"Schwierige Schmerzpatienten sind eine Herausforderung"

Interview | Karin Pollack
15. April 2012, 17:31
  • Rheuma-Orthopäde Peter Zenz setzt auf Patienten-Empowerment und die Vernetzung der Fachbereiche.
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    Rheuma-Orthopäde Peter Zenz setzt auf Patienten-Empowerment und die Vernetzung der Fachbereiche.

Ärzte bilden Rheuma-Patienten aus: Der Orhopäde Peter Zenz hilft bei der Wissensvermittlung

Der Orthopäde Peter Zenz setzt auf ein interdisziplinäres Netzwerk, die Patientenorganisation help4youcompany hilft bei der Wissensvermittlung. Mündige Rheumakranke sind das Ziel. Karin Pollack fragte nach.

Standard: Warum engagieren Sie sich für aktive Patientenbildung?

Zenz: Rheuma ist eine schwere, aber heute schon gut behandelbare Erkrankung. Das Bild eines verkrüppelten Rheumakranken sitzt aber immer noch tief im kollektiven Gedächtnis. Patientenveranstaltungen sind eine Möglichkeit, diesen Vorurteilen entgegenzuwirken und Menschen qualifiziertes Wissen über ihre Therapieoptionen zu vermitteln. Wir informieren konkret, um erfolgreich gegen die Krankheit zu sein, das ist enorm wichtig.

Standard: Warum?

Zenz: Weil wir auf die Mithilfe der Patienten bei dieser chronischen Erkrankung angewiesen sind. Ziel ist eine Remission. Das bedeutet, dass der akute Entzündungsprozess im Körper gestoppt wird, bevor irreversible Schäden entstanden sind. Es gibt aber viele Wege, um das zu erreichen. Doch Medikamente wirken erst nach einer gewissen Zeit. Wir probieren Kombinationen aus, bis wir die richtige gefunden haben. Ein Schmerztagebuch kann hilfreich sein. Die Geduld der Patienten wird jedenfalls auf die Probe gestellt.

Standard: Rheumapatienten gelten als schwierig. Stimmt das?

Zenz: Wer dauerhafte Schmerzen hat, ist gezeichnet, das stimmt. Schwierig empfinde ich Schmerzpatienten trotzdem nicht. Man muss sich Zeit nehmen, die ganze Geschichte eines Menschen kennenlernen, Diagnosen stellen und dann gemeinsam eine Therapie finden. Schwierige Schmerzpatienten sind eine Herausforderung.

Standard: Wie erfolgreich sind Sie?

Zenz: In 80 Prozent schaffen wir den Stillstand der Erkrankung oder sogar eine Remission, nur bei den sehr aggressiv verlaufenden des entzündlichen Gelenkrheumatismus sind unsere Mittel noch nicht gut genug. Das betrifft etwa 20 Prozent der Rheumapatienten. Doch auch eine Operation kann eine Therapieoption sein, allerdings haben viele Angst davor. Meine Aufgabe ist es, hier Mut zu machen.

Standard: Schaffen Sie denn das?

Zenz: Angst entsteht, wenn es unterschiedliche Meinungen gibt. Bei Rheuma sind viele Fachbereiche involviert, vor einer Operation müssen Rheumatologen und Orthopäden zusammenarbeiten, anschließend geht es in der Rehabilitation darum, mithilfe von Ergo- und Physiotherapeuten, Patienten wieder mobil zu machen. Wir haben hier ein hochspezialisiertes Team, und die help4youcompany ist eine Organisation, die als eine Art Anlaufstelle in diesem Netzwerk fungiert. Dort arbeiten Rheumapatienten, die das System und seine Schwächen kennen. Sie nehmen Patienten an der Hand.

Standard: Welche Schwächen gibt es im System?

Zenz: Das Problem ist vielschichtig. Nicht jeder praktische Arzt ist Rheuma-Spezialist. In den letzten Jahren hat sich in fachlicher Hinsicht sehr viel getan. Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Therapieoptionen. Permanente Weiterbildung ist daher die Voraussetzung, um Patienten erfolgreich zu behandeln. Selbst Fachärzte sind nicht immer auf dem letzten Stand, auch das kann der Grund sein, warum Behandlungen nicht anschlagen.

Standard: Wie sollen Patienten Kompetenz beurteilen?

Zenz: Wir arbeiten an einer Verbesserung, vernetzen die Fachärzte-Gesellschaften, bieten Weiterbildungen an. Am Ende lernen wir alle voneinander, werden kompetenter. Es sollte ein Austausch sein.

Standard: Und wenn operiert werden muss, was ist zu beachten?

Zenz: Es gibt gute Gründe, eine Operation hinauszuzögern, aber auch solche, sie schnell durchzuführen. Wichtig ist eine gemeinsame Einschätzung und dann eine Planung. Bestimmte, immunsupprimierende Medikamente müssen im Vorfeld abgesetzt werden. Wenn mehrere Gelenke befallen sind, muss entschieden werden, welche zuerst und welche gemeinsam operiert werden können. Auch unsere Anästhesisten sind auf Rheumapatienten spezialisiert. Wir haben hier viel Expertise gesammelt. (Karin Pollack, DER STANDARD, 16.4.2012)

Peter Zenz ist Vorstand des Orthopädischen Zentrums am Otto-Wagner-Spital in Wien. Sein Spezialgebiet ist Rheumachirurgie.

Am 28.4. ab 10 Uhr organisiert die help4you company in der Orangerie in Schönbrunn einen Kongress für Ärzte und Patienten zum Thema "Bewegung ist Lebensfreude". In Vorträgen wird über Aspekte rheumatischer Erkrankungen informiert. Eintritt: 28 Euro. Anmeldung ist unbedingt erforderlich unter 0676/402 08 31

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4 Postings
"... Man muss sich Zeit nehmen..."

rund neun minuten dauert ein durchschnittlicher arztbesuch.
rund neun jahre vergehen durchschnittlich zwischen ausbruch von mb. bechterew und seiner diagnose.

ich hege den verdacht, dass zwischen diesen beiden zahlen ein zusammenhang besteht...
... und freue mich einmal mehr über einen fachmann, der erkennt, dass man sich für die "schwierige herausforderung schmerzpatient" zeit nehmen muss.
solche öffentlichen erleuchtungen sind mir seit jahrzehnten ein quell steter freude.

diese kurzen arztbesuchszeiten ergeben sich ganz einfach aus dem Personalmangel und der Tatsache, dass sich für den Patienten zeit nehmen nicht finanziell abgegolten wird. somit kann man sagen, dass das system keinen wert darauf legt.

mhm.
und wenn ich die dutzenden gerade noch rentablen fünf-minuten-besuche addiere, die in all den jahren zusammengekommen sind, in denen - ohne diagnose - munter drauflostherapiert wurde, mit teils lebensgefährlichen medikamenten, kommen auch ein etliche stunden zusammen.
und ein beachtlicher umsatz.

interessanterweise hatte der erste arzt, dem ich geld bar auf die hand gelegt habe, den richtigen diagnose-ansatz nach einer viertelstunde.
in der zeit hatte er zwar einen fürstlichen stundenlohn - aber dafür hat er die stete einnahmenquelle für seine kollegenschaft trockengelegt.

für das system ist der sparzwang recht rentabel.

man könnte an vielen stellen sparen, aber dadurch dass das gesundheitsbudget aus vielen topfen gespeist wird und jeder nur kurzsichtig seine eigenen ausgaben betrachtet, wird sich halt bei uns nicht so schnell was ändern.
nur dem einzelnen Arzt kann man die Rettung des ganzen auch nicht umhängen. der hat im Spital aus Personalnot einfach nicht mehr zeit und in der Ordination muss er auch erfolgreich wirtschaften sprich nichts anbieten, was nicht auch bezahlt wird. und das ist bei Kassenpatienten halt die aufwendbare zeit.
traurig, ist aber so.

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