Wen bewegt schon die Umwelt?

17. Juni 2003, 18:12
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Ökobewegungen in einer Krise: Nicht einmal ihre Erfolge dringen ins Bewusstsein - von Conrad Seidl

Erfolg für Greenpeace: Diese Woche wurde in Berlin ein Abkommen zum Schutz der Wale verabschiedet, das in vielen Punkten die Wünsche der Umweltschützer berücksichtigt. Nicht der Walfang, sondern das "Whale Watching" - der Wal-Tourismus - soll künftig das Geschäft mit den großen Meeressäugern bestimmen. Alles schön ökologisch. Aber, ehrlich gesagt: Bewegt uns das wirklich? Nicht sehr.

Misserfolg für Greenpeace: Diese Woche wurde in Wien ein Volksbegehren zur Zurückdrängung des Euratom- Vertrags abgeschlossen. Die öffentliche Wahrnehmbarkeit war gering, das Volksbegehren ist weit unter den Hoffnungen seiner Initiatoren geblieben. Aber, ehrlich gesagt: Auch das bewegt kaum jemanden.

Die Umweltpolitik, die vor zehn, 15, 20 oder 25 Jahren mit den Themen Nationalparks, Waldsterben, Hainburg und Zwentendorf die öffentliche Diskussion beherrscht hat, findet heute kaum noch Beachtung.

Ein gewisser Josef Pröll soll zuständig sein dafür. Er ist ein sympathischer junger Mann, der sich redlich bemüht, einen "Walddialog" in Gang zu bringen und ins allgemeine Bewusstsein zu bringen, dass es eine "Woche des Waldes" gibt. Das ist diese Woche. Sie steht unter dem Motto "Wald und Wasser" - und das hätte vor gar nicht langer Zeit Hunderttausende Menschen bewegt, die in den Wald gegangen sind, um "Bruder Baum" zu umarmen, auf dass er das Regenwasser speichere und es zu keinen Hochwassern komme.

Aber das letzte Katastrophenhochwasser ist - zumindest in den Gegenden, die nicht betroffen waren - längst vergessen. Und "Bruder Baum" wird allenfalls dann zum Thema, wenn es um ein paar Parkbäume in der City oder im Nobelvorort Pötzleinsdorf geht.

Die Zusammenhänge im Ökosystem Wald? Alles sehr, sehr kompliziert. Ähnlich wie der kluge Politikansatz des Greenpeace-Volksbegehrens: Das österreichische Volk möge das österreichische Parlament dazu bewegen, dass es die österreichische Regierung dazu verpflichte, auf EU-Ebene tätig zu werden, damit die atomfreundliche Kommissarin ihre Pläne nicht umsetzen kann - kapiert? Nein, ist eben zu kompliziert.

Dass die komplexen Umwelt- und Politikbeziehungen nicht mehr genügend Aufmerksamkeit finden, ist natürlich auch Ausdruck des Zeitgeists: Die meisten Menschen wollen sich für kompliziertere Fragen keine Zeit nehmen, erfolgreiche Politikinhalte müssen rasch konsumierbar sein - und das Schlagwort "Pensionsraub" ist eben eingängiger als die Winkelzüge internationaler Atompolitik.

Die schlechte Konjunktur der Umweltthemen ist allerdings auch von den Umweltorganisationen mitverursacht: Sie haben ihr Thema nämlich lange Zeit durchaus erfolgreich in die Medien gebracht - das Schlagwort Waldsterben ist ein gutes Beispiel dafür: Da haben uns umweltbewegte Wissenschafter erzählt, dass der Wald zu 50, 70 und mehr Prozent krank sei. Es gipfelte in der Aussage, "dass 100 Prozent der Bäume potenziell geschädigt" seien. Bitteschön: Mehr geht bei bester Katastrophenstimmung nicht mehr.

Die Katastrophen aber sind - gemessen an den Horrorprognosen - glücklicherweise selten geblieben. Und damit ist auch die Relevanz der Umweltorganisationen zurückgegangen. Sie können nicht weiter lizitieren. Die ersten Besetzungen von Industrieanlagen, das waren noch Sensationen. Die ersten Fotos von wieder angesiedelten Bären, Bibern, Trappen und was sonst noch kreucht und fleucht waren es ebenfalls.

Aber inzwischen sind die Besetzungen längst kein Thema mehr. Für soziale Anliegen - Menschenbabys bei "Licht ins Dunkel" - macht man eher die Spendenbrieftasche auf als für noch so süße Bärenbabies. Und Anti-Atompolitik ist auch nicht mehr so sexy, seit sich ausgerechnet die FPÖ des Themas bemächtigt hat.

Ja, wenn wieder so etwas wie Tschernobyl käme - eine Katastrophe die ein Umdenken bewirken würde. Aber das wollen wir uns ja doch nicht wünschen! (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.6.2003)

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