Verzopfte Pädagogik-Verwaltung

Kommentar |

Wer zahlt, schafft an - das ist ein guter Grundsatz für das Schulsystem

Das Problem des Schulsystems ist seine enorme Trägheit. Steigen die Geburtenzahlen, braucht man innerhalb von sechs Jahren zusätzliche Lehrer. Sinken die Geburtenzahlen, müsste man diese Lehrer - und seien sie noch so gut - wieder loswerden. Beides ist in einem System, in dem die Entscheidung für den Pädagogenberuf als Lebensentscheidung mit Aussicht auf eine Lebensstellung angelegt ist, mit enormen Schwierigkeiten verbunden. Dieses Problem wird nicht leichter dadurch, dass die Schulplanung auf die Bedürfnisse von Regionen, Gemeinden, Eltern und (fast würde man das vergessen:) Schülern eingehen muss.

Selbst ein hartes Hire-and-fire-Dienstrecht für die Lehrer würde diese Detailprobleme nicht lösen - wahrscheinlich würden sie sogar verschärft, weil man nicht mehr die bestqualifizierten Pädagogen gewinnen könnte. Eine Zeitlang haben sich die Schwierigkeiten auch bequem kaschieren lassen: Sanken die Schülerzahlen, hat man eben die Betreuungssituation verbessert - in manchen Bereichen mit vielen Kindern nichtdeutscher Muttersprache eine Notwendigkeit, in anderen jedoch bloß ein der Statistik zu verdankender Luxus.

Diesen Luxus leisten sich die österreichischen Bundesländer gerne - er wird ja in hohem Maße aus Bundesmitteln finanziert.

Aber der Rechnungshof klopft den Landespolitikern nun immer kräftiger auf die Finger: Die im Vergleich zu anderen Ländern geringe Zahl von Schülern pro Lehrer sei nur schwer zu rechtfertigen. Was heißt schwer? Liest man im Rechungshofbericht genauer, stellt man fest, dass gar nicht erst versucht wird, sie mit sachlichen Berechnungen zu rechtfertigen, sondern dass Bund und Länder politisch einen als objektiv bezeichneten Verteilungsschlüssel ausverhandelt haben, der allerdings niemals sachlich evaluiert worden ist.

Stattdessen verwaltet man still vor sich hin und duckt sich weg, wenn wieder einmal über die hohen Kosten der Schulbürokratie mit ihrer nur scheinbar mächtigen Zentrale und den unzähligen Verästelungen in den Bundesländern geschimpft wird. Wer versucht, das System zu ändern, holt sich eine blutige Nase: Die Bundesländer sind nicht bereit, die faktische Steuerung der Schulverwaltung abzugeben - dahinter versteckt sich nicht nur Macht bis in das letzte Klassenzimmer, sondern auch das Misstrauen gegen eine Steuerung der Bildungsangebote durch ein " bürgerfernes Ministerium" in Wien.

Ginge es nach manchen Landespolitikern, dann hätte das Ministerium gleich gar nichts mehr zu reden - würde man ihnen die Schule zur Gänze überlassen, dann könnten sie die Verwaltung viel einfacher und bürgernäher gestalten. Der Bund müsse einfach nur zahlen - und er werde schon sehen, was dabei herauskommt an Segnungen für die Regionen.

Die Bundespolitik sieht solche Überlegungen mit Skepsis. Der Rechnungshof erst recht. Es ist die Skepsis desjenigen, der die Parteienwirtschaft zur Genüge kennt: Allzu bequem haben es jene, die verteilen können, ohne die Kosten selbst aufbringen zu müssen. Da ist wohl eine zentrale Steuerung noch effizienter. Aber diese kann nur funktionieren, wenn sie für die Feinsteuerung in den einzelnen Schulen mehr Platz lässt. Und wenn sie ein Rezept findet, das es attraktiv macht, Lehrer zu werden, den Beruf einige Jahre auszuüben und dann ohne Existenzängste Jüngeren Platz zu machen. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 17.4.2012)

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