Aufbruch nach dem Bürgerkrieg

  • "Schützt den Frieden, den wir gewonnen haben", steht auf dem Schild, das ein Anhänger von Präsident Rajapakse (im Hintergrund) in die Höhe hält. Die Resolution im UN-Menschenrechtsrat, die eine unabhängige Untersuchung möglicher Kriegsverbrechen fordert, hatte in Sri Lanka Proteste ausgelöst.
    foto: reuters/liyanawatte

    "Schützt den Frieden, den wir gewonnen haben", steht auf dem Schild, das ein Anhänger von Präsident Rajapakse (im Hintergrund) in die Höhe hält. Die Resolution im UN-Menschenrechtsrat, die eine unabhängige Untersuchung möglicher Kriegsverbrechen fordert, hatte in Sri Lanka Proteste ausgelöst.

Drei Jahre nach Kriegsende bemüht sich die Regierung um Normalität

Drei Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs bemüht sich Sri Lanka um Normalität. Die Regierung setzt auf einen Wirtschaftsboom. Wegen möglicher Kriegsverbrechen steht das Land international jedoch am Pranger.

 

Der Präsident schwitzt. Die Klimaanlage ist ausgefallen, und bei 38 Grad Außentemperatur hat sich das Festzelt rasch aufgeheizt. Aber Mahinda Rajapakse, ein breitschultriger Mann mit markantem Schnurrbart und festem Blick, bewahrt Haltung. Vom Podium herab wendet er sich an sein Publikum, Geschäftsleute, Diplomaten, Journalisten. Eröffnung der Sri Lanka Expo 2012 in Colombo, einer Wirtschaftsmesse, mit der die Regierung ausländische Investoren ins Land bringen will. Es ist die erste dieser Art seit 15 Jahren.

Die Rede des Präsidenten handelt von der Zukunft, doch fast in jedem Satz schwingt die Vergangenheit mit. Die Zukunft - das sind Investitionen, hohe Wachstumsraten, Touristenströme. Die Vergangenheit - das sind 26 Jahre Bürgerkrieg, den die Regierung 2009 mit einer massiven Armee offensive gegen die Rebellengruppe Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) beendete.

"In unserer Region sind wir einzigartig, weil wir frei von Konflikten sind und frei von der Bedrohung terroristischer Gewalt", preist Rajapakse sein Land an. Jetzt, wo Frieden herrsche, so der Tenor seiner Rede, stehe einer wirtschaftlich glänzenden Zukunft nichts mehr im Wege.

Hoher Preis des Friedens

Frieden, das bedeutet in Colombo keine Straßensperren, keine Anschläge, keine Soldaten mehr an jeder Ecke. So schildern es jene, die den Konflikt in der Hauptstadt erlebt haben. "Jetzt gibt es auf einmal wirklich Frieden - und eine Perspektive für die Menschen", sagt auch Edith Hornig, deren Unternehmen in Graz Tee und Kaffee vertreibt und die als Honorarkonsulin für Sri Lanka fungiert.

Doch der Frieden hat einen hohen Preis gehabt. Allein in der Schlussphase des Krieges im Frühjahr 2009 sind bis zu 40.000 Zivilisten getötet worden, sagen Menschenrechtsorganisationen. Das hat für Colombo bis heute Folgen, auch wenn die Regierung alles tut, um die Vergangenheit vergessen zu machen, und Präsident Rajapakse vom "Wunder der Versöhnung" spricht.

Denn seit ein UN-Bericht vor einem Jahr "glaubhafte Hinweise" auf Kriegsverbrechen festgestellt hat, sind die Forderungen nach einer Untersuchung international noch lauter geworden. Der Bericht nennt zwar ausdrücklich beide Seiten, aber weil die Führung der Tamilen-Rebellen getötet wurde, bleibt nur die Regierungsseite, die Rechenschaft ablegen könnte.

Aufklärungsbedarf

"Hier geht es um Vorwürfe, die dringend einer Aufklärung bedürfen", sagt Christian Strohal, Österreichs Botschafter bei der Uno in Genf. Im März hat der UN-Menschenrechtsrat deshalb eine Resolution verabschiedet, die - mit Verweis auf die Empfehlungen der Versöhnungskommission in Sri Lanka selbst - die Regierung zu einer unabhängigen Untersuchung auffordert. Ein Schritt, der Colombo in Rage und tausende Rajapakse-Anhänger zu Protesten auf die Straße brachte.

Paikiasothy Saravanamuttu, Menschenrechtsaktivist und Direktor des Zentrums für Politik alternativen in Colombo, lehnt sich in seinem Bürosessel zurück, auf dem Schreibtisch stapelt sich Papier, an der Wand prangt ein Plakat mit der Aufschrift "Keine Gewalt". Er spricht gepflegtes Englisch mit britischem Akzent.

Die Resolution, sagt er, sei "die erste Niederlage der Regierung". Bisher habe es Colombo geschafft, den Krieg herauszuhalten aus der offiziellen Uno-Agenda, auch mit Unterstützung der Veto-Mächte China und Russland, die jede Befassung des Sicherheitsrats blockiert haben. Die Regierung sei einerseits sehr stark, sei sich aber gleichzeitig sehr unsicher, was auf internationaler Ebene weiter passiere. "Menschenrechte sind für sie ein sehr heikles Thema."

Um das Land auf Kurs zu halten, hat Colombo dem Volk Gehorsam verordnet. Saravanamuttu: "Die Regierung toleriert keine abweichenden Meinungen, sie hat mehr oder weniger die komplette Kontrolle über die Mainstream-Medien." Wer Alternativen anbiete, werde als Verräter und Verschwörer abgestempelt. "Wir sind weit davon entfernt, zur Normalität zurückzukehren."

Das gilt vor allem für den Norden, Zentrum des Bürgerkriegs mit überwiegend tamilischer Bevölkerung. Der Norden, schrieb die International Crisis Group in einem Bericht Mitte März, bleibe unter De-facto-Besetzung durch das Militär. Angesichts der Militarisierung, der mangelnden Einbindung der Tamilen, des Problems zurückgekehrter Flüchtlinge und des nur schleppenden Wiederaufbaus wachse das Risiko eines neuen Konflikts, warnte der Thinktank.

Auf der Expo 2012 ist ein solches Szenario weit weg. Viele der über 350 Aussteller hoffen auf eine neue Ära. "Wir haben 35 Jahre in Unsicherheit gelebt", sagt etwa M. Raghuraman, CEO von Brandix, dem größten Bekleidungsexporteur, und selbst ein Tamile. "Niemand will, dass es wieder so wird." Die Regierung tue viel dafür, das zu verhindern. Und mit zunehmendem Erfolg werde sich auch die Integration vertiefen. Po sitive Veränderungen spüre Brandix heute schon: "Uns kommen viel mehr Kunden besuchen." (Julia Raabe aus Colombo/DER STANDARD, Printausgabe, 14.4.2012)

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24 Postings

Interessant zu lesen ist,welch ein Eindruck bei vielen unserer Mitmenschen bzgl. der in SL existierenden "Gleichheit" und einer ethnischen Säuberung herrscht!Seitdem die Briten die Herrschaft den Singhalesen übergeben haben,gab es keinen Raum für den Begriff "Gleichheit".Die singhalesische Regierung setzte die Diskriminierung der Tamilen auf einem legislativem Weg an. Begonnen hat dies mit dem Ceylon-Citizenship Bill. Gegen vieler dieser Anti-Tamilen-Gesetze haben die Tamilen auf gewaltfreier Ebene widerstand geleistet.Um diesem entgegen zu wirken, ist die SL-ische Regierung/das Militär zur Gewalt umgestiegen!Der Buddhismus,wird in SL als eine extremistische Religion praktiziert!Und dann schreibt man hier,sie leben alle friedlich zusammen!?

wieso hat die nato 2009 keine bomben auf sri lanka geflogen? 40 000 zivilisten wurden massakriert, nur weil diese gegen das regime waren! achja, sri lanka hat kein öl, wie etwa libyen...

Heiße Luft

Es scheint sich dort in der letzten Zeit nicht allzu viel getan zu haben, ähnliches war bereits vor einem Jahr zu lesen:

http://www.wienerzeitung.at/themen_ch... isten.html

Was ist mit General Fonseka passiert?

Ich finde es immer wieder erstaunlich

Waren 2004 2 Monate lang in Sri Lanka - sowohl im Süden als auch im Norden - und bis auf das Militär auf den Straßen hatte man nicht den Eindruck, dass dort ein Bürgerkrieg herrscht.

War die Situation damals besser oder wurde es einfach so gut versteckt?

Zu der Zeit gab es grad eine Waffenruhe und Verhandlungen zwischen der LTTE und der Regierung. Da war es verhältnismäßig ruhig.

Tamilen wollen Gleichberechtigung.

Im jungen Sri Lanka war man der Ansicht, dass man nur Sinhala (Sinhla only Act) in Sri Lanka verwenden dürfte. Folgerichtig löste dies Abwehrmechanismen bei den 10% Tamilen aus, die dadurch natürlich benachteiligt würden. Rebellenorganisationen wie die LTTE entstanden und hielten Sri Lanka 30 Jahre in Atem, in einem Bürgerkrieg mit über 100.000 Toten, überwiegend tamilischen Zivilisten. Zwischenzeitlich bekam die indische Armee (IPKF) die LTTE zu spüren. Der indische Premier wurde daraufhin getötet. Das bedeutete das Ende der LTTE, denn Indien stand nun auf Seiten Sri Lankas. Viele Gesetze und Programme zugunsten der Tamilen werden ignoriert, abgelehnt. Diese zu forcieren und zu implementieren wird Aufgabe der UNO sein. Für Gleichheit.

der sinhala only act wurde deswegen so ausgelegt, weil die sinhalesen sicherstellen wollten, dass sie nach dem abzug der briten auch wirklich "herr im eigenen haus sind". und da die tamilen in der zeit der britischen kolonialherrschaft bevorzugt und gegen die sinhalesen eingesetzt wurden, legten diese dann natürlich den act dementsprechend aus - mit gutem recht... das wahre ende der LTTE kam leider erst mit der endschlacht 2009 und der tötung von deren anführer prabhakaran und seinem führungsstab. die UNO kann leider keine gesetze und programme in einem souveränen staat implementieren, das ist auch nicht ihre aufgabe. aber ihre letzen beiden worte gefallen mir: für gleichheit!! dafür wäre ich auch....

Nach der Unabhängigkeit wurden viele Fehler begangen, eben wie der erwähnte Sinhala Only Act. Seit dem Ende des Bürgerkriegs hat sich die Lage allerdings DEUTLICH verbessert. Auch die dortige Regierung hat verstanden, dass man mit der Unterdrückung der Tamilen nur den Nährboden für terroristische Organisationen wie die LTTE bereitet. Man sollte die Vergangenheit endlich ruhen lassen und gemeinsam in die Zukunft gehen.

ad: Manuel Eder, hinter mir die Sinnflut

Kollege, auch ich war in Sri Lanka und nicht nur dort, ich darf ihren versichern dass ihre Geste "Ich kenne mich aus und ihr nicht" mehr als lächerlich ist. Sie vertuschen und beschönigen Völkermord an den Tamilen!

ja und sie vertuschen und beschönigen die realität. das wäre ungefähr so wie wenn ich zu ihnen sagen würde sie vertuschen und beschönigen den völkermord welcher von den serben an den albanern begangen wurde - und die albaner sind "undschuldig" denken sie mal darüber nach, ähnliche situation...

Ich vertusche und beschönige überhaupt nichts. Die Regierung hat im Laufe des Bürgerkriegs genauso Fehler begangen. Nur war die LTTE noch um da zehnfache schlimmer. Ethnische Säuberungen, Vertreibung, Einsatz von Kindersoldaten, terroristische Anschläge. Seit dem Endes des Bürgerkrieges hat sich die Situation für beide Seiten klar verbessert. Die Tamilen haben mittlerweile festgeschriebene Minderheitenrechte, Tamilisch ist die zweite offizielle Amtssprache und die Regierung hat begonnen die Infrastruktur im Norden wieder aufzubauen. Es muss dort endlich Schluss sein mit der Gewalt und das letzte was man in Sri Lanka jetzt braucht sind Einmischungen von außen.

"weil wir frei von Konflikten sind"

weil wir jede Opposition ausgerotten haben

Der Kerl gehört bei seinem nächsten Auslandsbesuch einkassiert und nach Den Haag - und dann soll Sri Lanka seine Zukunft in Frieden und Ausgleich zwischen den Bevölkerungsgruppen beginnen

Die, die wirklich nach Den Haag müssten, nämlich die Führungsriege der LTTE, ist leider schon tot.

Wirklich schockierend, wie die buddhistische Mehrheit die hinduistische Minderheit unterdrückt - und alle schauen dabei selenruhig zu: Buddhisten dürfen schließlich alles, oder?

und alle schauen dabei selenruhig zu: Buddhisten dürfen schließlich alles, oder?

'
Selten eine so dumme Aussage gelesen.

sie haben mit ihrem post soeben bewiesen, dass sie von dem land, dem konflikt und den ethnien dort genau ÜBERHAUPT KEINE ahnung haben....

Redens doch keinen Schwachsinn. Dort wird niemand unterdrückt. Buddhisten, Hindus, Moslems und Christen leben in Sri Lanka friedlich nebeneinander. Überall findet man Tempel, Kirchen und Moscheen und jeder kann friedlich seiner Religion nachgehen. Die LTTE war eine terroristische Organisation die vor nichts zurückgeschreckt ist.

könnten Sie mir bitte weiterhelfen:

war das jetzt als Satire auf die übliche Regierungspropaganda gemeint?

artikel nicht gelesen?

Was interessiert mich der Artikel. Ich bin erst vor kurzem wieder von einer längeren Reise dorthin zurückgekommen und kann doch ganz gut beurteilen wie die Lage und Stimmung der Bevölkerung dort ist.

Das das Militär nicht ganz zimperlich gegen die LTTE vorgegangen ist, ist wohl klar. Man wollte nach all den Jahren die Terroristen endlich schlagen und den Norden befrieden.

Das mit der "De-facto-Besetzung" ist übrigens Schwachsinn. Die Militärpräsenz ist hoch, das ist wahr (was ja wohl verständlich ist). Nur verbringen die Militärs dort die meiste Zeit mit dem Aufbau von Infrastruktur.

endlich einmal einer, der die situation in sri lanka etwas einschätzen kann und nicht auf die von tamilen in der schweiz (genf) und england (london) gelenkte medienkampagne reinfällt....gräueltaten gab es mit sicherheit, und das auf beiden seiten des konflikts. die leute verstehen aber nicht (oder übersehen), dass sich hier eine terroristische separatistengruppe ein drittel des eh schon sehr kleinen landes, inkl. ca. der hälfte der gesamten küstenlinie einverleiben wollte und die regierung dem nun ein, wenn auch brutales, ende gesetzt hat....

Mich nervt es einfach, dass Leute die NULL Ahnung von dem Land haben, noch nie dort waren und eigentlich nichts über die Leute und die Situation dort wissen es sich erdreisten so undifferenzierte Kommentare abzugeben. Sicher ist nicht alles eitle Wonne dort und von einer lupenreinen Demokratie ist man dort auch noch recht weit entfernt aber es geht vorwärts und unterdrückt aufgrund seiner Herkunft oder Religion wird dort keiner.

Unterdrückt wird keiner?

Habe persönlich erlebt, wie eine alte singhalesische Dame, die auf der deutschen Botschaft ein Visum beantragte, x-mal wiederbestellt wurde, Nachweise über Vermögen, mit dutzenden peinlichen Fragen usw. sekkiert wurde, weil sie ihren Sohn in Deutschland besuchen wollte, während jeder tamilische Mensch sofort einen Stempel und das Visum bekam - leider arbeiten auf der deutschen Botschaft fast ausschließlich tamilische Angestellte, was auch großteils im gesamten Inselreich (Banken, Ämter) der Fall ist.

danke, da sind wir wohl soetwas wie brüder im geiste....

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