und Kanzleien des Westens über Hintergründe und Folgen des Politkrimis um den Sturz des Parteichefs Bo Xilai erinnert mich an meine Pekinger Erfahrungen im Jahre 1989. Zum Abschluss eines Kurzwellenabkommens mit China weilte ich als Intendant von Radio Österreich International im April 1989 mit einer kleinen ORF-Delegation in Peking. Das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni hat unser Vorhaben freilich vereitelt.

Was mich aber damals besonders berührte, war die Tatsache, dass keiner der Auslandskorrespondenten, Diplomaten oder Chinaexperten, mit denen ich während meines Aufenthaltes sprach, die Turbulenzen vorausgesehen hatte.

Den denkwürdigsten Abend verbrachte ich im Haus des serbisch-amerikanischen Auslandskorrespondenten Dusko Doder und seiner Frau, einer britischen Journalistin, unter anderem zusammen mit dem dänischen Botschafter, der fließend Chinesisch sprach und zum zweiten Mal sein Land in China vertrat. Er kehrte eben von einer ausgedehnten Bahnreise zurück. Weder er noch die anderen Gäste hatten geahnt, dass es in einigen Wochen zu blutigen Zusammenstößen und Machtkämpfen in der Parteiführung kommen würde.

Jetzt stürzt die Entmachtung des Politstars Bo Xilai, dessen Ehefrau wegen des Verdachts, einen langjährigen britischen Geschäftsfreund ermordet zu haben, bereits verhaftet wurde, die Kommunistische Partei in die größte Krise seit dem Massaker von 1989. Der mächtige regionale Parteichef aus einer lupenreinen revolutionären Familie galt vor der für Herbst angesetzten Wachablöse beim Parteitag als sicherer Aufsteiger in den künftigen neunköpfigen Ständigen Ausschuss des Politbüros, das höchste Machtgremium.

Keiner der China-Beobachter schien Anfang des Jahres mit einem solch erbarmungslosen Machtkampf in der obersten Hierarchie mit jener Partei gerechnet zu haben, die seit 1949 über das 1,3 Milliarden Volk herrscht. Erst jetzt versteht man die Mitte März ausgesprochenen düsteren Warnungen des Ministerpräsidenten Wen Jiabao vor einer "historischen Tragödie für China", wenn es zu einer neuen Kulturrevolution käme. Zur Zeit des "Großen Vorsitzenden" Mao zahlte das Land bekanntlich einen furchtbaren Blutzoll für die Wahnvorstellung einer permanenten Revolution. Das unerwartete neue politische Erdbeben erschüttert nicht nur das Machtzentrum an der Spitze der 78 Millionen Mitglieder zählenden KP, sondern auch das Vertrauen in die Stabilität der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Statt des erwarteten harmonischen Überganges erfährt die erstaunte Welt unglaubliche Details über die Machtintrigen innerhalb der Herrscherclique in Peking. Es waren die mutigen chinesischen Blogger im Internet, deren Spekulationen über einen Putschversuch vor der verspäteten massiven Unterdrückung der Internetportale eine früher undenkbare Offenheit erzwungen haben. All das dürfte aber wohl nur die Spitze des Eisbergs sein. Vor 41 Jahren starb Maos Kronprinz Lin Biao auf der Flucht bei einem Flugzeugunglück. Wir wissen aber bis heute nicht, was damals wirklich geschah. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 17.4.2012)

  • 21.5.2013
    • Bulgariens Niedergang [8]

      Bei einem Durchschnittsgehalt von 350 Euro monatlich ist die abgrundtiefe Entfremdung des Volks von der politischen Klasse verständlich und gerechtfertigt

  • 14.5.2013
    • Frankreich in der Krise [93]

      Wer hätte gedacht, dass Präsident François Hollande ein Jahr nach seiner Wahl noch unbeliebter sein würde als sein Vorgänger

  • 30.4.2013
    • Die Wut der Jungen [222]

      Wie lange hält eine Gesellschaft rasant steigende Jugendarbeitslosigkeit aus? Was kann, was soll die EU tun?

  • 23.4.2013
    • Rebell ohne Hoffnung [6]

      In der Provinzstadt Kirow beginnt der Strafprozess gegen den 36-jährigen russischen Bürgerrechtskämpfer, Anwalt und Blogger Alexej Nawalny

  • 16.4.2013
    • Lunch mit Thatcher [66]

      1985 bat Margret Thatcher um ein Gespräch mit österreichischen Experten über die Entwicklung in Osteuropa - Paul Lendvai über die "hypnotische Wirkung" der verstorbenen Regierungschefin

  • 9.4.2013
    • Kim spielt Roulette [30]

      Für Freund und Feind ist die nordkoreanische Familiendiktatur eigener Prägung nicht abschätzbar

  • 2.4.2013
    • Ein Freiheitskämpfer [31]

      György Konrád gehörte zu den Bahnbrechern des Kampfes gegen die ungarische Herrschaft der Lüge und die staatliche Repression

Kommentar posten
15 Postings

Neues Video, welches es vorbei an der Zensur aus China geschafft hat. Ab Minute 3:20 sieht man was in China sehr bald in größerem Umfang passieren wird. Die Bevölkerung wird sich der KP und ihrem System entledigen. Keine Diktatur schafft es auf Dauer ihre Macht zu erhalten, auch nicht durch Terror, Mord und Folter wie im Falle Chinas.

http://www.youtube.com/watch?v=c... ture=share

Partei

partei kommt von pars, also teil. von einer partei kann man erst reden, wenns auch eine andere gibt. Eine einheitspartei ist keine partei, sondern eine herrscherclique, wie hier richtig geschrieben ist.

Wann geht der Lendvai

endlich in Pension ? Der muss doch schon ein Dutzend Vorsorgewohnungen haben.

Es soll auch Menschen geben denen ihre Arbeit Spaß macht.

China bashing , endlose Mystifikationen

In diesem Artikel wird eine Kriminal- und Korruptionsgeschichte als Politkrimi dargestellt. Die Details sind im Wirtschaftsblatt zu lesen. Zu Herrn Lendvai sind sie noch nicht vorgedrungen.
Zur GEschichte 1989 : was ist das für ein Journallismus, der statt in China mit Chinesen zu reden, sein Wissen von den ausländischen Journalisten erhalten will. Schade um die Reisespesen.

entschuldigung, aber paul lendvai teilt uns nur seine grossen erfahrungen mit,

er lebt in der vergangenheit, diese wunderschöne alte zeit, dass china einen grossen schritt weiter ist, als PL es von 1989 kennt, dürfte PL noch nicht begriffen haben, das china von heute mit 1989 zu vgl. zeigt wie weit PL von der realität entfernt ist, es muss noch sehr viel in china verbessert werden, aber nicht die eines PL, sondern einer modernen gesellschaft, die in china sicher einzug gehalten hat, aber PL würde so etwas nie zugeben, er lebt noch im zeitalter des kalten krieges wie auch der orf, das war vor etwa 60 jahren, und nichts hat sich für PL geändert, schade

implosion

china wird implodieren - nicht sofort, aber gewiss! man bedenke die asiatische geduld! korruption und staatsterror sind gifte, die ganz sicher wirken, auch, wenn es dauert! dann aber werden die altkommunisten bereits zu wenige stricke haben, an welchen sie die neokapitalisten werden aufknüpfen können, die sie selbst in die welt setzten ....

Wenn man statt der chinesischen Namen

Ungarische setzt, dann könnte man es auch als Analyse der ungarischen Innenpolitik lesen. vielleicht sind dann nur die Angaben der Bevölkerungszahlen ein BISSCHEN hoch gegriffen. Aber sonst ...

ja es wär halt schon schön...

wenn die es den chinesen endlich auch wiedermal schlechter ginge.
jetzt haben sie in den letzten 20 jahren einen übergang geschafft für den wir hier in europa 3x so lange gebraucht habe. das darf nicht sein, denn die sollen ruhig auch ihre krise haben.
natürlich segeln sie hart am wind, keine frage.
es wäre halt so schön, ...

Fehlt das Sarkasmuszeichen ...

oder sind Sie wirklich arm im Geiste?

China ist eine Zeitbombe

bleibt nur abzuwarten ob sie implodiert oder explodiert

China ist ein extrem erfolgreiches Land, das jede Menge Neid auf sich zieht.

Warum die Bevölkerung eine insgesamt positive Entwicklung durch eine große Revolte gefährden sollte ist wohl nicht schlüssig zu erklären.

Warum sich die lächerlichen 300 Millionen der Allerärmsten nicht damit zufrieden geben sollten,

dass es vielen anderen doch eh besser geht als früher, ist wirklich unverständlich.
Bei uns sollten doch auch alle, die ín ihrem Leben sicher niemals 9 Millionen Euro verdienen werden, darüber freuen, dass wenigstens Meischberger und Freunde so viel für einen einzigen Zund bekommen haben.
Dieser ewige Neid ist wirklich unbegreiflich!

Revolutionen werden nur im Musical von den Allerärmsten gemacht.

es gibt aber eine lange geschichte von sehr blutigen revolten.
not und erlittene ungerechtigkeit auf der einen seite, arroganz und vorgeführter luxus auf der anderen seite, das wird öfter mal explosiv.
die provinzfürsten sind bekannt, dass es korrupte tyrannen gibt. aber die rolle der regierung, das hintanzuhalten, und den eigenen versuchungen zu widerstehen, steht weniger im scheinwerferlicht.

die frage ist, was herrn bo wirklich bewegt hat. war die machtsehnsucht stärker, oder die idee, einer ungerechtigkeit mit maoistischen methoden zu begegnen?
es ist ganz offiziell, dass das system nun aus mehreren methodiken und paradigmen seine ziele und handlungen aufbaut, darunter eben auch konfuzius und mao.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.