Macho-Spots im türkischen Fernsehen

16. April 2012, 19:16
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Das türkische Industrieministerium hat eine Istanbuler Werbeagentur für ihr Hitler-Shampoo-Video abgestraft. Doch die hat ein Repertoire an sexistischen Spots.

Die Herren der Istanbuler Werbeagentur M.A.R.K.A. haben ein besonderes Händchen, und zwar ein besonders sexistisches und rassistisches, wenn man den Ausführungen des türkischen Industrieministeriums folgen will. Dort hat eine für Werbung zuständige Kommission nun den Schlussstrich unter die Hitler-Shampoo-Saga gezogen, die seit März in der Türkei wie im Ausland mit Empörung und Fassungslosigkeit verfolgt wird. Für drei Monate muss M.A.R.K.A. die Verbreitung des Werbespots aussetzen, so ordnete die Kommission laut türkischen Medienberichten an. Es wäre eine rein formale Verurteilung, denn ihren Spot für das Haarwaschmittel „Biomen“ hatte die Agentur Ende März nach einer Woche im Fernsehen selbst abgesetzt.

In dem 13-Sekunden-Video sieht man Hitler, der auf Türkisch brüllt: „Wenn du keine Frauenkleider trägst, nimm auch kein Shampoo für Frauen. Es gibt das 100prozentige Männer-Shampoo Biomen. Wenn du ein Mann bist, nimmst du Biomen.“ Darauf muss man erst einmal kommen.

 

 

Bild und Mann vielleicht ein bisschen falsch, zugegeben, dachten sich die Werbehengste von M.A.R.K.A., aber die Idee mit den Männern, die morgens unter der Dusche nicht zum Shampoo ihrer Dame greifen wollen, ist doch goldrichtig. Also Hitler-Video abgesetzt und gleich ein neues Shampoo-Video auf den Schirm gebracht:

 

 

Hier sieht man also drei Männer in Frauenkleidern, Hitlers Albtraum – wir erinnern uns – und hört dazu denselben Text, dieses Mal von einer sonoren Männerstimme gesprochen. Statt Spaß mit Nazis ist die Werbebotschaft nun auf ihren sexistischen Grundgedanken gebracht. Auch dieser Spot verschwand schnell aus dem Werbeprogramm und von der Webseite des Unternehmens. Eine Entschuldigung für das Hitler-Video hat die Werbeagentur dann zustande gebracht. Darin heißt es: „Wir haben festgestellt, dass die Empfindlichkeiten in der Welt und in der Türkei noch so hoch und glühend sind, dass die Menschen nicht bereit sind, sich über diesen grausamen Diktator lustig zu machen.“

Vielleicht war also alles ganz anders gedacht, Hitler und das Haarwaschmittel mit dem biologischen Namen als große Karikatur des Machismus? Auch nicht, denn M.A.R.K.A. hat ein Repertoire an sexistischer Werbung: „Wir sind die zweiten, aber unserer ist 77 Zentimeter (lang)“, lautete 2005 der Spot für die türkische Fluggesellschaft Atlas-Jet und deren angeblich großzügige Platzverhältnisse für die Passagiere verglichen mit Turkish Airlines.

Ein neueres Werbevideo für den türkischen Haushaltswarenhersteller Regal ist noch sehr viel anstößiger: Gezeigt wird ein Dummerl, dem ein Verkäufer zwei identische Waschmaschinen vorstellt, rechts die Maschine für fünf Türkische Lira mit einem großen (ausländischen) Markennamen, links die Waschmaschine für drei Lira von Regal. Die Frau entscheidet sich für den Markennamen und wird von dem Verkäufer geohrfeigt, was man nicht mehr sieht, aber hört. Einen ähnlichen Spot gibt es auch mit einem Mann, der sich für das falsche Fernsehgerät entscheidet und ebenfalls gewatscht wird. Angesichts der in der Türkei weithin verbreiteten – und mittlerweile auch diskutierten – Gewalt gegen Frauen ist der Regal-Werbespot inakzeptabel, sollte man meinen. Auf der Webseite von M.A.R.K.A. steht er immer noch.

 

 

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    screenshot: derstandard.at
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