Kündigungen: Das "Wie" geht an die Nieren

16. April 2012, 17:22
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Der "humane" Umgang mit Trennungen war Thema beim HR Circle: "Eine Kündigung ist sehr präsent. Auch bei Leuten, denen es vor 15 Jahren passiert ist"

Bei Sony wackeln 10.000 Jobs. Das Elektronikunternehmen hat einen Mitarbeiterabbau im großen Stil angekündigt. Nur: wann es wen trifft, ist noch nicht bekannt. Eine monatelange Unsicherheit ist die Folge, die erst beim finalen Kündigungsschreiben der Gewissheit weichen wird. Wie gehen Beschäftigte mit solchen Situationen um? Mit Kündigungen aus wirtschaftlichen Gründen ist beinahe jeder im Laufe seines Erwerbslebens konfrontiert.

Eine Herausforderung für alle Involvierten. "Das Thema ist dennoch tabu", sagt Walter Reisenzein, geschäftsführender Gesellschafter von "Lee Hecht Harrison I DBM 'Die Outplacement Company'". Verdrängung wird als Schutzmechanismus installiert. "Man glaubt auch nicht, dass man jemals geschieden wird", so Reisenzein beim HR Circle, "die Scheidungsquote beträgt aber 50 Prozent".

Auf der Toilette gefeuert

Narben bleiben, auch bei beruflichen Trennungen: "Eine Kündigung ist sehr präsent. Auch bei Leuten, denen es vor 15 Jahren passiert ist", meint Andreas Nentwich, Autor des Buches "Rausfliegen mit Erfolg". Um den Schaden zu minimieren, komme es auf das "Wie" an, so Nentwich, der von Kündigungen erzählt, die auf der Toilette ausgesprochen werden oder auf Weihnachtsfeiern. "Das geht an die Nieren." Aus Feigheit und zum Teil in dem Glauben, dass es Betroffene dann lockerer nehmen. "Viele Chefs möchten unangenehme Dinge nicht im eigenen Büro erledigen", kritisiert er. Ein anderer Ort sollte aber nicht infrage kommen.

"Das A und O einer Trennung ist die richtige Vorbereitung", assistiert Walter Reisenzein. Vom Zeitpunkt her empfiehlt er einen Termin unter der Woche - und tagsüber: "Abends oder kurz vor dem Wochenende ist es nicht ideal." Genauso wenig wie vor Feiertagen, vor Ferien oder vor dem Urlaub. Zu beachten sei, dass dem Betroffenen Zeit bis zu einem Zweitgespräch eingeräumt werden müsse. Da gehe es dann - oft unter Zuziehung des Personalverantwortlichen - um die Details der Vertragsauflösung. "Da darf man die Verfügbarkeit der handelnden Akteure nicht außer Acht lassen." Ist die Entscheidung, Mitarbeiter kündigen zu müssen, einmal gefallen, dann soll sie auch so schnell wie möglich exekutiert werden: "Sonst entstehen Gerüchte."

Büro, nicht "Glashaus"

Gekündigt werden soll im Büro des Vorgesetzten, aber nicht im "Glashaus", warnt Reisenzein vor verglasten Räumen als Ort des Gesprächs: "Die Emotionen sollen nicht für andere Mitarbeiter sichtbar sein." Emotionen, die schon davor als "Worst Case Szenario" imaginiert werden sollen, denn: "Was mache ich, wenn der Betroffene auf mich losgeht?" Eskalationen, die schon vorgekommen sind. Wird so ein Szenario befürchtet, dann soll man ein Büro wählen, wo nebenan jemand sitzt, den man bei Bedarf um Hilfe rufen kann.

Ganz wichtig seien klare Worte, um keinen Raum für Missverständnisse zu lassen: "Gekündigte wissen oft nicht, was gerade passiert ist." Die Botschaft müsse ohne großes Herumlavieren ankommen. "Sonst muss ich ihn noch ein zweites Mal kündigen." Betroffene wünschen sich klare Formulierungen, so Reisenzein. Eine Frage des Respekts.

"Selbstachtung ist auch weg"

"Kurzfristig verliert man viel mehr als den Job", mahnt Andreas Nentwich zu so viel Sensibilität wie möglich. "Die Selbstachtung ist auch weg." Je mehr man sich über den Beruf definiert. Bei Kündigungen, die aus finanziellen Gründen erfolgen, seien einfach externe Faktoren im Spiel, die man nicht beeinflussen könne, "das ist nichts Persönliches." Obwohl es natürlich wie ein "Schlag in die Magengrube" wahrgenommen werde. Um Spekulationen unter Mitarbeitern, die nach personellem Aderlass oft entstehen, schon im Keim zu ersticken, appelliert er an Führungskräfte, für eine transparente Kommunikation zu sorgen. Angst vor Jobverlust sei kein guter Nährboden für Leistung. "Sonst gehen die Guten und die Schlechten bleiben."

Abfederungen für alle Beteiligten hat sich Walter Reisenzeins Unternehmen auf seine Fahnen geheftet. "Lee Hecht Harrison I DBM" ist auf Outplacement spezialisiert, laut eigenen Angaben der weltweit größte Anbieter. Outplacement ist ein Prozess, mit dem Kündigungen flankiert werden, um einerseits Unternehmen das Prozedere selbst zu erleichtern und um andererseits den Betroffenen bei der beruflichen Neuorientierung zu helfen. Die Dauer variiert zwischen einem Vollprogramm, das unbefristet ist und einem Halbjahresprogramm. Charakteristisch sind bei gefeuerten Arbeitnehmern drei Phasen, wie Reisenzein erläutert: "Das Ende, Suchen und Finden und der Neubeginn." Die Phasen kommen nach Kündigungen in Wellen wieder. "Man muss seine Emotionen annehmen, sonst hat man keine Chance auf Verarbeitung." 

40 Prozent der Jobs über persönliche Kontakte

"Wir helfen Betroffenen, wieder Selbstvertrauen aufzubauen", betont Reisenzein. Das gehe von der Etablierung einer Eigenmarketingstrategie über das zur Verfügung stellen von Bürofläche bis zur gezielten Vermittlungen zu Personalberatungen. Ein wichtiger Teil des Programms sei der Aufbau eines persönlichen Netzwerkes, denn: "40 Prozent finden so ihren Job." Als "Hilfe zur Selbsthilfe" beschreibt er Outplacement, für das Firmen tief in die Tasche greifen müssen. Der Preis für das unbefristete Vollprogramm beträgt 20 Prozent vom letzten Bruttojahresgehalt, jener für das Halbjahresprogramm 16 Prozent.

Warum sollten Unternehmen auf der einen Seite Beschäftigte abbauen und auf der anderen Seite Geld für deren Ausscheiden in die Hand nehmen? "Sie haben die Sicherheit, dass es zu einer einvernehmlichen Trennung kommt", sagt Reisenzein. Mitarbeiter, die mit Outplacement "belohnt" werden, würden sicher nicht prozessieren. Gerichtliche Auseinandersetzungen kämen Firmen ansonsten sehr teuer. Weiter sieht er den Imagegewinn als Asset. Wer sich um humane Lösungen für Gekündigte bemühe, werde sicher an Reputation gewinnen, ist er überzeugt. Laut Reisenzein brauchen die Klienten im Schnitt ein halbes Jahr, um einen neuen Job zu finden. (om, derStandard.at, 16.4.2012)

Link
www.hrcircle.at

Hinweis zur nächsten Veranstaltung:

Breakfast mit Conrad Pramböck am 21. Juni (Head of Compensation Consulting - Pedersen & Partners): Reality-Check für Compensation Modelle

  • Wann: Einlass um 8.30 Uhr, Beginn um 9.00 Uhr
  • Wo: ARS - Akademie für Recht, Steuern & Wirtschaft, Schallautzerstraße 4, 1010 Wien
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    "Wie kündige ich richtig?" wurde beim HR-Circle thematisiert.

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