Präsident Karzai kritisiert NATO

  • NATO-Soldat im Gefecht.
    foto: dapd/musadeq sadeq

    NATO-Soldat im Gefecht.

Dutzende Tote bei Anschlägen - Staatschef ortet nach "Frühjahrsoffensive" der Taliban ein "schweres Versagen" der westlichen Truppen

Kabul - Nach schweren Gefechten mit den Taliban haben afghanische Sicherheitskräfte nach eigenen Angaben wieder die Oberhand in Kabul gewonnen. Mehr als 30 Aufständische seien getötet worden, erklärte das Verteidigungsministerium am Montag. Explosionen, Raketenangriffe und Schießereien erschütterten die Hauptstadt noch die ganze Nacht hindurch. Erst Montagfrüh beruhigte sich die Lage.

Die Kämpfe hatten am Sonntagmittag mit einer Serie von Angriffen auch auf mehrere Botschaften westlicher Staaten begonnen. Die Attacken gehörten zu den schwersten in Kabul seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001. Die Rebellen bezeichneten sie als Rache an US-Soldaten und erklärten sie zum Auftakt ihrer "Frühjahrsoffensive". Sie drohten mit weiteren Angriffen."Trotz ihrer Sprengstoffwesten gelang ihnen nichts anderes, als sich töten zu lassen", sagte der Stabschef des Verteidigungsministeriums, Afsal Aman. In kurzer Zeit seien 32 Kämpfer getötet und die teuflischen Pläne der Aufständischen vereitelt worden.

Doch die koordinierten Angriffe in Kabul und drei weiteren Provinzen des Landes unterstreichen, dass die radikal-islamischen Taliban durchaus symbolträchtige und hochgesicherte Ziele ins Visier nehmen können. Sie hatten es nach eigenen Angaben vor allem auf die deutsche und die britische Botschaft sowie den Sitz der NATO-geführten internationalen Einsatztruppe und das Parlament abgesehen.

Geheimdienste und NATO versagten

Afghanistans Präsident Hamid Karzai gab auch der internationalen Militärpräsenz im Land Verantwortung an den Opfern. In einer Mitteilung Karzais hieß es am Montag, Geheimdienstversagen der afghanischen Seite und besonders der NATO hätten die Angriffe möglich gemacht. Das müsse untersucht werden. Karzai lobte die afghanischen Sicherheitskräfte. Sie hätten dem Volk das "Vertrauen gegeben, dass sie ihr Territorium erfolgreich verteidigen können".

Die über 18 Stunden andauernden Kämpfe waren gegen Ende noch einmal aufgeflammt. NATO-Hubschrauber nahmen Kämpfer unter Beschuss, die sich in dem Rohbau eines mehrstöckigen Hauses verschanzt hatten und von dort mit Granaten und Gewehren auf das Diplomatenviertel schossen. Elitesoldaten drangen in das Gebäude ein und lieferten sich heftige Kämpfe mit den Aufständischen. Dicke Staubwolken drangen nach draußen, weil sich im Kugelhagel der Putz von den Wänden löste. Aus den Reihen der afghanischen Sicherheitskräften wurden zunächst elf Tote gemeldet. Dutzende weitere wurden demnach verletzt.

Die Taliban zeigten sich stolz auf die Verwüstung. "Diese Angriffe sind der Auftakt unserer Frühjahrsoffensive, die wir monatelang vorbereitet haben", sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mujahid der Nachrichtenagentur Reuters. Damit sollten Übergriffe der US-Truppen gerächt werden - so die Verbrennung von Koran-Exemplaren in einem NATO-Stützpunkt und der Tod von 17 Zivilisten im Kugelhagel eine US-Soldaten.

Auch die nordafghanische Stadt Kunduz entging nach Angaben der Polizei nur knapp einem Blutbad. Der Polizeichef der Provinz, Samiullah Katra, sagte am Montag, Sicherheitskräfte hätten in der Nacht zum Sonntag 15 Taliban-Kämpfer gefangen genommen. Sie hätten in der Stadt Kunduz eine Serie komplexer Selbstmordanschläge und Angriffe ausführen sollen. Hinweise des Geheimdienstes hätten zu ihrem Ergreifen geführt.

Trotz des Bekenntnis der Taliban hält der US-Botschafter in Afghanistan, Ryan Crocker, das Haqqani-Netzwerk - eine andere Extremistengruppe - für die wahren Drahtzieher der Angriffe. Diese dürften von Pakistan aus eingefädelt worden sein, sagte Crocker dem Nachrichtensender CNN. Das Haqqani-Netzwerk ist eine eigene Gruppe, erkennt aber Taliban-Chef Mullah Omar als obersten Anführer an. Unter den unterschiedlichen Taliban-Verbündeten gilt die Hakkani-Gruppe als gefährlichster Gegner der USA in Afghanistan.

Auch das afghanische Innenministerium machte das aus Pakistan heraus operierende Haqqani-Netzwerk für die Angriffe verantwortlich. Innenminister Bismillah Mohammadi sagte in Kabul, ein festgenommener Angreifer habe der Polizei gesagt, er sei aus Pakistan. "Er wurde dort trainiert und ausgerüstet." Er habe außerdem gestanden, dem Haqqani-Netzwerk anzugehören.

In Washington betonten Regierungsvertreter, die Angriffe änderten nichts an ihrer Afghanistan-Strategie. Für US-Präsidenten Barack Obama bedeuten die Attacken aber einen herben Rückschlag, da er sich die Kampagne gegen die Taliban im Wahlkampf als Erfolg auf die Fahnen schreiben will. Die meisten internationalen Kampftruppen sollen das Land Ende 2014 verlassen.

 (APA, 16.4.2012)

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