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Mundmaus im Einsatz.

Karin Sieber an ihrem Computer. Sie surft im Internet mit ihrer Mundmaus.
vergrößern 500x300Computer mit Augensteuerung. Die unten am Bildschirm eingebaute Infrarotkamera erfasst die Augenbewegungen.
vergrößern 500x347Bildschirm mit Augensteuerung.
vergrößern 500x261Sprachausgabegerät für Kinder.
vergrößern 500x303Komplexeres Sprachausgabegerät (re.). Unten: Tastatur mit Raster, das das gezielte Drücken von Tasten erleichtert.
vergrößern 500x324Auch simple Tastengeräte erleichtern die Kommunikation.
vergrößern 500x357Gerät zum Buchseitenumblättern.
"Liebe Cousine", tippt Karin Sieber in den Computer, ihre Hände bleiben dabei im Schoß liegen. Will die selbstbewusste 48-Jährige E-Mails schreiben, nimmt sie nur ihren Mund und eine Mundmaus zu Hilfe. Sie sitzt aufgrund ihrer fortschreitenden Erkrankung an Multipler Sklerose seit acht Jahren im Rollstuhl. Mit den Jahren wurde es immer schlimmer, mittlerweile kann sie nur mehr ihren Kopf und eben ihren Mund bewegen. Das Sprechen bereitet ihr Schwierigkeiten.
Ein Stück Unabhängigkeit
Die am Tisch befestigte Mundmaus bewahrt ihr einen Teil ihrer Unabhängigkeit, ein Stück Freiheit in der eingeschränkten Beweglichkeit. Von ihrer Wohnung in Wien aus kann Karin Sieber so Bankgeschäfte erledigen, Tageszeitungen im Internet lesen, Kontakte halten oder Kleidung bestellen und muss nicht für jede Kleinigkeit nach draußen, obwohl sie gerne etwas unternimmt.
Den Cursor bewegt sie mit ihren Lippen, Saugen und Blasen ermöglichen es etwa, ein neues Programm aufzurufen oder eines zu schließen. Das Tippen mit der Bildschirmtastatur und das Internetsurfen gehen überraschend schnell, ein bisschen länger als gewohnt dauert es aber doch. Wikipedia ist eine ihrer Lieblingsseiten, sie spielt aber auch manchmal Kartenspiele am PC.
"Ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch, daher ist das eine super Erfindung für mich", sagt Karin Sieber. Bis vor kurzem hat ihre Mutter für sie im Internet gesurft und Mails getippt. "Aber sie ist am Computer nicht die Schnellste oder drückt so lange auf eine Taste, bis zehn gleiche Buchstaben am Bildschirm stehen", erzählt die 48-Jährige lächelnd, die seit acht Jahren wieder auf die tägliche Hilfe ihrer Mutter und die einer Hauskrankenpflege angewiesen ist.
Hilfreiche Technik
Solche Hilfsmittel wie die Mundmaus werden als assistierende Technologie bezeichnet. Für Menschen, die eine Beeinträchtigung beim Sprechen haben - das sind geschätzte 63.000 in Österreich -, gibt es die Technik in verschiedenen Formen auch mit Sprachfunktion. Oft ist es die einzige Möglichkeit für Betroffene zu kommunizieren, wenn ihre Stimme nicht funktioniert. Etwa weil sie einen Schlaganfall oder einen Unfall erlitten haben oder an einer fortschreitenden Muskelerkrankung leiden.
Für Kleinkinder, die von Geburt an mit einem mehrfachen Handicap leben, sind einfache Hilfsmittel oft die erste Chance, sich auszudrücken. Häufig wird die Technik ergänzend zur Gebärdensprache eingesetzt, wenn die Motorik der betroffenen Menschen nicht immer mitmacht oder sie unter Spasmen leiden.
Kostenintensive Anschaffung
Die Mundmaus von Karin Sieber war ein Weihnachtsgeschenk der ganzen Familie, 2.000 Euro kostete ihr Gerät. Der Versuch, über eine Spendenorganisation einen finanziellen Zuschuss zu bekommen, scheiterte, "weil die Unterlagen, die man dafür ausfüllen muss, Antworten auf sehr private Fragen verlangen". Gesetzlichen Anspruch auf assistierende Technologien oder Kommunikationshilfen gibt es in Österreich nicht. Es gibt auch keine einheitliche Finanzierung von Hilfen für Menschen mit Behinderungen.
Eine Organisation, die sich des Themas annimmt, ist die Diakonie Österreich, das evangelische Pendant zur Caritas. Gemeinsam mit dem Verbund begleitet und organisiert sie die finanzielle Unterstützung für Betroffene. Das geschieht über Gutachten und Empfehlungen. Die Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen gesetzlichen Anspruch auf assistierende Technologien und Unterstützte Kommunikation durchzusetzen. In den LifeTool-Beratungsstellen können Betroffene und Angehörige sich kostenlos informieren und beraten lassen. Die Menschen können Hilfsmittel verschiedener Hersteller ausprobieren und gemeinsam mit den Beratern die individuellen Bedürfnisse herausfinden. "Es geht uns um besonders benachteiligte Menschen", sagt Roberta Rastl von der Diakonie. Die Technik müsse an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden.
Von klein bis ausgeklügelt
In der Beratungsstelle in der Schwarzspanierstraße in Wien kann man verschiedene Hilfsmittel ausprobieren. Für die Kleinsten gibt es Geräte mit einer oder mehreren Tasten. "Es hängt von der Kompetenz der Kinder ab, was ihnen hilft, aber natürlich fehlt immer irgendetwas", erklärt eine Beraterin. Mit einer Aufnahmefunktion können Eltern alltägliche, aber wichtige Sätze auf die Geräte sprechen. Die Kinder lernen, auf die entsprechenden Tasten mit Symbolen zu drücken, wenn sie sagen wollen "Ich mag nicht mehr", "Guten Morgen" oder "Lass mich allein". Für Fortgeschrittenere gibt es Geräte mit vielen Funktionen, Symbolen und Sätzen.
Sprechen mit den Augen
Für Menschen, die nur mehr die Augen bewegen können, gibt es eine Augensteuerung für den Bildschirm, auch mobil am Rollstuhl befestigbar. Eine Infrarotkamera nimmt die Signale der Augenbewegungen auf und wandelt sie für den Bildschirm um. Schaut der Benutzer auf das Symbol Apfel, sagt eine Stimme "Apfel". Ähnlich wie bei der Mundmaus können so Buchstaben mittels Bildschirmtastatur abgebildet werden oder individuell formulierte Sätze mit Computerstimme ausgewählt und gesprochen werden.
Das Tool kann auch als eine Art Fernbedingung dienen. "Menschen, die sich nur mühsam oder gar nicht bewegen können, können so den Fernseher ausschalten oder Türen schließen", sagt ein Berater. Aber auch selbstständiges Bestellen in einem Restaurant sei so möglich oder die Bestellung von Lebensmitteln im Internet. Mit rund 18.000 Euro schlägt so eine Augensteuerung zu Buche. In Wien leben weniger als 30 Menschen mit einer solchen Augensteuerung.
Hilfe nur für spezielle Anlässe
Manche Betroffenen sind auch skeptisch. Herr F. etwa will den Alltag bewusst ohne technische Kommunikationshilfen bewältigen, weil er die teure private Anschaffung kritisch sieht. Der studierte Psychologe leidet unter Spasmen, kann sich aber selbstständig fortbewegen. Er spricht nur schwer verständlich und kann seine Hände nicht gezielt einsetzen. Trotz seines Handicaps leiht sich der professionelle Schachspieler ein Sprachausgabegerät nur für Turniere aus, um Schach-Befehle zu erteilen.
Karin Sieber, die mehrmals pro Woche ein Tagescenter für Multiple-Sklerose-Kranke besucht, wünscht sich hingegen mehr Aufklärung: "Es wäre gut, wenn es dort Geräte zum Ausprobieren gäbe." Für sie bedeutet die Mundmaus Selbstständigkeit. Weil sie gerne liest, besitzt sie auch ein gebrauchtes Gerät zum Buchumblättern, das sie mit Freude herzeigt - auch ein Geschenk der Familie. "Manchmal lese ich ein Buch am Tag", erzählt sie und bittet darum, wieder in ihr Computerzimmer zurückgeschoben zu werden. (Marietta Türk, derStandard.at, 13.4.2012)
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Handicap? Viel steriler geht es wohl nicht mehr.
Wenn das so weitergeht, dass alles, was emotional brisant sein könnte, so sterilisiert wird, dass der Inhalt der Information förmlich getötet wird, und das noch als politisch "korrekt" bezeichnet wird, dann werden wir entweder bald alle empfindungslose Roboter, oder aber tickende Zeitbomben sein, die alles "brisante", und sei es inzwischen schon das Wort "Behinderter", verdrängen und dann reihenweise durchzucken - zusammenbrechen - burnoutgefährdet werden - amok laufen - weinkrämpfe kriegen - verzweifeln - krank werden.
Man kann "Neusprech" und die damit verbundene Fassade ein paar Jahre aufrechterhalten, aber nicht ewig.
Viel Spaß dann, wenn die Fassade bröckelt.
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