Ich will nicht, dass mir wer über den Kopf marschiert

15. April 2012, 18:52
  • "Der primäre Anreiz einer so großen Wohnung ist, dass man sich viele 
Sessel kaufen kann." Christine Nöstlinger in ihrem Dachgeschoß in 
Wien-Brigittenau.
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    foto: lisi specht

    "Der primäre Anreiz einer so großen Wohnung ist, dass man sich viele Sessel kaufen kann." Christine Nöstlinger in ihrem Dachgeschoß in Wien-Brigittenau.

Christine Nöstlinger hatte schon einmal die "älteste Hure Wiens" als Mitbewohnerin. Heute wohnt die bekennende Sesselfetischistin im 20. Bezirk im Dachgeschoß

Die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger liebt nicht nur Bücher, sondern ist auch eine bekennende Sesselfetischistin. Wojciech Czaja nahm auf einem der Sessel Platz.

"Ich bin in meinem Leben schon zwanzigmal umgezogen. Aufgewachsen bin ich in einer Substandardwohnung, in der nix funktioniert hat. Aber in der Beletage-Wohnung, in der ich während meiner ersten Ehe gewohnt habe, hat auch nix funktioniert. Und dann habe ich im ersten Bezirk in Untermiete gewohnt. Das war eine lustige Dachgeschoßwohnung. Den Vorraum habe ich mir mit der ältesten Hure Wiens geteilt, und unter mir hat eine demente 90-jährige Dame gewohnt, die sich eingebildet hat, sie lebte noch in der Jugend und sei Stubenmädchen. Stundenlang war sie bei mir in der Kuchl und hat gesagt: "Gnä' Frau, tut mir leid, aber die Zimmer im fünften Stock schaff ich heut nimmer." Wohnen ist was Lustiges.

Mit meinem letzten Mann habe ich in einem Dachgeschoß auf 260 Quadratmetern gelebt. Ich bin der Ansicht: Wenn man lange verheiratet sein will, dann braucht man eine große Wohnung, damit man sich aus dem Weg gehen kann. Wir hatten alles doppelt, also auch zwei Badezimmer und zwei Klos. Nachdem er dann aber gestorben ist, war mir die Wohnung zu groß. Seit vier Jahren wohne ich nun in einer 130-Quadratmeter-Dachgeschoßwohnung im 20. Bezirk.

Das Praktische ist: Meine Tochter wohnt nur zwei Gassen weiter. Wenn man nämlich so alt ist wie ich, dann braucht man ab und zu eine Tochter - und wenn es nur zum Austauschen eines hochmodernen Leuchtmittels in irgendeiner hochmodernen Deckenlampe ist.

Jedenfalls mag ich Dachböden. Ich mag das Gefühl, dass ich die Letzte im Haus bin und dass über mir nur noch Himmel ist. Ich will nicht, dass irgendwer über meinem Kopf marschiert und ich seine Tritte höre. Und ich will nicht gleich vis-à-vis in ein fremdes Fenster schauen. Stattdessen habe ich eine Terrasse, von der ich den Augarten-Bunker, das neue AKH und sogar den Stephansdom sehen kann. Meist sitze ich am Abend draußen und lese in einem Buch. Ich bin leider noch immer nicht dazugekommen, mir einen ordentlichen Tisch und einen ordentlichen Stuhl zu kaufen. Das ist ein unbequemes, türkises Sitzding von Philippe Starck. Das passiert ausgerechnet mir, einer Sesselfetischistin!

Ja, ich stehe auf Sessel. Und der primäre Anreiz einer solch großen Wohnung wie hier ist, dass man sich viele Sessel kaufen kann. Insgesamt habe ich wohl so um die 20 Stühle. Nicht auf allen kann man auch wirklich sitzen. Manche sind unbequem, andere färben ab. Ich habe zwei Bauhausstühle, die ich eines Tages braun lackiert habe. Stark schwitzende Menschen haben nach einer Weile einen roten Streifen hinten am Hemd. Die sind dann nicht sehr glücklich. Früher war das noch ärger. Eine Zeit lang habe ich sämtliche Möbel lackiert. Manche Stühle und Kastln hatten bis zu sieben Lackschichten. Das war die Zeit der großen Lackanfälle. Meine Tochter ist an einem Bücherregal, das sie einmal abbeizen und für sich behalten wollte, völlig verzweifelt. Da kamen dann allerhand, weiße, gelbe, blaue und auberginefarbene Schichten zum Vorschein.

Der Rest in meiner Wohnung ist zusammengeklaubt. Ich entscheide relativ schnell, ob ein Gegenstand schön ist oder nicht. Sobald ich etwas sehe, fällt es entweder in die ästhetische Kategorie 'geht so' oder ist ' pfui-gack'. Pfui-gack kommt mir nicht mehr ins Haus. Davon habe ich in meinem Leben schon genug gehabt.

Aber das Schlimmste ist: Ich bin schlampert. Ich rufe mich zwar regelmäßig zur Ordnung, aber das funktioniert nicht. Manchmal stehen auf meinem Schreibtisch 20 Kaffeehäferln. Meistens hat noch ein einundzwanzigstes Platz. Außerdem gehöre ich zu den Leuten, die neben der Arbeit die ganze Zeit den Fernseher laufen haben. Da sind die paar Häferln auch schon wurscht." (DER STANDARD, 14./15.4.2012)

Christine Nöstlinger, geboren 1936 in Wien, hatte im Maturazeugnis ein "Genügend" in Deutsch. Von 1954 bis 1958 studierte sie Gebrauchsgrafik an der Akademie der bildenden Künste, übte den Beruf aber niemals aus. Während ihrer Karenz mit zwei kleinen Kindern begann sie, nebenbei Kinderbücher zu illustrieren. Auf diese Weise gelangte sie zum Schreiben. Ihr erstes Buch "Die feuerrote Friederike" erschien 1970 und wurde mit einem Buchpreis ausgezeichnet. Bis heute hat Nöstlinger rund 160 Bücher verfasst. Zuletzt erschien der Gedichtband "Achtung, Kinder!" Im Herbst erscheint im Oetinger-Verlag das Kinderbuch "Stummel und Bummel".

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ich find es schaut noch sehr aufgeräumt aus, und dass obwohl sie meint, sie sei schlampert.

Absolut schön so eine Geschichte zu lesen

ich will die sesseln sehn! ich will die sesseln sehn!
den wie heißt's so schön:
mit keinem anderen kunstwerk kann man so interaktiv in Verbindung treten wie mit einem Stuhl/Sessel :D

Der letzte Absatz:

Sympatisch

Interviews und Home-Storys...........

............über Christine Nöstlinger, erlebe ich regelmäßig, als Labsal der heimischen Berichterstattung. Nöstlinger's trotziger Intellekt, gemischt mit ihrem nasalen Hernalser Idiom, ist eine wahre Fundgrube an Anekdoten, wie auch Lebensweisheiten, einer sehr liebenswerten und klugen Frau mit Ecken und Kanten.

ansichtssache?

was für eine sympathische frau!

Christine,

i steh auf di!!

Mag ich auch nicht...

aber leider tun sie es.
http://wikilegia.com/wiki/inde... arlykappel

fr. nöstklinger, es ist wurscht wie oder was sie sagen, sie sind die allergrößte!

Wohngespräch, erstmals interessant

Grossartige Frau!

ich liebe sie!

Wer nicht? Sie erzählt einfach hinreissend und hat sich ihren gesunden Menschenverstand erhalten. Egal ob sie Kinderbücher schreibt oder übers Wohnen referiert - köstlich, amüsant und kurzweilig.

eine/r aber nicht.

Dschi Dschei Dschunior

forever!

Ich bin stolz, in der Nähe von Ch. Nöstlinger zu wohnen, womöglich begegne ich ihr mal im Billa :-)!!!

Ihr Buch Ameisenbär hat mich als Jugendliche dazu gebracht, Sturzbäche zu heulen, auch die anderen Bücher, die ich von ihr las, habe ich geliebt.

nicht aussergewoehnlich,wenn aus den antworten der fr. noestlinger ein artikel wird und manche sich mokieren ueber zuviel "ich" und keine fotos. ;)

mMn sehr gelungen und man erfaehrt viel,wenn man will.

angenehm abgeklärt, recht unpretiös alles, fein :-)

Um was mir jede Zeile der Frau Nöstlinger wertvoller ist, als all die gscheitseinwollenden Kommentare ihrer uninteressanten Kritiker.

Das liest sich wie ein Auszug aus einem Kinderbuch.

was bringen diese opaquen glasschränke?

entweder das glas ist durchsichtig oder die tür ist aus vollmaterial. wieder eine designerunsitte mit minderwert.

die schwarze jugendstilvitrine (für sowas braucht man raumhöhe) im raum links hinten neben dem fax zeigt vor wie es richtig gehört.

man erkennt von außen so halbwegs, was drinnen ist - durch die milchige scheibe wirkt das zimmer aber nicht sofort total vollgeräumt.

Ich finde, gerade durch diese Scheiben wirkt die Küche zugestellt und durcheinander, wenn man verschiedene Sachen zusammenstellt.
Es hilft mMn die Sachen zu ordnen, wie Gläser für sich, tiefe Teller, flache Teller, Häferl usw.
Oder glatte Fronten bzw weniger Glas, zB. nur die Mitteltüren.

das glas ist grün

das erinnert an billiges römerglas. wenn das glas dursichtig ist erkennt man sogar noch besser was drinnen ist, für dinge die sehenswert sind.

banalitäten oder privates gezielt offenzulegung ist endwürdigend obszön, sinnbildlich für den gläsernen menschen-da können sie gleich ins schaufenster ziehen.

Das satinierte Glas ist ja Geschmackssache und mir gefällt es wie abegebildet auch nicht wirklich, aber wenn Fr.Nöstlinger erst 4 Jahre da wohnt und die Küche relativ neu ist, dann hätte man den Backofen und die Spülmaschine jeweils in einen Hochschrank integrieren können. Das ist deutlich bequemer, praktischer und sieht auch besser aus.

Ich hab noch nie verstanden

was dran bequem sein soll, schwere Schüsseln, vielleicht auch noch voll und heiss, oder dreckig und glitschig, auch noch in der Höhe herumbalancieren zu müssen.

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