Rosen aus dem Beton

Reportage14. April 2012, 12:04
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Wie ein Soziologe und ein Priester versuchen, Gangmitglieder in L. A. aus ihren tristen Milieus herauszuholen

Er will, dass sie ihm zuhören, ihn wirklich verstehen. Und deshalb spricht er im Slang des Ghettos. "Mann, wie kommt der Clown dazu, mir eine Predigt zu halten? Der hat doch null Ahnung, Bruder. So denkt ihr doch, stimmt's?" Hinterm Pult steht Dr. Victor Rios, schwarzes Hemd, schwarze Hose, Hochschullehrer für Soziologie. Von den Teenagern im Hörsaal tragen einige übergroße Kapuzen, andere die Käppis von Football-Clubs, Pittsburgh Steelers, New York Jets, alles bunt durcheinander. "Weißt du was, Mann?", sagt Rios und meint sie alle. " Eigentlich dürfte ich hier gar nicht stehen. Ich müsste tot sein wie mein Kumpel Marco. Oder im Knast schmoren wie Roberto."

Rios' Geschichte beginnt in Mexiko-Stadt, wo er geboren wurde. Sie handelt von Seifenopern mit chromblitzenden Limousinen und blonden Frauen und einer Tante, die süchtig ist nach den Telenovelas, weshalb sie vom Norden schwärmt wie vom Schlaraffenland. Auf in die Estados Unidos, da habe jeder seinen eigenen Swimmingpool! Als Nächstes führt die Geschichte über die staubige Stadt Tijuana, wo Victor neben seiner verzweifelten Mutter Raquel um ein paar Münzen bettelt. Der Menschenschmuggler, der sie über die Grenze lotsen sollte, hatte ihnen sämtliche Ersparnisse abgenommen, und dann wurden sie doch von einer Patrouille erwischt. Der Vater hatte sich da längst aus dem Staub gemacht, weil ihm an Kindern nichts lag.

Kein Strom, Kakerlaken, Ratten

Nach dem zweiten Anlauf endet die Odyssee in einem Slum in Oakland. Kein Strom, Kakerlaken, Ratten. Einmal zerfraßen die Nager das Gesicht eines Cousins, der friedlich in seinem Babybett schlief. Der kleine Enrique musste ins Krankenhaus, wo sie Nase und Lippen so gut es ging wiederherstellten. Die Narben trägt er noch heute. Mit 14 Jahren schließt Victor sich einer Bande an, die ihn buchstäblich weichgeprügelt hat. Er lebt nach dem Ehrenkodex der Straße: Wer nicht sofort zurückschlägt, ist schwach. Bei einem Streit muss er mit ansehen, wie sein Freund Roberto einem "Feind" ein Messer in die Kehle jagt, weshalb Roberto nun für 25 Jahre in San Quentin sitzt, einem chronisch überfüllten Gefängnis.

Als Victor mit seinem Kumpan Marco durch ein Nachbarviertel läuft, wartet schon eine rivalisierende Gang auf die beiden, klar in Überzahl. Sie prügeln sich, irgendwann fällt ein Schuss, und das Nächste, woran sich Victor erinnern kann, ist Marcos lebloser Körper auf dem Pflaster. " Tot. Mit 15. Und warum? Weil ich Haltung beweisen wollte." Nach acht Klassen Schule wird Victor so sehr vom Mitleid mit seiner pausenlos schuftenden Mutter gepackt, dass er beschließt, Geld zu verdienen wie ein richtiger Mann. Juan José Guadalupe de la Garza, ein Gärtner, heuert ihn an. Er zahlt einen Dollar pro Stunde.

Als Raquel entdeckt, dass ihr Sohn die Schule schwänzt, verprügelt sie ihn mit einem Gürtel aus Schlangenleder, der ein markantes Muster auf seiner Haut hinterlässt. "Mein erstes Tattoo", sagt Rios grinsend, bevor er die Kids mit den Kapuzen und Käppis ins Gebet nimmt wie ein strenger Trainer. "Was kriegt man für Jobs, wenn man nach acht Klassen die Schule hinwirft? Sagt's mir! Los, sagt's mir!" "Du kannst Strichjunge werden", ruft einer die Sitzreihen herunter. "Mit Drogen handeln." "Hamburger braten."

Victor Rios hatte Glück, er geriet an eine Lehrerin, die sich kümmerte. Flora Russ lieh ihm Bücher, Shakespeare, was genau, weiß er nicht mehr, " ich hab's gelesen, aber nichts begriffen". Haften blieb, dass Miss Russ an ihn glaubte. Echte Männer müssten ans College, ermahnte sie ihn. Auf die Schule folgten neun Jahre Studium, bis zum Ph. D., dem Doktorgrad. " Neun Jahre Büffeln, ziemlich lange, was, Mann?", fragt Rios in die Teenagerrunde und erntet zustimmendes Murmeln. Dann setzt er die Pointe: " Aber allemal besser, als wie Roberto 25 Jahre in San Quentin zu sitzen". Als er fertig ist, werden T-Shirts verteilt - "From the Barrio to Academia".

Wenn man so will, ist Rios so etwas wie Kaliforniens Bandenprofessor. Einer, der das Phänomen nicht nur aus akademischer Höhe beleuchtet. Wie akut das Problem noch immer ist, merkt man schon bei flüchtiger Lektüre der Los Angeles Times. Auf einem Stadtplan zeigen blassrote Flecken an, wo jemand erschossen, erdrosselt, erstochen wurde. 109 Morde registrierte man allein in den ersten zehn Wochen des Jahres, die meisten "gang-related", wie es im Polizeijargon heißt, wenn eine Bande dahintersteckt.

Trist, gesichtslos, endlose Gleichförmigkeit

1991 hatten hellhäutige Polizisten den schwarzen Autofahrer Rodney King brutal zusammengeschlagen. Dass die Cops freigesprochen wurden, provozierte bürgerkriegsähnliche Krawalle, vor allem in South Central, wo sich die afroamerikanische Bevölkerung von L. A. konzentrierte. In dem einen Jahr meldete das Police Department täglich drei Morde - gang-related. Die Zahl der Bandenmitglieder in der "City of Angels" wurde damals auf neunzigtausend geschätzt, heute soll sie bei sechzigtausend liegen, wer weiß das schon so genau.

South Central lässt an die Dritte Welt denken, an eine dieser Megastädte, trist, gesichtslos, endlose Gleichförmigkeit. Eric Bernard ist an der Slauson Avenue aufgewachsen, aber auch an der Vermont Avenue, an mindestens sechs Adressen South Centrals. Seine Mutter Olivia musste häufig die Wohnung wechseln, weil das Geld nie reichte. Sie fand Männer, bei denen sie unterkam und die sie physisch missbrauchten.

Nach jedem Umzug musste sich Eric an eine neue Schule gewöhnen, und irgendwann fiel mit der Mutter die letzte Konstante in seinem Leben weg. Das zermürbende Elend ließ Olivia im Alkoholismus versinken, Eric kam in die Obhut einer Oma. Um Anerkennung zu finden, ging er zu den Kings, einer Bande im Imperium der Bloods. Deren Kennzeichen sind rote Stirnbänder, die Konkurrenten von den Crips haben blaue. Eric versucht gerade, sich zu lösen. Erst zog er nach East L. A., in die Hochburg der Latinos. Nun hofft er auf Gregory Boyle, einen Jesuitenpater, der ihn in seinem Hilfsverein als Putzkraft beschäftigt. "Du bist mit einem Bein drin und mit dem anderen draußen", sagt Eric und klingt sehr erwachsen. Boyle, weißer Vollbart, Strickjacke überm Bauch, ist der Homie-Priester, Pfarrer der Homeboys, die sich der Einfachheit halber Homies nennen.

Kein Job mit Tattoo

Gemeint sind die jungen Männer des Wohnviertels, das man in aller Regel nur selten verlässt. Seit 1988 arbeitet Boyle in der Welt der Gangs. Er brauchte Jahre, um das Vertrauen der Homies zu gewinnen. Auf ihren Beerdigungen hielt er die Trauerreden, bisher 180 Mal. Als er akzeptiert war, konnte er bittere Rivalen in seinem ersten Unternehmen zusammenbringen, einer Bäckerei. "Es ist unmöglich, auf Dauer jemanden zu dämonisieren, mit dem du täglich Brot in den Ofen schiebst", sagt Boyle.

Heute sind es jährlich zwölftausend Bandenmitglieder, denen der Geistliche mit seinen "Homeboy Industries" hilft. In einer Klinik werden täglich Tattoos entfernt. 29 Ärzte wechseln sich ab, unbezahlte Freiwillige. Per Laserstrahl zertrümmern sie die Tintenpartikel der Tattoos in so kleine Teile, dass sie von den körpereigenen Zellen zerstört werden können. Mancher Patient muss 18 Mal kommen, bis sich die Tinte aufgelöst hat. Im Wartezimmer hockt Marco Salazar, der sich drei verschnörkelte Namen von Wangen und Hals entfernen lässt. Olivia, Crystal und Andrew. Seine Mutter, seine Schwester, sein Sohn. Vor dem Namen Olivias steht "R.I.P.": Sie ist an Krebs gestorben. "Du kriegst einfach keinen Job mit diesen Tattoos. Ich bin 28, ich muss einen Job haben."

Zurück zu Victor Rios. Jeden Freitag fährt er in ein Gemeindezentrum der schönen Stadt Santa Barbara, zu einer Runde, die auf den ersten Blick einer Gruppentherapie gleicht. Studenten treffen auf Homies, und damit es nicht so aussieht, als säßen sich zwei Parteien gegenüber, bilden sie einen Stuhlkreis. Nacheinander erzählen sie, wie es war, als sie zum ersten Mal Marihuana rauchten. Das Thema bricht das Eis, es gibt keinen, der noch keine Erfahrungen mit dem Rausch gemacht hätte. Miguel ist 20, kurzes Haar, kurze Hosen, blitzsaubere weiße Nike-Turnschuhe, weiße Socken.

"Tough on Crime"

Miguel war neulich in einer TV-Sendung, auf Victors Zureden hin. Seitdem schöpft eine Gang Verdacht. Der Doktor Rios arbeite in Wahrheit für die Polizei, sein Sozialgetue sei nur Schauspielerei. "Es wird dauern, bis sie wieder Vertrauen fassen", sagt der Wissenschafter. Nur denkt er nicht ans Aufgeben, dazu ist sein Modellversuch zu wichtig. In Kalifornien setzen Wähler wie auch Staatsanwälte oder Sheriffs, die wiedergewählt werden wollen, auf kompromisslose Härte.

"Tough on crime", die Parole kommt an. Nach dem kalifornischen Gesetz muss ein Krimineller, der zweimal vorbestraft ist, beim dritten Delikt lebenslang hinter Gitter, selbst wenn er dann nur ein paar Colabüchsen im Supermarkt klaut. Die Folge ist, dass mehr als dreißigtausend Häftlinge lebenslang eingesperrt sind, mehr als ein Fünftel aller Insassen. Für jeden muss Kalifornien pro Jahr 31.000 Dollar aufwenden, " da würde es sich lohnen, ein bisschen mehr Sozialkapital zu investieren" , sagt Rios. Denn es seien meist Heranwachsende, die so eine Bande führen. Leicht beeinflussbar, in jede Richtung, entweder durch Drogendealer oder eine Lehrerin wie Flora Russ. So schwer sei es gar nicht, den Teufelskreis zu durchbrechen, etwas Nachdenklichkeit vorausgesetzt. "Hey, Mann", ruft er zum Schluss ins Auditorium, "denkt an Tupac Shakur". Der Rapper, findet er, hat es mit einer poetischen Verszeile treffend zusammengefasst: "die Rose, die aus dem Beton wächst". (Album, DER STANDARD; 14.4.2012)

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    "Etwas mehr Sozialkapital würde sich lohnen": In Kalifornien sitzen mehr als dreißigtausend Häftlinge lebenslang ein.

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