"Begegnung mit Asylwerbern ist politisch nicht gewünscht"

Interview13. April 2012, 18:39
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Der ehemalige Obmann der NGO Zara über Asylwerberheime

Diversity-Trainer Dieter Schindlauer hat Verständnis für die Menschen, die mit dem "verrückten System" Asyl nicht konfrontiert werden wollen. Es reiche nicht, Anrainern Broschüren in die Hand zu drücken, sagte er Andrea Heigl.

Standard: Überall, wo Asylwerber untergebracht werden, gibt es riesige Aufregung. Warum?

Schindlauer: Ich finde es ja ganz gesund, sich zu fragen: Was ist das für eine Einrichtung, warum müssen Asylwerber sozusagen gelagert werden? Bei Ute Bock ist das anders, aber bei staatlichen Einrichtungen, etwa in Traiskirchen, hat man schon das Gefühl, dass das nicht danach ausgesucht ist, dass es dort ein Zusammenleben gibt. Das ist für Anrainer komisch.

Standard: Gibt es einen Unterschied zwischen Stadt und Land?

Schindlauer: Es ist ein eigenartiges Signal, eine Einrichtung für viele Menschen irgendwo hinzusetzen, wo diese plötzlich einen relevanten Teil an der Bevölkerung ausmachen. Da reicht es nicht, wenn man an die Bevölkerung Broschüren austeilt oder sagt, es ist eh alles gut. Wenn man sich Traiskirchen anschaut, wo ja viele junge Menschen untätig herumhängen, weil sie nicht arbeiten dürfen - da tauchen viele Fragen auf.

Standard: Gibt es eine Möglichkeit, Schwierigkeiten vorzubeugen?

Schindlauer: Wenn offensiver kommuniziert werden würde, dann käme es auch zu normaleren Begegnungen. Aber teilweise wird ja genau das politisch nicht gewünscht. Es wird offensiv versucht, Asylwerber von den Einwohnern fernzuhalten, damit keine Bindungen entstehen.

Standard: Können Sie verstehen, dass Anrainer befürchten, ein Asylwerberheim könnte ein Dorf aus dem Gleichgewicht bringen?

Schindlauer: Wenn das unvorbereitet passiert, ist es ja wahr. Unbegleitet irgendwelche Leute irgendwohin zu verfrachten ist immer komisch, und den Menschen dort nichts in die Hand zu geben, wie sie mit der Situation umgehen können, ist auch komisch. Die meisten haben echte Berührungsängste, die würden nie im Leben einen Asylwerber ansprechen, beobachten aber den ganzen Tag und ziehen ihre Schlüsse. Es ist auch eine Zumutung zu sagen, deren Kinder werden Freunde von euren Kindern, und über Nacht werden die dann abgeschoben und erklärt das halt irgendwie euren Kindern. Ich verstehe, dass man sagt, das ist so ein verrücktes System, mit dem will ich nicht konfrontiert sein.

Standard: Dass Ute Bock in der Zohmanngasse in Favoriten ein Haus hat, ist ein Faktum. Wie kann man dort Akzeptanz erzeugen?

Schindlauer: Das Besondere an Ute Bock ist, dass sie Aufgaben übernimmt, die staatliche Aufgaben wären. Man muss den Leuten sagen: Wir sind nicht hier, weil das so eine furchtbare Gegend ist - auch das schwingt mit. Und man muss einen Zugang schaffen, einen regelmäßigen Austausch mit den Menschen: Man kann mit uns reden, wenn es Wickel gibt. Wir sind nicht überzeugt, dass alle Menschen, die bei uns wohnen, Engel sind, wir halten Sie auch nicht automatisch für rassistisch, wenn Sie sich beschweren. Man kann die Situation aber sicher nicht ganz in Wohlgefallen auflösen, weil Menschen in eine Situation gebracht werden, wo sie wenig mitbestimmen können. Erwachsene werden infantilisiert, aber gleichzeitig dämonisiert. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 14./15.4.2012)

Dieter Schindlauer, geboren 1971, studierter Jurist, war Mitbegründer und Obmann von Zara. Heute ist er selbstständiger Diversity-Trainer.

  • "Es wird offensiv versucht, Asylwerber von den Einwohnern fernzuhalten, damit keine Bindungen entstehen", sagt Diversity-Trainer Dieter Schindlauer.
    foto: zara

    "Es wird offensiv versucht, Asylwerber von den Einwohnern fernzuhalten, damit keine Bindungen entstehen", sagt Diversity-Trainer Dieter Schindlauer.

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