Der Schmäh mit dem Häusl

12. April 2012, 18:00
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Computerspiel-Sensoren im Pissoir, WC-Spülungen, die man nicht berühren muss, und leuchtende Urinale: Am stillen Örtchen tut sich so einiges

Toylets? Der neueste Häuslschmäh kommt aus Japan, hat es, rechtzeitig zu den Olympischen Sommerspielen, von Tokio-Akihabara bis nach London geschafft, genauer in die South Londoner "Exhibit Bar" in Balham, wo eingeübte Toylet-Spieler seit kurzem über die richtige Füllung der Blase fachsimpeln können: leichtes Lager oder kräftiges Stout? Solides Boddingtons Bitter oder Newcastle Ale? Wer will schon wissen, was den Strahl fürs Toylet-Spiel besonders satt macht? 

Strahlstärke-Duell

Um einen wesentlichen Faktor handelt es sich dabei allemal: Je stärker und länger der ins Urinal eingelassene Toylet-Sensor getroffen wird, desto höher die Videogame-Aktivität am darüber montierten LCD-Schirm.

An passender Software mangelt es dabei nicht. Der japanische Spielehersteller Sega, der diese digitale Facette des Sanitär-Spieltriebs auslotet, stellt eine ganze Batterie an Pinkel-Games bereit. Da wäre "Mannekin Pis", eine urinale Verlängerung diverser Kraftmeierspiele, wie man sie aus den innersten Eingeweiden des Wurschtelpraters kennt - geht es doch einzig darum, die Strahlstärke zu messen. "Graffiti Eraser", bei dem einzelne Farbfelder reingewaschen werden wollen, spricht das tief im Mann verborgene Sauberkeitsempfinden an, während "Downhill Slalom" eher ein Fall für Akrobatikpinkler ist.

Strom aus Urin

Auf die direkte Blase-zu-Blase-Konfrontation zweier Kontrahenten wurde im Toylet-Sortiment ebenso wenig verzichtet: Treten beim bizarren "Battle! Milk From Nose"-Pissoir-Gamer doch gegen den jeweiligen Urinal-Vorgänger an - wobei etwaige persönliche Rekorde via USB-Stick gespeichert und so für die Nachwelt erhalten werden können.

Es handelt sich keineswegs um die einzige Innovation rund ums stille Örtchen, mit der Designer gegenwärtig aufwarten. Aktuelle Experimente, wie man aus Urin Strom erzeugen kann, bergen eine bislang wenig beachtete Öko-Komponente.

Berührungslos spülen

Da wären ferner jene LED-Anwendungen, die sich im Sanitärbereich niedergeschlagen haben. Spekuliert die von innen heraus illuminierte Polyurethan-Schüssel des Wand-Urinals "Gloo" auf eher banale Weise mit dem Clubbing-Faktor, so nutzt Innovations-Leader Geberit LED-Lichtfelder zur Konstruktion der ersten berührungslosen WC-Betätigungspalette "Sigma 80". Zur Auslösung der Spülung reicht es, die Hand vor die scheinbar schwebende, schwarz oder verspiegelt glänzende Glasplatte oberhalb der WC-Keramik zu halten, die über LED-Lichtfelder kommuniziert, sobald sich jemand der Betätigungsplatte nähert.

Auf die ökologisch sinnvolle Zwei-Mengen-Spülung muss dabei keineswegs verzichtet werden. Analog zu großen und kleinen Tasten bei normalen Betätigungsplatten ist das in diesem Fall durch ein großes oder eben auch kleines Lichtfeld möglich.

Alkohol und Blutzucker messen

Sensoren können aber auch ganz anders eingesetzt werden. Der in Schanghai ansässige Industrie-Designer Royce Zhang entwickelte wiederum E-Urinale, die dank ausgeklügelter Messsysteme erhöhte Blutzuckerspiegel und ähnliche Probewerte erfassen können - wobei sich die Resultate via NFC-(Near Field Communication)-fähigem Handy für spätere Arztbesuche recht unkompliziert speichern lassen.

Aus den USA stammen Urinal-Geräte, die bei erhöhtem Alkoholpegel im Harn, und in beruhigendem Tonfall, zum Taxi raten. Und auch die Gender-Thematik zeitigte Resultate: Das vom feinen italienischen Keramikspezialisten "Catalano" entwickelte Frauenurinal "Girly" zählt zu jenen in den Neunzigern angedachten Frauen- oder Unisex-Pissoirs, die es bis zu Marktreife gebracht haben - freilich ganze zweihundert Jahre nachdem im Japan der Meiji-Ära Damen-Urinale weit verbreitet waren.

Ökonomisch und ...

Beim Pinkeln immer nach Osten schauen - das hat heute weniger mit der Windrichtung zu tun, und am allerwenigsten mit kräftigendem Rückenwind aus Westen. Denn das Neue beim Sanitär ist in Ostasien ein alter Hut. So wirkt die vom katalanischen Hersteller "Roca" produzierte wassersparende Kombination aus Handwaschbecken und WC wie eine Kopie verbreiteter japanischer Modelle. Ähnliches gilt für Washlets, jenes Update der WC-Kultur, dem Marketing-Menschen das mit Abstand größte Potenzial zutrauen. Entsprechend heftig wird der Mix aus Toilette und WC vom Schweizer Sanitär-Giganten Geberit beworben.

Fein pulsierender Wasserstrahl statt Toilettenpapier - dahinter verbirgt sich auch eine ökonomischen Hard Facts geschuldete Verschiebung kultureller Leitbilder, die die Dominanz westlicher Gewohnheiten auf erfrischende Weise infrage stellt. Tatsächlich stellen Cosy & Co gegenüber den papierlosen Toiletten-Techniken zwischen Dubai und Tokio eine statistische Verwerfung dar und der Hauch von Orient am Örtchen keinen Komfortverlust. 

... papierlos

Dass papierlose Dusch-WCs im Luxussegment angesiedelt sind, meist jenseits der 3500-Euro-Marke liegen, überrascht so gesehen kaum. Individuell vorgeheiztes Wasser, ein oszillierender Reinigungsstrahl, der bei Bedarf durch Luftbeimischung noch sanfter wird, anschließender Trockenföhn in beliebiger Temperatur, beheizte WC-Brille und Geruchsabsauger sowieso - gut zu wissen, dass solche Features längst auch im Rahmen nachrüstbarer WC-Aufsätze erhältlich sind.

Dass der japanische Marktführer Toto vor kurzem den Sprung nach Europa wagte, übrigens mit kommunikationsstrategischer Unterstützung durch Style-Guru Tyler Brûlé, könnte uns bald neue Turbulenzen am stillen Örtchen bescheren: Und zwar in Form der linksdrehenden Toto-Spülung "Tornado-Flush". Sie rotiert so sauber, dass neben Papier auch die Klobürste zur Nebensache wird. (Robert Haidinger, Rondo, DER STANDARD, 13.4.2012)

  • Das Damen-Urinal "Girly" von Catalano soll ohne Sitzkontakt benützt werden können.
    foto: pr matteo thun

    Das Damen-Urinal "Girly" von Catalano soll ohne Sitzkontakt benützt werden können.

  • Auf den "Clubbing"-Faktor setzt das leuchtende Pissoir "Gloo" aus Polyurethan.
    foto: philip watts design

    Auf den "Clubbing"-Faktor setzt das leuchtende Pissoir "Gloo" aus Polyurethan.

  • Wassersparende Kombination aus Handwaschbecken und WC von "Roca".
    foto: roca/laufen

    Wassersparende Kombination aus Handwaschbecken und WC von "Roca".

  • Hält man die Hand vor "Sigma 80", wird über LED-Lichtfelder die Spülung ausgelöst.
    foto: geberit

    Hält man die Hand vor "Sigma 80", wird über LED-Lichtfelder die Spülung ausgelöst.

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