Der Magnetsinn bleibt rätselhaft

11. April 2012, 19:19
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Bisher dachte man, dass Vögel im Schnabel eisenhaltige Nervenzellen besitzen - doch das konnte der in Wien forschende Neurobiologe David Keays nun widerlegen

London/Wien - Bakterien waren die Ersten, die es konnten. Bienen tun es auch. Viele Vogelarten sind darauf angewiesen, um ans Ziel zu gelangen. Etwas rätselhaft ist, warum es laut neuen Erkenntnissen auch Kühe praktizieren. Nur die Menschen mussten erst ein Gerät erfinden, um es zu können.

Die Rede ist von der Fähigkeit, sich am Erdmagnetfeld der Erde zu orientieren. Neben dem Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen ist diese Fähigkeit der sechste wichtige Sinn, den die Natur hervorbrachte. Doch während die Wissenschaft über alle anderen fünf bereits relativ gut Bescheid weiß, gibt der Magnetsinn immer noch viele Rätsel auf.

Einer, der diese Rätsel lösen will, ist der australische Neurobiologe David Keays. Nun ist dem Forscher, der seit Ende 2008 Fellow am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien ist, mit Kollegen ein Coup gelungen: Dank ihrer neuen Studie, die heute im Fachblatt "Nature" erschien, weiß man über den Magnetsinn weniger, als man zu wissen glaubte.

Bisher ging man davon aus, dass der auf zwei Wegen funktioniert: Einerseits ist der innere Kompass vom Licht abhängig. Ein Protein in der Netzhaut dürfte den Vögeln helfen, das Magnetfeld wahrzunehmen. Andererseits behaupteten deutsche Forscher, dass es im Oberschnabel eisenhaltige blaue Nervenzellen gibt, die quasi wie Kompassnadeln wirken.

Genau nach diesen blauen Zellen hat Keays mit seinen jungen Mitarbeitern Christoph Treiber und Marion Salzer gesucht. Dazu fertigten sie 250.000 feinste Schnitte von Taubenschnäbeln an und legten sie unter das Mikroskop. Seltsamerweise fanden sie enorme Unterschiede zwischen den Tauben. Eine Taube, die Zehntausende dieser Zellen hatte, führte zu des Rätsels Lösung.

"Diese Taube hatte eine Infektion", sagt Keays. "Und so kamen wir drauf, dass es sich nicht um Nervenzellen, sondern um weiße Blutkörperchen handelt, die Infektionen bekämpfen." Für Keays war die Entdeckung "ziemlich frustrierend", da die Suche nach der Kompassnadel wieder neu beginnt. Und die sei schwieriger als die nach einer Nadel im Heuhaufen. "Wir suchen nämlich eine Nadel im Nadelhaufen." (tasch/DER STANDARD, 12.4. 2012)

  • Magnetresonanztomographiebild der oberen Hälfte eines Taubenschnabels. Tauben und viele andere Vögel haben einen Kompass im Kopf - bloß wo? 
Wiener Forscher fanden zwar eisenhaltige Zellen im Schnabel (im unteren Bild blau).
 Doch diese Zellen stellten sich nun als weiße Blutkörperchen heraus und
 nicht als neuronale "Kompassnadeln".
    foto: ucl centre for advanced biomedical imaging/m. lythgoe, j. riegler

    Magnetresonanztomographiebild der oberen Hälfte eines Taubenschnabels. Tauben und viele andere Vögel haben einen Kompass im Kopf - bloß wo? Wiener Forscher fanden zwar eisenhaltige Zellen im Schnabel (im unteren Bild blau). Doch diese Zellen stellten sich nun als weiße Blutkörperchen heraus und nicht als neuronale "Kompassnadeln".

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    foto: david keays
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