Integration: Der Polizist, dein Freund und Psychiater

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  • Geflüchtete Kinder aus Tschetschenien in einem Asylwerber-Zentrum in Polen: Nicht 
wenige unter ihnen haben Traumata erlitten und benötigen psychiatrische Hilfe.
    foto: apa

    Geflüchtete Kinder aus Tschetschenien in einem Asylwerber-Zentrum in Polen: Nicht wenige unter ihnen haben Traumata erlitten und benötigen psychiatrische Hilfe.

Trotz gravierender medizinischer Bedenken droht der in Kärnten lebenden tschetschenischen Familie Gereev die Abschiebung. Kleine Chronologie behördlicher Willkür gegenüber der Einschätzung von Experten

Meine öffentlich gemachte Aussage, dass sich der Sicherheitsdirektor des Landes Kärnten im Falle der in Abschiebung befindlichen tschetschenischen Familie Gereev als oberster Kinderpsychiater aufführt, ist auf Widerspruch gestoßen - ich möchte sie nun erläutern:

Am 11. Jänner 2012 waren Frau Mag. Elisabeth Scheucher (Vorstandsmitglied von Aspis und Familientherapeutin) und ich in der Sicherheitsdirektion bei Albert Slamanig, um ihm Informationen zum Fall der Familie Gereev zu geben und ihn zu bitten, deren Verbleib in Kärnten zu ermöglichen. Bei ihm war ein ranghoher Klagenfurter Fremdenpolizist. Keiner der beiden Herren widersprach unserer Auffassung, dass in Tschetschenien ein mörderisches Regime herrscht. Dass dem so ist, bestätigen eigentlich derzeit alle verantwortlichen Beamten und Politiker, die mit der Frage der Abschiebung zu tun haben.

Fünfjährige im Kinderschutzzentrum behandelt

Wir informierten Herrn Slamanig bei unserem einstündigen Treffen darüber, dass das fünfjährige Mädchen Samira aus der Familie Gereev wegen einer traumabedingten schweren Symptomatik, die u. a. eine Sprechhemmung umfasst, im Kinderschutzzentrum Villach behandelt wird und dass es von der Abteilung für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters im Klinikum Klagenfurt einen Arztbrief gibt, der eindeutig festhält, dass eine Abschiebung des Kindes eine schwere Beeinträchtigung und Retraumatisierung mit sich bringen würde.

Diesen Arztbrief haben wir dem Sicherheitsdirektor persönlich übergeben. (Er befindet sich auch in Unterlagen, die die Behörde bekommen hat.) Wir hatten den Eindruck, dass Nachdenklichkeit entstanden ist, weil eine medizinische und psychotherapeutische Diagnose und Behandlung ein Abschiebungshindernis darstellen, zumindest eine Duldung der Betroffenen bewirken kann.

Begründung für Abschiebung

Mit Datum vom 12. Jänner, also genau einen Tag später, hat der Sicherheitsdirektor ein Schreiben verfasst, welches der Bezirkshauptmannschaft Villach später die Begründung für die Abschiebung lieferte und das den Eindruck erweckt, als hätte es unseren Besuch und das überreichte Dokument nie gegeben.

Der Sicherheitsdirektor schreibt stattdessen: "Da sich die Familie erst sehr kurz in Österreich aufhält, sind die Beziehungen und Bindungen in Österreich noch nicht so stark ausgeprägt, deshalb kann davon ausgegangen werden, dass sich die Kinder - noch im anpassungsfähigen Alter - im Heimatland einleben und integrieren werden."

Ohne einen weiteren Psychiater zurate zu ziehen, formuliert hier der Sicherheitsdirektor wie ein entwicklungspsychologischer Experte und psychiatrischer Obergutachter. Das ist eine Anmaßung und auch falsch. Die drei kleineren Kinder haben den größten Teil ihres Lebens in Österreich verbracht. Das älteste, neunjährige Mädchen hat die Hälfte seines Lebens hier verbracht. Von der guten Schulintegration und den glänzenden Noten der beiden älteren ganz zu schweigen.

Pauschale Entwertung der medizinischen Einwände

Der völlig ignorante Umgang mit psychiatrischen Expertisen und Gutachten zeigte sich auch später in der pauschalen Entwertung der medizinischen Einwände durch den Villacher Bezirkshauptmann Bernd Riepan: "Traumatisierungen werden oft vorgeschoben, die Behauptungen erweisen sich aber als unrichtig." ("Kleine Zeitung", 11.4.)

Wozu gibt es in unserer Gesellschaft überhaupt Psychiater und Traumaexperten für Kinder und Erwachsene, wenn Polizisten und Beamte nach einem raschen Blick auf die Papiere ganz souverän ein übergeordnetes fachliches Urteil abgeben dürfen? Es wurde nach möglicherweise anders urteilenden ExpertInnen gar nicht erst gesucht. Diese kommen offenbar erst dann zum Zug, wenn die Abschiebung schon läuft. Slamanig: "Allfällige medizinische Gründe werden bedacht, das geschieht aber bei der Abschiebung selbst." ("Kärntner Tageszeitung", 11.4.) An der Rechtmäßigkeit eines solchen Vorgehens ist zu zweifeln.

Ganz am Ende der Stellungnahme kommt der Sicherheitsdirektor noch zu der Aussage: "Zugutegehalten wird den Fremden, dass sie während der Zeit des geduldeten Aufenthaltes in Österreich unbescholten geblieben sind." Dies ist festzuhalten, weil es inzwischen Versuche gibt, der Familie, die sich mustergültig um Integration bemüht hat, alle möglichen Regelübertretungen anzuhängen bzw. sie zu kriminalisieren. (Klaus Ottomeyer, DER STANDARD, 13.4.2012)

Klaus Ottomeyer ist Psychotherapeut und Professor für Psychologie an der Universität Klagenfurt sowie Obmann des Vereins Aspis.

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