Wer wird das nächste Nokia?

14. April 2012, 11:44
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Selbst Apple kann es eines Tages so ergehen wie anderen gefallenen Stars. Denn IT-Erfolg ist höchst vergänglich

Die Nokia-Geschichte kann einen traurig stimmen. Nicht nur, dass hier ein großer europäischer Hoffnungsträger in den Abgrund schlittert. Nokia war auch immer ein sympathisches Unternehmen, dass sich schon zu einem Zeitpunkt um nutzerfreundliche Handys gekümmert hat, als andere noch ihre Menüführungen von Technikern machen ließen. Alte Nokia-Geräte haben fast schon Kultstatus (und ich habe glücklich noch vor kurzem mit einem Nokia E92 telefoniert, bevor ich auch zum iPhone wechselte).

Und dennoch schaut es nach der jüngsten Gewinnwarnung ganz schlecht um die Zukunft des finnischen Vorzeigeunternehmens aus. Er hat den Wechsel zum Smartphone schlecht gemanagt, weil er mehr auf Hardware als auf Software setzte, er hat die App-Kultur völlig verschlafen, und ist nun beim Versuch, mithilfe von Microsoft den technologischen Anschluss zu finden, offenbar gescheitert.  Viele weitere Chancen hat Nokia nicht, denn die Welt kann auch ohne den Immer-noch-Marktführer leben.

Aber Nokia ist kein Einzelfall. Wenn man sich die Zahl der einst hochfliegenden IT-Unternehmen überlegt, die in den vergangenen Jahren gestrauchelt sind, dann wirkt die ganze Branche wie ein Lazarett – oder fast schon wie ein Friedhof.

Noch schleppen sich AOL und Yahoo weiter, aber eigentlich sind beide schon Zombies. Dem Smartphone-Pionier RIM mit seinem Blackberry geht es noch schlechter als Nokia. Aber auch im Bereich von Computern und der klassischen Elektronikindustrie schlagen sich Unternehmen wie die PC-Hersteller Dell und Hewlett-Packard und der Walkman-Erfinder Sony nur noch recht und schlecht durch.

All diese Unternehmen waren einmal so erfolgreich und hochgelobt wie heute Apple, Samsung, Google oder Facebook. Und sie alle wurden Opfer von neuen technologischen Trends und verpatzten Produktentwicklungen. Mehr als jede andere Industrie der jüngeren Geschichte ist IT ein reißender Fluss, wo man ständig in Gefahr ist, am nächsten Felsen zu zerschellen.

Das bedeutet, dass der Erfolg von heute wenig über die Aussichten für übermorgen aussagt. Oft reichen ein paar Jahre, um aus einem Überflieger einen Absturzkandidaten zu machen. So etwas hat es in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte noch nie gegeben. Großkonzerne in anderen Branchen florieren meist jahrzehntelang, manchmal mehr als ein Jahrhundert.

Aber wenn der Markt jedes Jahr ein neues Produkt und alle fünf Jahre eine völlig neue Technologie verlangen, dann gibt es keinen Augenblick der Sicherheit. Niemand hat das, was in der Unternehmenssprache "Franchise" genannt wird.

Die Ausnahmen der vergangenen Jahre sind IBM, die den Produktsektor de facto verlassen haben und zu einem stabil bilanzierenden Beratungskonzern geworden sind. Und Microsoft hat dank seines Allerweltproduktes Windows seine Profitabilität bewahren können. Aber ein Innovator und Machtfaktor ist Softwareriese nicht mehr. Und das merkt man auch an seiner Marktkapitalisierung.

Genauso kann es auch den heutigen Stars gehen. Amazon hat zwar eine großartige Marktstellung im Online-Handel und nun dank seinem Kindle auch bei E-Books herausgearbeitet und mit Jeff Bezos einen höchst kreativen Chef. Aber es bleibt angreif- und verwundbar. Google befindet sich in einem Abwehrkampf an vielen Fronten. Bei Facebook wachsen schon vor dem Börsengang die Zweifel über das Geschäftsmodell.

Und auch bei Apple ist es absehbar, dass die i-Erfolgssträhne eines Tages abreißt. Das würden wohl viele Kommentatoren darauf zurückführen, dass Steve Jobs nicht mehr da ist. Aber sein Nachfolger Tim Cook ist in einer ähnlichen Lage wie die Erben anderer großer Reichsgründer: Es ist verdammt schwer, eine so unglaubliche Expansion wie die von Jobs fortzusetzen oder auch nur zu verteidigen.

Zumindest bei Technologieunternehmen muss man sich darauf einstellen, dass in jedem Jahrzehnt andere Spieler den Ton angeben werden – und die heutigen Triumphatoren morgen kaum noch eine Fußnote wert sein werden.  Dann kann auch die Apple-Aktie eines Tages wieder 8 statt 640 Dollar wert sein.

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