Verzopfte Pädagogik-Verwaltung

Kommentar | Conrad Seidl
16. April 2012, 18:18

Wer zahlt, schafft an - das ist ein guter Grundsatz für das Schulsystem

Das Problem des Schulsystems ist seine enorme Trägheit. Steigen die Geburtenzahlen, braucht man innerhalb von sechs Jahren zusätzliche Lehrer. Sinken die Geburtenzahlen, müsste man diese Lehrer - und seien sie noch so gut - wieder loswerden. Beides ist in einem System, in dem die Entscheidung für den Pädagogenberuf als Lebensentscheidung mit Aussicht auf eine Lebensstellung angelegt ist, mit enormen Schwierigkeiten verbunden. Dieses Problem wird nicht leichter dadurch, dass die Schulplanung auf die Bedürfnisse von Regionen, Gemeinden, Eltern und (fast würde man das vergessen:) Schülern eingehen muss.

Selbst ein hartes Hire-and-fire-Dienstrecht für die Lehrer würde diese Detailprobleme nicht lösen - wahrscheinlich würden sie sogar verschärft, weil man nicht mehr die bestqualifizierten Pädagogen gewinnen könnte. Eine Zeitlang haben sich die Schwierigkeiten auch bequem kaschieren lassen: Sanken die Schülerzahlen, hat man eben die Betreuungssituation verbessert - in manchen Bereichen mit vielen Kindern nichtdeutscher Muttersprache eine Notwendigkeit, in anderen jedoch bloß ein der Statistik zu verdankender Luxus.

Diesen Luxus leisten sich die österreichischen Bundesländer gerne - er wird ja in hohem Maße aus Bundesmitteln finanziert.

Aber der Rechnungshof klopft den Landespolitikern nun immer kräftiger auf die Finger: Die im Vergleich zu anderen Ländern geringe Zahl von Schülern pro Lehrer sei nur schwer zu rechtfertigen. Was heißt schwer? Liest man im Rechungshofbericht genauer, stellt man fest, dass gar nicht erst versucht wird, sie mit sachlichen Berechnungen zu rechtfertigen, sondern dass Bund und Länder politisch einen als objektiv bezeichneten Verteilungsschlüssel ausverhandelt haben, der allerdings niemals sachlich evaluiert worden ist.

Stattdessen verwaltet man still vor sich hin und duckt sich weg, wenn wieder einmal über die hohen Kosten der Schulbürokratie mit ihrer nur scheinbar mächtigen Zentrale und den unzähligen Verästelungen in den Bundesländern geschimpft wird. Wer versucht, das System zu ändern, holt sich eine blutige Nase: Die Bundesländer sind nicht bereit, die faktische Steuerung der Schulverwaltung abzugeben - dahinter versteckt sich nicht nur Macht bis in das letzte Klassenzimmer, sondern auch das Misstrauen gegen eine Steuerung der Bildungsangebote durch ein " bürgerfernes Ministerium" in Wien.

Ginge es nach manchen Landespolitikern, dann hätte das Ministerium gleich gar nichts mehr zu reden - würde man ihnen die Schule zur Gänze überlassen, dann könnten sie die Verwaltung viel einfacher und bürgernäher gestalten. Der Bund müsse einfach nur zahlen - und er werde schon sehen, was dabei herauskommt an Segnungen für die Regionen.

Die Bundespolitik sieht solche Überlegungen mit Skepsis. Der Rechnungshof erst recht. Es ist die Skepsis desjenigen, der die Parteienwirtschaft zur Genüge kennt: Allzu bequem haben es jene, die verteilen können, ohne die Kosten selbst aufbringen zu müssen. Da ist wohl eine zentrale Steuerung noch effizienter. Aber diese kann nur funktionieren, wenn sie für die Feinsteuerung in den einzelnen Schulen mehr Platz lässt. Und wenn sie ein Rezept findet, das es attraktiv macht, Lehrer zu werden, den Beruf einige Jahre auszuüben und dann ohne Existenzängste Jüngeren Platz zu machen. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 17.4.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 42
1 2
Alles Paletti

Ihr lernt das, was Ihr wissen dürft, und nicht das, was Ihr nicht wissen solltet. Ganz einfach!
http://www.youtube.com/watch?v=1rvPPxnITzU

guter artikel, klare argumente - danke herr seidl

"Wer zahlt schafft an"

Sollen jetzt nur mehr die Steuerzahler wählen dürfen?

9 Landesschulräte - für nur 8Mio Hanseln!

Das sind 9 Verwaltungskörper, von denen man jeweils nur die qualifizierten Überwachungsorgane brauchen würde. Da gibt es enormes Sparpotential!

Zusperrren, die Gebäude vermieten, Schulinspektoren aufwerten, Lehrer aufwerten, und anstatt 9 nur 3 Verwaltungsgebiete mit einer zentralen EDV.

8mio?

es gibt deutlich weniger schulkinder.

jaja so soll es sein.

aber: wie stelle man sich das vor, dass nach einigen jahren die lehrerschaft ohne existenzangst andere berufe antritt? wofür, außer evtl. schulungsbereich qualifiziert lehrersein de facto? besser gesagt, welche branche wird sie aufnehmen? das ist ja auch das problem, dass die lehrer selber gar nicht mehr so leicht wegkönnten, selbst wenn sie wollten, ebenso wie die öffentlich bediensteten in der verwaltung...

herr seidl könnte ja mit gutem beispiel vorangehen und jüngeren journalisten platz machen. ist immerhin auch keine wachstumsbranche.

Stimmt durchaus. Eine bessere Rotation von PädagogInnen (also nicht 40 Jahre in der Klasse stehen) respektive eine Durchlässigkeit des Verwaltungsapparates im Bildungsbereich (wie auch sonst) würde die Effizienz steigern und v.a. auch die Qualität - ergo: sowas würd allen Beteiligten was bringen. Schmied hat genau das gefordert, derartige Ideen finden aber leider keine Mehrheit (leider auch nicht bei ihren ParteifreundInnen). Nur so kann man aber mMn sozial verträgliche, notwendige Flexibilisierungen in der Verwaltung vornehmen. Nur dafür müsste man halt erst mal die typischen Standesdünkel abwerfen. Detto Bezirksschulräte in den BL: Abschaffen! Dort landen nur jene Speichellecker, die versorgt werden müssen (Kompetenz nebensächlich).

Noch etwas: Der Finanzausgleich bedingte, dass das Zahlenverhältnis Schüler - Lehrer seit ca. 2000 immer weiter stieg. So kam es grad unter Gehrer zu mehr Kürzungen. Das Zahlenverhältnis blieb auch unter Schmied gleich. Die Länder kompensieren eben teilweise nur den Mangel, der vor Jahren geschaffen wurde. Das sollte man schon auch dazuschreiben, wenn man die Situation umfassend beleuchten möchte.

Dass der die Länder anschaffen und der Bund zahlt, stimmt einfach nicht.
Die überzähligen Lehrer müssen die Länder selbst berappen. Man könnte höchstens mancherorts nachschauen, welche Posten so unter "Lehrer" laufen. Aber sonst?

Das Misstrauen gegenüber der Zentrale (in diesem Fall Wien und nein das hat nichts mit den Wienern im allgemeinen zu tun) wird ja in letzter Zeit nur verschärft, wenn man z. B. sieht, wie man von dort aus vor allem in den ländlichen Gebieten die Infrastruktur ausdünnt (Polizei, Bezirksgerichte, Postämter). Grad bei den Bezirksgerichten sind teilweise hirnrissige Zusammenlegungen geplant (siehe Tirol). So wird kein Vertrauen in den Bund geschafft.

Und wenn sie ein Rezept findet, das es attraktiv macht, Lehrer zu werden, den Beruf einige Jahre auszuüben und dann ohne Existenzängste Jüngeren Platz zu machen.

in welcher welt lebt der eigentlich? bis zu diesem satz dachte ich, er kennt sich aus. aber nein, doch wieder nur ein "bildungsexperte".

warum soll ein leiter einer schule einen älteren, erfahreren, engagierten lehrer gegen einen unerfahrenen poidl austauschen, der aus der schule in die schule kommt? lehrer müssen keine zementsackl schupfen. die dämliche vorstellung, "jünger ist besser" greift nicht immer, herr seidl.

besser wäre es, lehrer ungeachtet ihrem alter zu bewerten (60% durch schüler, 10% eltern, 30% schule) und danach zu bezahlen. aber da könnte ja ein guter lehrer für seine leistung belohnt werden, das geht gaaar nicht. und die schwammer werden zum ams entsorgt, dort können sie kurse halten, die wären billiger als bisher.

"die schwammer werden zum ams entsorgt, dort können sie kurse halten, die wären billiger als bisher."

Die AMS-Kurse werden mittlerweile zum Dumping Preis von 300 Euro angeboten. Dennoch müssen die Trainer lt.AMS-Vorgaben hochqualifiziert sein (Studium + Zusatzausbildungen + lange Praxis) und bekommen ein Gehalt, für das ein Lehrer nie und nimmer arbeiten würde!! Diffamieren Sie bitte nicht die Erwachsenenbildner!

und warum...

... machen die armen Erwachsenenbildner dann diese Billigjobs, statt "echte" Lehrer zu werden? Wo doch eh so ein Mangel herrscht?

Weil sie

nicht auf Lehramt studiert haben, weil sie oft nach einigen beruflichen Umwegen in der Erwachsenenbildung gelandet sind, weil sie Spaß daran haben, mit Erwachsenen zu arbeiten und nicht im verschulten Bildungssystem mit Kindern, weil sie mit 40 oder 50 zu alt sind, um ein Lehramtsstudium zu beginnen, usw., usf.

warum wird nicht gesagt,

dass viele im dienst befindlichen lehrerInnen bereits ein hohes dienstalter erreicht haben und entsprechend teuer sind?

der lehrerInnennachwuchs stürmt dzt die ph´s - aber von der aufnahme der besten - so die diktion der ministerin - sind wir weit entfernt!
jede/r wird aufgenommen!

Unangemessen teuer werden ältere Lehrkräfte weil in der Beamtenschaft zusätzlich zu den normalen Gehaltserhöhungen noch immer die antiquierten Biennalsprünge gezahlt werden. Dass ältere Lehrkräfte besser sind als engagierte Junglehrer darf bezweifelt werden

Einer von vielen Gründen, warum der Bildungssektor durchlässiger werden muss - ich finds nicht ok, wenn Menschen mehrere Jahrzehnte in der Klasse stehen MÜSSEN (wenn sie wollen, ist es eine andere Frage). Da ist mir lieber, die SchülerInnen kriegen die am besten Geeigneten und vormalige LehrerInnen können sich beruflich auch noch verändern (außer DirektorIn werden!) zB in der Verwaltung sinnvoll ihre Praxiserfahrung einbringen und voila: Auch die psychische bedingten Frühpensionsantritte würden drastisch zurückgehen, wenn die Arbeitsbiografien sinnvoller gestaltet werden (siehe z.B. Norwegen). Aber es wär ja zu konstruktiv, sowas zu machen und am Ende ist es immer antiquiertes Dünkeldenken, das alles verhindert.

Es ist eine Katastrophe, dass

wir uns im Jahr 2012 immer noch so schwer tun mit vernünftigen Lösungen! Dieses endlose hin-und-her zwischen den ewig gleichen Positionen ist sowas von nervig.

Ich finde es ist echt Zeit für Liberalisierung am Schulmarkt. Eltern bekommen den "Bildungsscheck" und können damit die Bildung ihrer Kinder in der Schule ihrer Wahl bezahlen.

Der Staat konzentriert sich auf die Qualitätskontrolle und die Vorgabe der Rahmenbedingungen (Definition der Kriterien für einen formalen Abschluss einer Ausbildungsstufe).

Damit könnte sich endlich mal ein Angebot entwickeln, dass den vielfältigen Wünschen der Eltern entspricht. Und für Lehrer gäbs dann auch sowas wie einen Arbeitsmarkt.
Man denke nur an: ORF allein im Gegensatz zu ORF+ATV+puls4+Servus

Wenn Sie jetzt noch ein praktikables Organisationsmodell zu dieser Idee haben...Wie genau erklären Sie kleinen Gemeinden mit ein 2000, 3000 EW (die für den Erhalt und allfäll. Ausbau der Schulgebäude zahlen müssen!), dass sie aufgrund nicht berechenbarer SchülerInnezahlen keine Planbarkeit haben? Allfällige bauliche Anpassungen wären nur möglich durch Erhöhung der Gemeindeabgaben oder weitere Ökonomisierung (will man diese beiden Dinge?) Sowas geht vielleicht in Wien, für die anderen Bundesländer (immer noch flächen- und bevölkerungsmäßige Großteil Österreichs) kann ich mir keine praktikable Umsetzungsmöglichkeit vorstellen. Ein neoliberales Modell, das nur für (regional od finanziell) begünstigte Einzelne Vorteile bergen kann.

Das Modell passt leider nicht in 750 Zeichen.
Regional und finanziell begünstigte gibts jetzt ja wohl genauso denn das Schulangebot in Wien ist jetzt auch schon anders als am Land.
Was genau ist schlecht daran wenn es mehr / andere Schulen gibt?
Wenn die staatlichen Schulen das bessere Angebot machen, werden die Eltern mit ihren Bildungsschecks dort hin gehen. Wenn nicht, werden sich eben alternative Schulformen entwickeln.

Was mMn nicht sein kann, ist, dass es so weitergeht wie bisher. Ein große Menge vom System ausgebrannter LehrerInnen und mittelmäßig gebildete Kinder. Wir können das Geld sinnvoller investieren und müssen endlich damit anfangen bevor noch 3 Generationen ihre Zeit in unzeitgemäßen Schulen vergeuden

Aber eben gerade deshalb, weil es jetzt schon so ist, sollte man dieses Stadt-Land-Gefälle nicht auch noch zusätzlich verstärken! Ich sehe die Probleme, die Sie anführen, auch als solche an aber mit Blick auf das britische Schulsystem, das ähnlich ansetzt wie Sie ("Wettbewerb wird für Qualität sorgen") würde ich die Hebel woanders ansetzen. Wie gesagt, Ausbildung der PädagogInnen sowie Durchlässigkeit verbessern, Bildungsausgaben höhere Prioritäten einräumen, vernünftige Umstrukturiereungen in Verwaltung und Lehrplänen,.... Ich bin der Meinung, Bildung sollte nach wie vor öffentlich bereitgestellt werden und das auf hohem Niveau.

ja-passt! Allerdings bin ich mir mittlerweile sicher, dass die Verwaltung nicht mehr zu Reformen in der Lage ist.
Das ist nur mehr ein Angleichen von Minimaländerungen, um nur ja keiner der Interessensgruppen weh zu tun. Und die Wehleidigkeit ist ausgesprochen groß.

Wir sollten mutig sein und auf die Ideen und Kreativität der Menschen vertrauen. Wir sollten ihnen Platz lassen und sagen: Wenn du glaubst eine gute Schule aufbauen zu können, dann unterstützen wir dich. Das sind die Rahmenbed. an die du dich halten musst. Bitte mach und zeig uns wie es besser sein könnte! Wenns wirklich super ist, dann übernehmen wir es ins Regelschulwesen. Alle gewinnen.
Lustig man kann sich das in AT eigentlich kaum vorstellen:Veränderungen unterstützen..

Zahlen tun die SteuerzahlerInnen und niemand sonst, die haben aber so oder so nicht viel zu sagen. Die Situation ist aber zweifellos ein gutes Beispiel für den österreichischen zentralistischen Pseudoföderalismus.

Es geht in solchen Artikeln am wenigsten um die Kinder, sondern in diesem Fall um ein Werben für mehr Zentralismus.

Aber man wird die Leute, die fernab des Zentrums leben, nicht überzeugen können, wenn Pläne gemacht oder Handlungen gesetzt werden, die implizieren, dass den Zentralisten diese Leute mehr oder weniger wurscht sind.

Siehe die geplanten Bezirksgerichtszusammenlegungen in Tirol.

Ich stimme Ihnen bei der grundsätzlichen Kritik am Zentralismus durchaus zu. Aber gerade im Schulsystem und dessen Verwaltung (zB Bezirksschulräte etc.) gibt es unnötige Parallel- und Dreifachstrukturen, die a. eh nur ein Pool an Versorgungsjobs für - unabhängig fachlicher Kompetenz - Speichellecker und/oder beim jeweiligen Landeskaiser/in in Ungnade gefallene Ex-PolitikerInnen und b. erst recht nicht sein müssen, wenn man eh schon sparen muss. Ich finde die anti-demokratische Implikation hinter einer "Parteienfilz"-Diskussion grundsätzlich abzulehnen, gleichzeitig muss man aber - eben auch der demokratischen Hygiene zuliebe - auch den Verwaltungsapparat kritischem Monitoring unterziehen. Weil aus sowas erwachst dann erst dieser Diskurs.

Posting 1 bis 25 von 42
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.