Stadt ohne Juden

17. Juni 2003, 18:37
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Eine Erinnerung - Kommentar der anderen von Gabriele Braunsberg

Vor rund 80 Jahren schrieb der Journalist Hugo Bettauer den visionären Roman "Die Stadt ohne Juden", in dem er erzählt, wie nach dem Ersten Weltkrieg in Österreich durch ein Verfassungsgesetz alle Juden aus dem Land gewiesen werden. Initiator dieses "Judengesetzes" ist Karl Schwertfeger, Bürgermeister von Wien und unschwer als Karl Lueger zu erkennen. Diese Maßnahme löst jedoch einen jähen kulturellen Rückgang aus ("Posemukel ist eine Großstadt im Vergleiche zu Wien von heute"), und die Juden werden drei Jahre später im Triumph wieder zurückgeholt.

"Die Stadt ohne Juden" wird als utopischer Roman bezeichnet, obwohl Bettauer sehr genau vorhergesehen hat, wozu Neid und Missgunst der österreichischen Bevölkerung gegenüber der kulturell wie wirtschaftlich florierenden jüdischen Gemeinde führen würden. Die Utopie bezieht sich einzig und allein auf das Einsehen der Bevölkerung und somit auf das Happyend des Romans. Kaum 20 Jahre später waren die Österreicher ihre Juden auch wirklich los, und es gab tatsächlich ein "Judengesetz", das sich mit der Ausweisung der Juden unter Zurücklassung ihres gesamten Vermögens befasste. Juden, die dieser "Einladung" nicht nachkommen wollten oder nicht in der Lage waren, die hohen "Fluchtsteuern" zu zahlen, wurden kostenlos zu den Gasöfen der Konzentrationslager transportiert.

Geschichte ...

Bettauer sollte dies nicht mehr erleben, er fiel 1925 einem nazistischen Attentat zum Opfer. Was er ebenso nicht mehr erlebte, war das konsequente Verhalten der diversen Regierungen der Zweiten Republik gegenüber den österreichischen Juden, die den Holocaust durch Emigration überlebt hatten. Niemand wurde dazu aufgefordert – geschweige denn wie in Bettauers Roman gedrängt, in die alte Heimat zurückzukommen. Für die in Wissenschaft oder Kunst berühmt Gewordenen gab es gelegentlich Goldene Ehrennadeln und unlängst sogar ein Symposium, bei dem Nationalratspräsident Andreas Khol in seiner Ansprache Fehler in der Vergangenheit einräumte, Ingeborg Bachmanns Ausspruch "Die Geschichte hat keine Schüler" zitierte und danach für das ganze Land den Vorsatz fasste, Schüler sein zu wollen. Fast 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein sehr verspätetes Vorhaben.

... ohne Schüler?

In der Zwischenzeit kämpft die Israelitische Kultusgemeinde um ihr finanzielles Überleben, das sich nur durch die Restitution der geraubten Besitzungen durch den Staat ermöglichen ließe; und das (jüdische) Autorentriumvirat Schindel, Rabinovici, Menasse stellt in einem offenen Brief (STANDARD, 14. 6.) an die Bundesregierung die Frage in den Raum, was Wien ohne jüdische Kultur wäre. Solange sich allerdings nur Mitglieder der jüdischen Gemeinde den Kopf darüber zerbrechen, wird es kein großes Echo geben. Die Frage ist vielmehr, ob das Aussterben der ohnehin schon dünn gewordenen jüdischen Kultur in Österreich die Menschen hier überhaupt interessiert.

Es scheint, dass es in diesem Land außer Hans Rauscher niemanden gibt – weder in den Reihen der Künstler, der Wissenschafter, der Kirche, der Politiker oder der Unternehmer –, dessen moralische Befindlichkeit zu einem lautstarken Einsatz gegen einen jahrzehntelangen, beschämenden Zustand zwingt. Nicht einmal ein paar Schüler? (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2003)

Gabriele Braunsberg. Drehbuchautorin und Filmemacherin, lebt in Wien
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