Da stellt es dir die Mähne auf

  • Ohrenwunder: Der Mähnenwolf ist der größte Wildhund Lateinamerikas.
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    foto: tui de roy / corbis

    Ohrenwunder: Der Mähnenwolf ist der größte Wildhund Lateinamerikas.

  • Anreise & Unterkunft
Santuário do Caraça, C.P. 12, CEP 
35960-000 Santa Bárbara, Minas Gerais, Brasilien, Tel.: 0055/31-3837 
2698 oder -3837 1939, Übernachtung im 
Santuário do Caraça: klösterlich einfache Zimmer bis zur komfortablen 
Suite Imperial. Unbedingt reservieren.
Z. B. mit der TAP von Wien via Lissabon nach Belo Horizonte.
Von Belo Horizonte liegt der Naturpark Caraça gut 120 Kilometer entfernt. Einlass 7-17 Uhr.
Brasilianisches Fremdenverkehrsamt
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    Anreise & Unterkunft

    Santuário do Caraça, C.P. 12, CEP 35960-000 Santa Bárbara, Minas Gerais, Brasilien, Tel.: 0055/31-3837 2698 oder -3837 1939, Übernachtung im Santuário do Caraça: klösterlich einfache Zimmer bis zur komfortablen Suite Imperial. Unbedingt reservieren.

    Z. B. mit der TAP von Wien via Lissabon nach Belo Horizonte.

    Von Belo Horizonte liegt der Naturpark Caraça gut 120 Kilometer entfernt. Einlass 7-17 Uhr.

    Brasilianisches Fremdenverkehrsamt

Der Naturpark Caraça bei Belo Horizonte in Brasilien ist ein spannendes Wandergebiet mit einer speziellen Attraktion: Dem Mähnenwolf

Die Nacht ist fast schwarz, der Himmel sternenklar. Nur eine Reströte der untergegangenen Sonne zeichnet noch die Umrisse des fast 2000 Meter hohen Pico da Carapuça und der anderen Gipfel der Serra do Espinhaço nach. Vor dem Lazaristenkloster, das auf 1300 Höhenmetern im brasilianischen Bergland von Minas Gerais liegt, breitet sich der Naturpark do Caraça aus: mit Felsen, Wald, Flüssen und - den einheimischen Mähnenwölfen.

Es ist totenstill. Unter dem Kirchenportal arbeitet eine schwach leuchtende Laterne gegen die Dunkelheit an. Ein Grüppchen von Touristen hat sich still auf dem halbrunden Platz davor versammelt. Alle warten auf die Wölfe und den Mönch. Die lobos guará, wie die Spezies auf Brasilianisch heißt. Wenn die Dämmerung hereinbricht, verlässt Padre Sebastião die Klosterküche mit einem Aluminiumbackblech voller Fleischreste. Er setzt es auf dem Boden ab und schurrt das Metall mehrmals über den Marmor. Was für ein Geräusch! Es muss kilometerweit in den Wald dringen.

Dann schickt Padre Sebastião in sonorem Flüsterton seinen Ruf hintendrein: "Guará! Guará, vém!" - Wolf, komm her! Die Stimme verhallt in der Finsternis. Padre Sebastião lässt ein paar Minuten verstreichen, ehe er seine Aufforderung erneut wiederholt. "Guará vém, vém!"

Die Wölfe wissen nun, dass das Mahl bereitet ist. Doch von den Lobos guará ist nichts zu sehen und nichts zu hören. "Vor einigen Jahren standen sie plötzlich halbverhungert vor unserer Kirche", erzählt Padre Sebastião, einer der letzten vier Mönche, die das 1774 gegründete Kloster bewohnen. "Wir haben ihnen Fleisch gegeben, und sie kamen immer wieder." In Caraça leben zwei Mähnenwölfe, ein Männchen und ein Weibchen, die manchmal auch mit Jungen zu sehen sind. Der lateinische Name lautet Chrysocyon brachyurus, und er ist der größte Wildhund Südamerikas. Wegen der unberührten Natur und der abendlichen Mähnenwolfshow rennen die Touristen den Padres die heilige Bude ein. Sie reisen aus allen Teilen Brasiliens an, auch aus Europa. Tagsüber wandern oder klettern sie in den Bergen oder besichtigen die Klosteranlage. Aber die Wölfe sind die eigentliche Attraktion im Naturpark.

"Guará vém!", ruft Padre Sebastião wieder in den Wald. Die Zuschauer starren gebannt auf die fünfzehn Stufen der Klosterkirche hinunter, über die der Wolf heraufkommen soll. Kommt er, oder kommt er nicht? Der Mönch wiederholt die Zeremonie. Nichts passiert. "Er kommt nicht jeden Abend, er lebt immer noch in der Wildnis", erklärt der Padre, "meist kommt zuerst das Weibchen, manchmal sogar die Jungen. Das Männchen ist scheuer."

Fuchsbraunes Tier

Plötzlich lugt der braune Kopf eines Wolfes um die Ecke der Klostertreppe. Allen stockt hörbar der Atem. Langsam, ein paar Schritte vor und ein paar wieder zurück, schleicht sich das fuchsbraune Tier mit den langen zierlichen, fast schwarzen Beinen wie zum Angriff geduckt von Stufe zu Stufe aufwärts. Gleichermaßen ängstlich und begierig, treibt Fresslust und Gewohnheit ihn zu den Menschen.

Wieder scheppert das Aluminium. "Es ist das Weibchen", flüstert der Padre. In hohem Bogen wirft er ihr ein Stück Fleisch entgegen. Die Wölfin schleicht wachsam um sich blickend heran, schnappt nach dem Leckerbissen und zieht sich sofort zurück. Wieder saust ein Stück zu Boden. Die Wölfin stellt die großen Ohren auf, senkt den Kopf, schnappt es sich und stürmt auf die Treppe zu, horcht auf, nimmt zwei, drei Stufen und kommt wieder zurück, weil Padre Sebastião noch einmal mit dem Tablett gescheuert hat. Er wirft einen großen Happen in die Luft, und sie springt danach. Dann verschwindet die Wölfin.

Ideales Wandergebiet

Am nächsten Abend sitzen die Gäste der 40 Klosterzellen, Mehrbettzimmer und Suiten an den Esstischen des Refektoriums und erzählen von den Wandererlebnissen des Tages. Tischsprache ist Englisch. Der Naturpark do Caraça mit seinen rund 11.000 Hektar Bergland entpuppt sich als ideales Wandergebiet mit Höhenunterschieden von 800 bis 2100 Metern, die teilweise Kletterkondition und ebensolche Ausrüstung erfordern. Die Brasilianer aus Recife und São Paulo schwärmen vom Aufstieg zum 2068 Meter hohen Pico do Inficionado und zur Quarzmine. Ein Deutscher war über die Grotten von Lourdes bis zum Gipfel vom Pico da Carapuça gestiegen. Ein holländisches Pärchen hatte begeistert die vielen Wasserfälle und Naturschwimmbecken ausfindig gemacht.

Die im Kloster Gebliebenen waren von Bruder Paulo durch die Anlage geführt worden, in den Kreuzgang, die neogotische Kirche mit dem berühmten Barockgemälde von Ataíde, das Museum und durch die Klosterruinen, die ein Brand im Jahr 1968 hinterlassen hatte. Die fast vollständige Zerstörung des Klosters war auch das Ende des 1821 gegründeten Colégio do Caraça. Ein Großteil der brasilianischen Elite war hier zur Schule gegangen - darunter zwei Staatspräsidenten, zig Gouverneure und Senatoren, Universitätsprofessoren, Wissenschafter und Ärzte. (Beate Schümann, Rondo, DER STANDARD, 13.4.2012)

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