Afrikanische Dörfer mitten in der Schweiz

11. April 2012, 17:48
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Tandem-Familien imitieren alte Nachbarschaftsstrukturen und zeigen Wege aus der Individualisierungsfalle

Wie Kinderbetreuung organisieren gehört auch in der Schweiz zu den brennendsten Fragen von Eltern junger Kinder. In dem bergigen Nachbarland kommt noch hinzu, dass öffentliche Kinderbetreuung viel kostet und die Frage, ob Kleinkinder öffentlich betreut werden sollen, immer noch politisch umkämpft ist.

So zahlt man in einer Großstadt wie Zürich durchschnittlich 2.500 Franken (2.081 Euro) für einen Ganztagskrippenplatz, im ländlichen Bereich sind es um die 2.000. Die Wartelisten für geförderte Plätze sind lang und durch Einkommensgrenzen praktisch für Alleinerziehende oder Working Poor reserviert. In der Schweiz, wo das mittlere Einkommen bei rund 5.800 Franken brutto liegt, stellen diese Kosten eine große Belastung dar.

Eigeninitiative der Eltern

Weil sich an dieser schlechten Versorgungssituation auf längere Zeit nichts ändern wird, haben die Schwestern Martina und Franziska Brägger ein Projekt gestartet, das auf die Eigeninitiative der Eltern setzt und gleichzeitig ein altes Betreuungsmodell wieder aufleben lässt: die Tandem-Familie.
Auf ihrer Webseite www.tandemfamilie.ch können sich Eltern registrieren und nach gleichgesinnten Familien in ihrer Umgebung suchen, die ebenfalls Bedarf nach kostenloser Kinderbetreuung haben. Das Konzept sieht vor, dass sich die Familien auf individuelle Betreuungszeiten einigen, in denen die Kinder der Tandemfamilie kostenlos mitbetreut werden.

Tauschsystem

Die persönlichen Bedürfnisse der Suchenden stehen dabei an oberster Stelle. Bräggers ist es allerdings wichtig, dass es bei einem Tausch von Dienstleistungen bleiben muss. "Die Betreuung ist kostenlos, aber nicht umsonst", so Franziska Brägger gegenüber dieStandard.at. 

Die Initiatorin erläutert den Hintergrund: "Tandem-Familien gibt es schon sehr lange. Nur wurden sie vor 30, 40 Jahren nicht so genannt. Auch unsere Generation ist ja noch fast selbstverständlich zwischen den Nachbarhäusern hin und her gerannt." Durch die zunehmende Mobilität heutiger Eltern seien diese alten Nachbarschaftsstrukturen vor allem im städtischen Bereich nicht mehr vorhanden.

Die Plattform fördert die Eigeninitiative bei betroffenen Eltern, solche Interessensgemeinschaften wieder neu zu gründen. Dass sich dabei potentiell Fremde eine so gewissenhafte Aufgabe wie Kinderbetreuung teilen, sieht Brägger nicht unbedingt als Problem. "Natürlich kann nicht jede Familie mit jeder. Wichtig ist, dass über die zentralen Wertevorstellungen in den Familien Einigkeit besteht, dann kann es auch funktionieren." Darunter versteht sie etwa den Umgang mit Fernsehen oder die Frage der Ernährung.

Freundschaft nicht nötig

Tandem-Familien müssten keinesfalls engste FreundInnen werden. "Wir raten nicht dazu, dann auch noch gemeinsam auf Urlaub zu fahren", so Brägger. Eine gewisse Grundsympathie zwischen den Familien sei aber für das Gelingen des Projektes durchaus förderlich.
Im deutschsprachigen Raum stehen sie mit ihrer Initiative fast allein da. Außer in Deutschland, wo die Plattform www.sitter-team.de in deutschen Städten einen ähnlichen Service anbietet, gibt es bis jetzt keine Anbieter.

Ein Grund dafür könnte sein, dass Tandem-Familien derzeit nicht wirklich im gesellschaftlichen Trend stehen. "Wir werden in unserem Lebensstil ja immer individualistischer. Das betrifft auch die Erziehung." Ein Tandem-Konzept könne aber nur funktionieren, wenn die Parteien einige familiäre Bereiche etwas gelassener angehen.

Das Tandem-Modell ist also einerseits retro, weil es an ältere, im urbanen Raum kaum noch vorhandene Solidar-Gemeinschaften anschließt, andererseits weist es mit seinem selbstverwalteten Fürsorgekonzept über die Grenzen und Normen der bürgerlichen Kleinfamilie hinaus. Wie es heißt es so schön in dem viel zitierten afrikanischen Sprichwort? Um ein Kind groß zu ziehen, braucht es ein ganzes Dorf. In der Schweiz tut es vorläufig auch eine Tandem-Familie. (freu, dieStandard.at, 11.4.2012)

  • Franziska Brägger betreibt seit 2008 gemeinsam mit ihrer Schwester Martina die Plattform für Tandem-Familien. Ausschlaggebend für ihr ehrenamtliches Engagement waren die vielen Anregungen im Bekanntenkreis.
    foto: brägger

    Franziska Brägger betreibt seit 2008 gemeinsam mit ihrer Schwester Martina die Plattform für Tandem-Familien. Ausschlaggebend für ihr ehrenamtliches Engagement waren die vielen Anregungen im Bekanntenkreis.

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