Taliban-Angriff in Afghanistan: Kein strategischer Erfolg

Kommentar | Gudrun Harrer
16. April 2012, 19:23

Die taktische "Leistung" der Taliban besteht darin, einmal mehr zu beweisen, dass "bestbewacht" kein Synonym für "sicher" ist

Achtzehn Gefechtsstunden und fünfzig Tote später wird versichert, dass der Mehrfronten-Angriff der Taliban in Afghanistan kein operativer oder strategischer Erfolg war. Das ist schon richtig: So spektakulär sie waren, die Taliban-Operationen hätten nie dazu getaugt - und waren nicht darauf angelegt -, das schwer geschützte Diplomatenviertel und das Parlament in Kabul, aber auch die anderen Angriffsziele auf Dauer einzunehmen.

Aber die taktische "Leistung" der Taliban besteht eben darin, einmal mehr zu beweisen, dass "bestbewacht" kein Synonym für "sicher" ist. "Wir wissen, wo ihr seid, ihr wisst jedoch nie, wo wir sind" ist die Botschaft, und Präsident Hamid Karsai hat sie genau verstanden, wenn er das Versagen der Geheimdienste beklagt.

Der große Nato-Gipfel in Chicago, auf dem US-Präsident Barack Obama mit seinen Partnern die Afghanistan-Abzugspläne mehr oder weniger festzurren will, findet zwar erst im Mai statt, die Vorgespräche auf Ministerebene in Brüssel jedoch schon diese Woche. Die aktuellen Ereignisse in Afghanistan werden keinen Einfluss auf die Abzugspläne haben: Denn mehr, als die afghanischen Sicherheitskräfte auf solche Situationen vorzubereiten, kann man im elften Kriegsjahr nicht mehr tun. Diese haben sich, so wird versichert, am Wochenende durchaus wacker geschlagen.

Aber was für die Taliban gilt, gilt auch für sie und für die Nato: Ein strategischer Erfolg sieht anders aus. (DER STANDARD, 17.4.2012)

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22 Postings
Von Strategie und Taktik

versteht Frau Harrer also auch nichts. Nicht dass ich überrascht wäre.

Für Rotstrichler zur Info:

Strategie = der zielgerichtete Einsatz von Gewalt oder die zielgerichtete Gewaltandrohung zu politischen Zwecken.

Taktik = koordinierte Anwendung von militärischen Mitteln nach Kraft, Raum und Zeit zum Zweck des Gefechts.

Die Kernaussage in diesem Artikel - in dem die Begrifflichkeiten operativ, taktisch und strategisch übrigens laufend ausgewechselt werden - lautet: "die taktische 'Leistung' der Taliban besteht eben darin, einmal mehr zu beweisen, dass 'bestbewacht' kein Synonym für 'sicher' ist".
Es soll dabei also um einen politischen Erfolg gehen und keinen unmittelbaren Erfolg im Gefecht.

Also? Zielsicher von drei möglichen Begriffen den unzutreffendsten ausgewählt.

Tja...
Tet lässt grüßen

Das traurige an dem ganzen ist ja, das es so vorhersehbar ist. Aber die NATO und andere militärische verbände haben es echt geschafft, aus den letzten 540 Jahren nichts zu lernen.

Army Intelligence IS an oxymoron

Tschuldigung, aber die Tet-Offensive war ein ganz anderes Kaliber, als ein paar kleine (aber durchaus gut organisierte) Attacken. Mit solchen Aktionen bringt man keine Regierung zum Einsturz. Und auch wenn es vl etwas laenger gedauert haette oder blutiger gewesen waere - die afghanischen Soldaten haetten das auch ohne US-Unterstuetzung hingekriegt.

Die Tet-Offensive war eine riesige Angelegenheit, eine taetsaechliche logistische Meisterleistung, wenn auch unterstuetzt durch die Chinesen und Soviets.

Ein Vergleich ist hier gar nicht zulässig, weil in diesem ..

.. Krieg ganz andere Parameter vorherrschen als in Vietnam. In erster Linie war Vietnam ein Stellvertreterkrieg und die Vietnamesen erhielten starke Unterstützung von den Chinesen und Russen. Zweitens war Vietnam ein unpopulärer Krieg, der zudem noch unter die Wehrpflicht fiel, was vielen in den USA nicht gefallen hat. Und drittens herrschte damals in Südvietnam kein demokratisch gewähltes Parlament sondern ein Diktator. Die Taliban können noch ein paar Achtungserfolge erzielen. Das wars dann aber auch.

Und Tet war nur ein Erfolg, weil die amerikanische Öffentlichkeit die Panik bekommen hat

Und die "Vietnamisierung" hätte womöglich funktioniert, wenn Nixon nicht über Watergate gestolpert wäre - so hat der Norden ungestraft den Friedensvertrag gebrochen und der Kongress hat den Südvietnamesen die Unterstützung gestrichen.
Die zentrale Frage in Afghanistan ist daher - funktioniert eine "Afghanisierung", d.h. überlebt ein afghanischer Staat mit halbwegs intakten Menschenrechtsverständnis mittel- bis langfristig?

Wenns das auf 'Afghanisierung' umlegen geht es nur darum, westliche Soldaten 1:1 durch afghanische zu ersetzen.
Und auch hier wie in Vietnam - es wird an einer Strategie festgehalten die nicht aufgeht. Und solange sich dien nicht ändert, wird der Krieg in Afghanistan nicht aufhören.

Tet war ein Erfolg für die VC. Punkt. Obwohl es eine militärische Niederlage war, die die südkoreanischen Guerillas fast zur Gänze eliminiert hat.
Und die USA damals wie heute sind von ihrem hohen Ross, einen derartigen Konflikt nur aufs militärische runterzubrechen nie runtergekommen.

Die 'Vietnamisierung' des Konflikts war übrigens NUR und ausschließlich der Gedanke, das Frontpersonal auszuwechseln. Gleiche (dummen) Taktiken, gleiches nicht-verstehen der Dynamik eines Guerillakrieges, daher gleiches Ergebnis.
Das hat schon vor '65 nicht funktioniert, das hat auch vor Watergate nicht funktioniert, und wenn Nixon nicht gestürzt worden wäre, dann hätte halt er statt Ford den Abzug zu Ende gebracht

es müssen die lehren aus afghanistan gezogen werden.

zb in der form, dass die bewachung des regierungsviertels und anderer angriffsziele durch jene erfolgt, die vor 11 jahren im sicherheitsrat die hand gehoben haben. und durch jene, die den auftrag dazu gegeben haben.

die welt wäre eine deutlich bessere, wenn endlich wieder die präsidenten und regierungschefs an vorderster front sich gegenseitig die schädel einschlagen würden!

ein guter kommentar. genau das ist das problem: die taliban gewinnen bei solchen operationen auch dann wenn alle ihre leute erschossen werden. weil sie eben immer dann gewinnen wenn die regierung in kabul verliert. und die verliert, wenn die instabilität anhält. das taktische hauptproblem in dieser situation ist, dass es den talibanstrategen und auch ihren kämpfern egal ist ob sie sterben. womit soll man einem solchen gegner drohen bzw. was soll ihn von seinem vorgehen abhalten?

Die viel wichtigere Frage ist:

- Wer genau sind die "Taliban"?

Denn die pakistanischen Söldner die man damals Taliban bezeichnet hat sind nun auch nicht mehr die Jüngsten.

Ab 1996 haben sie in Afghanistan geherrscht. Das sind jetzt 16 Jahre.

Die die damals 20 Jahre alt waren müssten nun fast 40 Jahre alt sein. Glaubt irgendwer das solche Angriff von lauter 40jährigen durchgeführt wurde?

Falls nicht ist die Antwort auch logisch - das was heute als Taliban bezeichnet wird hat kaum mehr etwas mit jenen Taliban 1996 zu tun, allein schon aufgrund des Alters.

PS: Wer auch immer die "Taliban" sind, bis heute haben sie in Pakistan einen Zufluchtsort. Das ist nur durch Unterstützung der pakistanischen "Regierung" möglich. = Stellvertreterkrieg

Hochachtung vor den tapferen afghanischen Soldaten, die die Taliban im Diplomatenviertel überwältigt haben. In Afghanistan gilt, je höher die Gagen, desto korrupter die Menschen. Die einfachen afghanischen Soldaten, die sich ehrlich und tapfer für die Friendenswiederherstellung im Land einsetzen, haben unser Respekt verdient.

...

neue info: die taliban streben nicht nach world domination wie es uns die presse weiszumachen versucht... gaehn

die taktische "Leistung" der Taliban

... erinnert an die Tet Offensive. Es zeigt sich wieder einmal, dass die USA trotz eklatanter militärischer Überlegenheit keinen Krieg gegen ein ganzes Volk gewinnen können.

Den Vietnamkrieg haben die Amerikaner mMn wahrscheinlich im Watergate-Hotel verloren

Wäre Nixon im Amt geblieben, hätte der Norden seine Offensive gegen den Süden so nicht durchführen können, die hätten wahrscheinlich zuviel angst vor Nixon gehabt. Der Süden hätte sich dann militärisch konsolidieren können und wäre als nicht-kommunistischer Staat erhalten geblieben - und primär darum ging's ja letztendlich im Vietnamkrieg.

Wer redet denn heute noch vom Verlust des Vietnamkriegs: Hauptsache die USA hat heute wieder eine Marinebasis dort und stellt Vietnam nun gegen den gemeinsamen Feind China auf. Ist doch alles paletti!!!

Es gab genug Optionen den Krieg zu gewinnen aber

.. das hätte wahrscheinlich auch den Kriegseintritt Chinas bedeutet und das wollte keiner. Zudem war auch die eigene Bevölkerung immer mehr gegen diesen Krieg. Ich würde sogar sagen, das es die US amerikanische Bevölkerung selbst war, die den Krieg beendet hat. Eine Seltenheit in der Weltgeschichte.

Ich bin ziemlich davon überzeugt,

dass nicht das gesamte Volk - vor allem nicht die Gebildeten und Frauen - hinter den Talibanfundis stehen, da sie keine Wiedergeburt eines solchen archaischen Klerikalregimes herbeisehnen.

Glaubst du die hat es jemals gekümmert einen Krieg zu "gewinnen"?

Die Kosten des Krieges sind die PROFITE für manche - Konzerne und Kriminelle, in den USA. Natürlich auch in Europa und anderswo.

Die sind eindeutig Gewinner im Sinne von Profiten. Was vor Ort passiert war denen schon immer egal.

Wie schon damals im Buch "War is a racket" Herr Butler schrieb: Solange es Profite zu holen gibt im Krieg, solange wird es auch Kriege geben. Das ist der HAUPTGRUND das es überhaupt Kriege gibt. Profite. (Dann folgen pseudo-religiöse Argumente, aber auch die pseudo-Fanatiker brauchen Waffen, Munition, Logistik etc... mit anderen Worten GELD.)

Die Taliban sind nicht das afghanische 'Volk'

Falls Sie das mit 'gegen ein ganzes Volk' meinen.
Eine grosse Anzahl Taliban sind 'Gastarbeiter'. Dass die Stimmung der Afghanen gegenüber dem Westen nicht so rasend gut ist, stimmt freilich auch. Dass aber die USA gegen das afghanische Volk Krieg führt stimmt nur dann, wenn man gleichzeitig behauptet, die Amerikaner führten Krieg gegen den Rest der Welt. Da mag was dran sein. Abgesehen davon besteht auch das afghanische 'Volk' nur aus einer heterokliten Mixtur von Clans und Gruppen.

Taliban sind kein Volk. Die Behauptung, dass USA (mittlerweile NATO) einen Krieg gegen das afghanische Volk führt ist schlicht einfach falsch. Mittlerweile werden Taliban selbst vom Großteil der Paschtunen (Haupt-Taliban-Lieferant) verhasst.

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