Der neue Männlichkeitsprimat

16. April 2012, 10:10

Neuerdings völlig geschlechtsneutral feiert das männliche Prinzip fröhliche Urständ. Warum am Abbau des organisationalen Männlichkeitsprimat zu arbeiten ist - Von Norbert Pauser

Wann ist eigentlich der Patriarch verschwunden? Wo ist dieser Typus, der männlich-hierarchische Strukturen noch umfassend verkörperte? Weg. Das Patriarchat wurde ja zum Glück abgeschafft. Erreicht wurden bislang aber, wenn es um Gleichstellung geht, flächendeckende Beschwichtigungen. Niemand ist prinzipiell dagegen! So jedenfalls der einhellige Appell, der wirklich alle Lager eint.

Sind wir also im Postpatriarchat angekommen? Haben emanzipatorische Bewegungen einen alternativen männlichen Typus hervorgebracht? Zweifelsohne gibt es: diversifizierte Männlichkeiten. Es handelt sich um Identitäten, oftmals gekennzeichnet durch Brüchigkeit und Uneindeutigkeit, mitunter sogar schwer verunsichert. Traditionelle Orientierungsmuster haben für den Einzelnen an Bedeutung verloren. Männlichkeiten scheinen primär geeint in der Sehnsucht nach neuen, Halt gebenden Bildern. Auf der individuellen Ebene hat sich einiges geändert. Und manches seltsame Blüten getrieben.

Die Diversity-Praxis in Unternehmen und Organisationen zeigt einen bemerkenswerten Kontrast: Die Errungenschaften der Geschlechtergleichstellung werden, teils sogar aus ökonomischem oder rechtlichem Druck als notwendig erachtet. Sind aber eingebettet in restriktive - weiterhin klar an Männlichkeit orientierte - Strukturen. Ambivalenz ist keine Sache, mit der man Management macht. Rasch gleichstellen bitte - der Zug fährt ab!

Und so kommt es zu einer Verschiebung in Richtung "männlicher Komplizenschaft". Das Paradoxe ist, dass längst nicht mehr nur die typischen Vertreter ihrer Spezies das männliche Prinzip hochhalten. Sondern dass nun alle (Geschlechter) aktiv daran mitarbeiten sollen, ob sie wollen oder nicht. Ganz im Sinne von Diversity, das allen das Recht auf Erfolg und Teilhabe verspricht.

Zahlreiche Bedingungen sind aber daran geknüpft. Viele Befunde ließen sich identifizieren. Konkurrenz statt Kooperation. Karriere statt Kinderbetreuung. Die signifikant geringere Zahl an Männern, die an Diversity-Fortbildungen teilnehmen. Alternative Bilder von Männlichkeit finden sich in keinen Personalentwicklungsprogrammen. Neuerdings völlig geschlechtsneutral feiert das männliche Prinzip fröhliche Urständ. Und verbreitert eine Kluft. Wir steuern auf einen Backlash zu. Mit Zwang zur Komplizenschaft. Wer möchte sich schon den Entscheidungsstrukturen freiwillig entziehen und riskieren, Gehalt, Ansehen und Prestige zu verlieren? Einige erleben das als Geiselhaft und begehren auf. Und kapitulieren oder resignieren mangels Alternativen. Werden als feministische Relikte lächerlich gemacht. Und so stehen auch jene, die ein neues Selbstverständnis entwickeln wollen, letztlich auf der Seite des Erhalts von Privilegien.

Eine Patentlösung gibt es nicht. Aber es wäre Zeit für Reflexionen. Solange das universelle Prinzip von Männlichkeit in Organisationen nicht grundlegend hinterfragt wird, sind Veränderungen schwierig. Die Arbeit am organisationalen Männlichkeitsprimat verspricht nur leider keinen unmittelbaren Zusatznutzen. Sie hätte dessen Abbau im Sinn. Letztlich zum Wohle aller. Ohne entsprechende Balance (unter Beteiligung aller Geschlechter), welche eine zentrale Aufgabe des Diversitätsmanagements ist, wird sich schnell das bereits aufkommende Neo-Patriarchat weiter formieren. Global zeigt es sich bereits mit teils dramatischen Auswirkungen. Und es findet breiten Zuspruch. Willkommen also im Ex-Postpatriarchat. (Norbert Pauser, DER STANDARD, 14./15.4.2012)

Norbert Pauser ist Autor, Trainer, Berater in Fragen der Diversity & Inclusion. 

Link
www.diversity-inclusion.at

  • Berechnen Sie Ihr Brutto- oder Netto-Gehalt mit dem Brutto-Netto-Rechner von derStandard.at/Karriere
Share if you care
3 Postings
Kotz

Konzentrierte Du**heit, das ist das einzige, was mir zu diesem Artikel einfällt.
Dass Männer weniger an Diversity-Fortbildungen teilnehmen, spricht nur für sie. Ich war (zwangsweise) bei solchen Fortbildungen und war sprachlos über die grenzenlose Banalität und Aufgeblasenheit dieses Themas. Und was einen in einem Seminar von Pauser erwartet, kann man anhand dieses Artikels ja abschätzen. Ohnehin werden Diversity-Seminare und ähnlicher Unfug fast nur von Beschäftigten im öffentlichen Dienst oder von EU-Projekt-Mitarbeitern besucht.
Wer von "alternativer Männlichkeit" und "organisationalem Männlichkeitsprinzip" schwafelt, disqualifiziert sich selbst als ernst zu nehmendes, intellektuelles Wesen.

Ich vermisse in dem Artikel die Beteiligung der Frauen!

Ich lese von emazipatorisch - aber Männer sollen einen neuen Typus entwickeln.

Ich lese von Bedingungen: 'Karriere statt Kinderbetreung' und ich habe das bisher immer für eine Forderung von Feministinnen, allen voran Frau Schwarzer, gehalten.

Identitäten, oftmals gekennzeichnet durch Brüchigkeit und Uneindeutigkeit, ... traditionelle Orientierungsmuster haben für den Einzelnen an Bedeutung verloren.
Nur bei den Männern? Oder geht es nicht der durchschnittlichen Frau sehr ähnlich?

Und fast klingt der Artikel als ob Esther Vilar wirklich recht hat: Feminismus ist eine Erfindung der Männer.

Das Gerechtigkeitsproblem auf das Geschlecht herunterzubrechen,

bringt uns nicht weiter. Einem(r) viel arbeitenden Wenigverdiener(in) kann es wurscht sein, ob unter den Topverdienern künftig neben den Machtmännchen zur Hälfte Machtweibchen sind. Deswegen ist Feminismus prinzipiell eine Fehlkonzeption. Wenn das Ganze weggeblendet (Männer kategorisch/selektiv als Karrieristen wahrgenommen werden), wird die Realität nicht korrekt abgebildet. Es gibt mehr auf der Strecke Gebliebene als Gewinner in unseren zahlreichen Hierarchien. Hinterfragte man die Hierarchie an sich, würden die Menschen wieder ihre Energie stärker in die Sache (Arbeit) einbringen. Viel Ärger fiele weg, viel Ungerechtigkeit. Denn die blanke Arbeit ist kein Reizthema in der Neiddebatte.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.