Möbelbauer Horgenglarus: Haefeli, Bill und Moser

  • "Classic 1 - 380"
    foto: hersteller

    "Classic 1 - 380"

  • "Haefeli"
    foto: hersteller

    "Haefeli"

  • "Moser"
    foto: hersteller

    "Moser"

  • "Semper"
    foto: hersteller

    "Semper"

  • Der ehemalige Alleinbesitzer und jetzige Geschäftsführer und Teilhaber von Horgenglarus, Markus Landolt.
    foto: hersteller

    Der ehemalige Alleinbesitzer und jetzige Geschäftsführer und Teilhaber von Horgenglarus, Markus Landolt.

Horgenglarus ist eine Schweizer Möbelbauer-Legende - Seit 132 Jahren kennt man die Manufaktur allerdings fast nur in der Eidgenossenschaft - Das soll sich nun ändern

Eine Weltpremiere muss nicht immer pompös sein. Unter einer Riesenleuchte aus Sitzrahmen weckten die schlichten Sessel von Horgenglarus auf der internationalen Möbelmesse IMM Cologne vergangenen Januar dennoch das Interesse von Design-Interessierten und Händlern aus aller Welt. Kein Wunder, sind die Stühle der kleinen Manufaktur aus dem Glarnerland zu einer Art Schweizer Design-Legende geworden.

Mag sein, dass der Kult um die Produkte nicht von allen verstanden wird. Was macht einen Sessel aus, dass er von Stararchitekten wie Herzog & de Meuron in exklusiven Gebäuden bis nach Kalifornien eingesetzt wird? Der frühere Alleinbesitzer und jetzige Geschäftsführer und Teilhaber Markus Landolt weiß sehr genau, welche Perlen in seinem Betrieb entstehen. Aber der zurückhaltende Herr im Anzug ist kein Geschichtenerzähler. Er lässt beim Besuch in der Manufaktur lieber seine Sessel sprechen. Der Unternehmer führt zügig durch das Hallen-Labyrinth von Horgenglarus und macht so die Entstehung eines "Haefelis", eines "Mosers" oder eines "Bills" sichtbar.

Altmodische Namen und Produktion

Altmodisch klingen nicht nur die Namen der Stühle, die die Möbelmanufaktur in Glarus - eine Autostunde von Zürich entfernt - seit nunmehr 132 Jahren herstellt. Altmodisch ist auch ihre Produktion. Zwar stehen da und dort Maschinen, welche die Entstehung dieser Unikate etwas beschleunigen. Aber benötigt werden vor allem kräftige Oberarme - wie diejenigen von Josef Tschudi. Der Schreiner holt gerade ein Holzstück aus dem Dampf-Ofen, das während zweier Stunden so viel Feuchtigkeit aufgesaugt hat, dass es nun biegbar ist. Während im Hintergrund Volksmusik aus dem Radio erklingt, setzt er das Holz in die Form ein, spannt es über den Bogen, schraubt und hämmert zuletzt einen Keil dazwischen.

Rund 80 Stück davon stellt er pro Tag her. Vielleicht könnte er mehr schaffen. Aber es ist nicht das Ziel, diese Stühle mit der Holzbiegetechnik im Akkord zu produzieren. Die Qualität ist hier ein Statement. Statt die Abläufe zu rationalisieren, wenden die rund 45 Mitarbeiter heute noch mehr Zeit für jedes einzelne Stück auf.

Man könnte es Slow Wood nennen, was hier ganz unbemerkt und völlig quer zu jeglicher Marketingtheorie entsteht. Das beginnt schon beim Holz, das aus dem jurassischen Vendlincourt stammt. Dort, wo Buche, Eiche, Kirsch- und Nussbaum unter den strengen klimatischen Bedingungen des rauen Juras ein bisschen langsamer wachsen. Dafür ist das Holz umso härter und verzeiht auch mal einen unachtsamen Umgang. Das schätzen nicht nur Gastronomen und Hoteliers, sondern letztlich auch die Sesselbenutzer. Die Kundenliste ist ebenso prominent wie die Liste der Gestalter mit Max Ernst Haefeli, Max Bill oder Hannes Wettstein. Im Schweizer Bundeshaus sitzen die Politiker seit über 100 Jahren auf Horgenglarus-Sesseln, wie auch die Konzertbesucher im Opernhaus Zürich oder die Gäste im Hotel Suvretta in St. Moritz.

Bequem, elegant, stabil und zeitlos

Die Langlebigkeit wird bei Horgenglarus nicht kultiviert, sondern ist das natürliche Ergebnis der bedachten Formsprache und ihrer hochwertigen Umsetzung. "Was wir entwerfen, soll auch in 100 Jahren noch ansehnlich sein", sagt Markus Landolt. Das älteste Modell, das heute noch produziert wird, stammt aus dem Jahr 1918. Ein Sessel müsse bequem, elegant, stabil und zeitlos sein, sagt Lan-dolt. Und es verwundert nicht, wenn er hinzufügt: "Ein Stuhl darf nicht im Rampenlicht stehen, er soll sich unterordnen."

Bis zu 50 Arbeitsgänge sind nötig, bis ein Horgenglarus-Sessel die Produktionshallen in der ältesten Stuhl- und Tischmanufaktur der Schweiz verlässt. Sie wurde übrigens einst in Horgen am Zürichsee gegründet, produziert wird heute aber ausschließlich in Glarus. Sind die Rohlinge für Zargen, Beine und Lehnen einmal getrocknet, werden sie verzapft, verleimt und verschraubt. In der nächsten Station werden Lehnen und Sitzflächen montiert, Beine auf die passende Höhe gefräst und die Oberflächen geschliffen. So wird jeder der 18.000 jährlich produzierten Sessel (ab ca. 400 Euro) zum Unikat.

Design, Funktionalität und Handwerkskunst

Das Credo, konsequent altmodisch zu sein, lohnt sich ganz offensichtlich. Den Umsatz konnte die Firma pro Jahr um zehn Prozent steigern - ganz ohne Werbung. Trotzdem hat Markus Landolt seine Firma vor kurzem an die deutsch-schweizerische Nordeck-Holding AG verkauft. Im Sinne einer frühzeitigen Nachfolgeregelung sieht Landolt den Verkauf als große Chance. Er bleibt weiterhin Geschäftsführer, kann aber von der Marketingkompetenz der Holding profitieren. Denn Potenzial sieht er durchaus, schließlich ist die Firma im Ausland noch kaum bekannt. Das soll sich von nun an ändern. Auch in Österreich setzt und sitzt man auf Horgenglarus-Sesseln. So wurden etwa die Villa Blanka in Innsbruck oder das Albert Schweitzer Haus in Wien damit bestückt.

Die Kombination von Design, Funktionalität und Handwerkskunst begeistert auch den international renommierten Designer Alfredo Häberli. "Sie sind unverwüstlich, leicht, warm und formschön", schwärmt er, "irgendwann werde ich auch einen Stuhl für Horgenglarus entwerfen, vielleicht sollte ich mir dann aber den Künstlernamen Alfredo Max Häberli zulegen." (Silvia Schaub, Rondo, DER STANDARD, 13.04.2012)

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2 Postings
Erste Güte

Kann mich meinem vorredner nicht anschliessen;
Horgenglarus,stellt seit über 100 Jahren Möbel (z.B. Moser-Stuhl, Kreuzzargen-Stuhl von Max Bill, seines Zeichens erster Rektor und Mitbegründer der Ulmer Schule. Ich habe selber den Classic-Stuhl bei mir zu Hause stehen und bin seit Jahren äusserst zufrieden Falls jemand eine kompetente Website zu Horgenglarus sucht, hätte ich einen Tipp: <a href="http://www.archetypen.ch/main/stue... -250.html" title="horgenglarus stuhl">Horgenglarus-Info</a>. Diese Möbel halten ein ganzes Leben, echt.

Schaut schon ziemlich edel aus

kann aber mit ein bisschen Anstrengung und die passenden Geräte die ich zu Hause in der Werkstatt habe (Felder-Kombimaschine, Kreissäge, usw.) auch Ähnliches produzieren. Vielleicht probier ich mich demnächst mit so einem Stuhl aus! :D

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