Friesacher Burg braucht 100.000 Touristen pro Jahr

13. April 2012, 17:58
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Beim Burgbauprojekt wurde auf Tourismus statt Wissenschaft gesetzt, kritisierte Initiatorin Renate Jernej - Weitergebaut wird jetzt ohne sie

Friesach - Die Auffassungsunterschiede darüber, ob man Wissenschaft oder Tourismus Vorrang geben sollte, haben beim Burgbauprojekt in Friesach nun zu einer weiteren personellen Änderung geführt: Wie nun bekannt wurde, wurde das Dienstverhältnis der wissenschaftlichen Projektinitiatorin Renate Jernej mit Ende März einvernehmlich aufgelöst.

"Seit dem Vorjahr wurde das Team komplett ausgewechselt. So unprofessionell, wie es seither läuft, waren für mich die ursprünglichen Ziele nicht mehr erreichbar", sagte Jernej im Gespräch mit dem Standard. Im Winter sei sie dienstfrei gestellt und einem universitären For-schungsprojekt zugeteilt worden: "In einem Kammerl sitzen", statt direkt vor Ort mitzuarbeiten, das war für die Archäologin nicht mehr tragbar.

Personalrochaden

Die Idee, mit mittelalterlichen Methoden eine Burg zu bauen, hatten Renate Jernej und Gertrud Pollak 2005, 2009 wurde das Projekt gestartet, mit der Stadt Friesach als Eigentümer und Bauherr. Im Vorjahr führten die unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie das Projekt zu gestalten sei, zu ersten personellen Konsequenzen: Gertrud Pollak und eine weitere Mitarbeiterin wurden gekündigt, der Geschäftsführer Hans Steiner durch Jürgen Freller ersetzt - der Standard berichtete damals.

Jernej befürchtete damals, dass gerade das Besondere an dem Pro-jekt der touristischen Verwertung zum Opfer fallen würde. Neben den authentischen Handwerkstechniken und der wissenschaftlichen Begleitung beruht der Burgbau auf der Idee, dass Langzeitarbeitslose als Arbeitskräfte eingesetzt werden.

"Wir sind uns unserer sozialen Aufgabe wohl bewusst. Es liegt mir auch persönlich am Herzen, dass Menschen wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert werden können", sagt der Eigentümervertreter, Bürgermeister Josef Kronlechner (SP). "Aber die touristische Nutzung steht im Vordergrund. Schließlich muss sich das Projekt ab 2016 alleine finanzieren."

Subventionen bis 2016

Bis dahin werden von Arbeitsmarktservice, EU, Gemeinde und Land insgesamt 6,5 Millionen Euro beigesteuert. 800.000 Euro werde man dann pro Jahr benötigen, das sei nur mit 70.000 bis 100.000 zahlenden Besuchern pro Jahr zu schaffen, rechnet Kronlechner vor. Daher soll der Bereich rundherum ausgebaut werden, mit Besucherzentrum und Kinderspielplatz.

Renate Jernej war schon einmal an einem ähnlichen Projekt fe-derführend beteiligt: Unter ihrer Anleitung machten 1999 im Rahmen eines EU-Projekts Arbeitslose im Kärntner Zollfeld Ausgrabungen. Ihnen gelangen damals archäologisch-wissenschaftliche Sensationsfunde aus der rö-misch-keltischen Besiedlung, wie etwa das Amphitheater von Virunum. Auch hier hatte die Politik bald Pläne zur Verwertung: Nach der Konservierung sollte das Amphitheater auch als Eventarena genutzt werden. Die Restaurierung ist mittlerweile abgeschlossen, außer ein paar kleineren Veranstaltungen sind noch keine Events über die Bühne des Virunums gegangen. (Jutta Kalian, DER STANDARD, 14./15.4.2012)

  • Die Gemeinde Friesach will den mittelalterlichen Burgbau touristisch 
nutzen, er soll schließlich Geld in die Kasse bringen. Das führte zum 
Bruch mit der Initiatorin des Projekts.
    foto: burgbau friesach errichtungs-gmbh

    Die Gemeinde Friesach will den mittelalterlichen Burgbau touristisch nutzen, er soll schließlich Geld in die Kasse bringen. Das führte zum Bruch mit der Initiatorin des Projekts.

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