Der Garten als Labor

Gregor Fauma, 19. April 2012, 13:12

Ein Wettbewerb regt zum Gespräch über den privaten Garten als Handlungsfreiraum ein

Gefangen in der eigenen Gedankenwelt, murmelt die Gärtnerin, der Gärtner (kurz: das Gärt) seltsame Formeln, während es seiner Tätigkeit scheinbar gedankenverloren nachgeht.

Als dumpfe Baseline zum schrillen Gezwitscher der Vögel und zum sphärischen Rascheln des Laubs sorgt das Gärt für seine ureigensten Downbeats. Das Stakkato des Spechts sorgt für höchste bpms in der sonst sehr chilligen Klangwolke der Privatgärten. Ein interdisziplinäres Forscherinnenteam, besetzt mit den Besten aus den Fächern Linguistik, Ethologie und Mathematik, hat diese individuellen Klangwolken aufgenommen, analysiert und die Ergebnisse nun der interessiert-besorgten Bevölkerung zur Verfügung gestellt.

Die Baseline, das Gemurmel der Gärtner und Gärtnerinnen, wurde extrem verlangsamt abgespielt, um es dann mit vielfacher Geschwindigkeit erneut aufzunehmen. Natürlich erst, nach dem man Gezwitscher und Geraschel herausgefiltert hatte. Und was kam da den Forscherohren zu Ohren? Es sind uralte Formeln, die vermutlich im ewigen Kreislauf der Natur im Zusammenspiel mit den Gärtnerinnen und Gärtnern entstanden sind; Gedankenwolken, die nicht anders Ausdruck finden; emotionale Ventilisationen, die erst durch unergründbare Erfahrungen entstehen können. Horchen wir hinein!

Nachháltig

Da ist die Rede vom Garten als Verbindung von Architektur, Ökologie und Landschaft. Als Ort der Innovation und Produktion, aber auch als Spiel- und Handlungsfreiraum - ja, Handlungsfreiraum. Das Gemurmel bemurmelt Ideen des Gestaltens, befasst sich ausgiebig mit künstlerischer, ökologischer und konzeptueller Qualität und umreißt mögliche Pflanzen- und Materialverwendung.

Dies als Grundrhythmus in der Baseline, setzt die Sprache Gedanken in neue Laute um, Laute, die nach intensiver Analyse eine Sprache zeigen, die von Verknüpfung von Innen- und Außenraum spricht, von Raumbegrenzung und Freiraumorganisation - ja, Freiraumorganisation. Der jedoch meist strapazierte Begriff im Rahmen dieser ersten Forschungsergebnisse ist die Nachhaltigkeit. All die angeführten Parameter sollen nachhaltig sein (mit Betonung auf dem zweiten A, also nachháltig).

Findige Kreative und rasche Umsetzer haben sich diese Forschungsergebnisse sofort zunutze gemacht und verwenden nun diese uralten, nun erstmals entschlüsselten Formeln als Einladung und Ausschreibung zu einem Wettbewerb, und zwar Wort für Wort. Nur wer den angeführten Kriterien entspricht, hat die Möglichkeit, einen Preis zu gewinnen. Einen Preis für den "best private plot" - den besten Garten 2012. 

public spots on private plots

Dieser Preis soll jene Leistungen auszeichnen, die herausragend in der Gestaltung nachhaltiger privater Freiräume und Gärten sind. Darüber hinaus muss der Freiraum/Garten eindeutig einem privaten Wohn- und Nutzungszusammenhang zuordenbar sein, der allerdings erst nach dem 1. 1. 2002 fertiggestellt worden ist. Garteninterventionen sind jedoch zulässig (hier sollten die Forscher noch einmal genau hinhören). Die Zuerkennung des Preises erfolgt durch eine internationale Fachjury am 29. September 2012 in Klosterneuburg, Unterlagen zum Einreichen gibt es ab April 2012 unter www.privateplots.at.

Das Schöne an dieser Preisverleihung ist das zeitgleiche Stattfinden des Symposiums public spots on private plots, in dessen Rahmen die Jury auch gleichzeitig die Fachreferenten und Fachreferentinnen sind. Im Fokus steht der private Freiraum als Gestaltungsaufgabe, und zusätzlich zu den intensiv zu diskutierenden Punkten, wie zum Beispiel der Garten als Spiegel von Lebensweisen, Zeitgeist und Visionen, werden neue Aspekte ausgerollt. Welche Art von Räumen stellen Gärten zur Verfügung, wie werden Gärten genutzt, was macht die Stadt diesbezüglich, und welche Erweiterungen des Gartenbegriffs sind erkennbar? Dieser Preis wurde bereits fünfmal vergeben, jedoch wurden noch nie murmelnde Gärtnerinnen und Gärtner vor Ort angetroffen. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 13.04.2012)

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