Auseinanderstrebende Wirklichkeiten

13. April 2012, 18:12
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Das Festival "Scores" zeigt derzeit, wie es sich in mehreren Realitäten zugleich lebt. Man muss dafür nur eine Videobrille aufsetzen und losmarschieren, wie bei der belgischen Gruppe Crew

Wien - Das Auseinanderfallen der Wirklichkeit ist die Normalität von heute. Beim derzeit laufenden Festival Scores im Tanzquartier Wien kann diese irritierende Erscheinung noch bis Sonntag nachvollzogen werden. Besonders eindrucksvoll ist dabei das Projekt C.A.P.E. der belgischen Gruppe Crew, die bereits im Vorjahr beim Steirischen Herbst mit ihrer Arbeit Terra Nova präsent war.

Crew setzt ihren Besuchern die Videobrille auf. Und dann heißt es losmarschieren. Aber nicht per Joystick, sondern echt und zu Fuß. Bei Terra Nova geschah das im Theaterraum, jetzt bei C.A.P.E. geht's kreuz und quer über den Haupthof des Museumsquartiers. Der Haken bei der Sache: Die Füße befinden sich auf Wiener Boden, die Augen allerdings wandern zugleich in den Verwüstungen nach dem Tsunami in Japan. In den Ohren der Besucher mischen sich die Tonaufnahmen der Videowirklichkeit mit den Live-Geräuschen auf dem MQ-Platz. Die Erfahrung, an zwei Orten zugleich zu sein, verunsichert. Vor allem auch deshalb, weil der Gang in der Videowirklichkeit mit einer Blindheit gegenüber der realen Umgebung bezahlt wird. Also stellt Crew jedem Gast eine Person zur Seite, die ihn vor Kollisionen bewahrt.

C.A.P.E gibt einen sehr konkreten Eindruck davon, was das Tanzquartier mit seinem aktuellen Thema "Cháos" offenbar vorführen will: In den Überlappungen von Ordnung und Unordnung fällt die Wahrnehmung aus dem gewohnten Takt. So funktioniert ja letztlich auch das ganz normale Theatererlebnis.

Das zeigten am ersten Festivaltag und in einer sehr speziellen, gelungenen Form Peter Stamer, Sybrig Dokter und Frank Willens in ihrer Choreografie For Your Eyes Only, in der das Tun und das Sprechen der Performer erst vollständig auseinanderlaufen. Und zwar so lange, bis die intensiven Sprachbilder stärker wirken als die einförmigen Handlungen der Sprecher. Erst später, wenn sich der Film im Kopf festgesetzt hat, werden Sprechen und Handeln wieder zusammengeführt.

Performances verschwinden

Auch in Eszter Salamons Tales of the Bodiless - der Standard berichtete von der Grazer Aufführung - ist das Auseinanderstreben von Wirklichkeiten Teil des Theatererlebnisses. Denn die Performer scheinen von der Bühne verschwunden zu sein, und das Theater verwandelt sich in ein monströses Hybrid aus Präsenz und Projektion. Drei außergewöhnliche Arbeiten, deren gemeinsame Aussage auf drei Grundprobleme zielt, die die Gegenwart beherrschen: erstens die Aufhebung der Grenze zwischen Realität und Fiktion wie etwa im Börsenhandel. Dann die Ablösung des Gesprochenen vom Handeln wie in immer weiteren Bereichen der Politik. Und drittens das Verschwinden des menschlichen Körpers zwischen seinen Funktionen als Konsument und zugleich als Konsumgut.

Wenn nun Politiker von heute, wie Colin Crouch schreibt, ihre Wähler zunehmend wie Konsumenten behandeln, ist es Zeit, dagegenzuhalten. Unter dieser Perspektive diskutierten im Lectureprogramm von Scores der Choreograf Laurent Chétouane und der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner die Rolle von Wissenschaften und Kunst in heutigen " Postdemokratien". Bei aller kritischen Haltung setzt das Diskursfestival nicht auf Zerfallsromantik und Menetekelpflege, sondern auf unsere Fähigkeiten, in mehreren Realitäten zu navigieren und dabei neue Sichtweisen zu erobern.   (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 14./15..4.2012)

  • Realitäten, die einander überlappen: "C.A.P.E." - den Boden des Museumsquartiers unter den Füßen, den Tsunami vor Augen.
    foto: crew

    Realitäten, die einander überlappen: "C.A.P.E." - den Boden des Museumsquartiers unter den Füßen, den Tsunami vor Augen.

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