Ein Filmfabrikarbeiter entdeckt die Freiheit

11. April 2012, 21:00
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Seijun Suzukis schräge, harte Balladen von Gangstern und gefallenen Mädchen werden von Cineasten schon lange verehrt

Jetzt widmet das Filmmuseum dem B-Movie-Meister aus Japan eine Retrospektive.

Wien - Der Film stammt aus dem Jahr 1967, und er hat bis heute nichts von seinem irritierenden Reiz eingebüßt. Die Handlung ist in Koroshi no rakuin (Branded to Kill) reiner Vorwand: Ein Berufskiller, der unter den großen zehn seiner Zunft auf Platz drei rangiert, führt seine Aufträge zur Zufriedenheit der Auftraggeber aus. Bis eines Nachts eine geheimnisvolle Langhaarige in sein Leben fährt: Nummer drei (Jô Shishido), von seinen Gefühlen und einem zarten Schmetterling behindert, schießt daraufhin ein entscheidendes Mal daneben und findet sich bald selbst im Visier der Nummer eins wieder.

Koroshi no rakuin fasst dieses schablonenhafte Katz-und-Maus-Spiel in schräg montierte Schwarzweiß-Sequenzen. Karge, funktionale Innenräume und weite Großstadtbrachen wirken fast abstrakt, ein Stück weit aus den raumzeitlichen Koordinaten gelöst. Auf wackelige subjektive Kamerabilder folgen elaborierte Kranfahrten, kurze Zeitlupen setzen Akzente. Posen und Manöver (Autoverfolgungsjagden zu Jazz-Fragmenten) sind auf cool getrimmt. Die Figuren und Versatzstücke werden in Großaufnahmen in ihrer Zeichenhaftigkeit betont - und manchmal in Richtung Groteske verzerrt.

Ein von erzählerischen Konventionen befreites Kino ist das, dessen Energie man heute noch merkt, das in der Karriere seines Regisseurs Seijun Suzuki allerdings zunächst einmal einen ungeahnten Endpunkt markierte: Koroshi no rakuin sei unverständlich und kommerziell nicht zu verwerten, erfuhr Suzuki von der Leitung seiner Produktionsfirma Nikkatsu, für die er zuvor in gut zehn Jahren rund 40 Filme inszeniert hatte und die ihn nun kurzerhand vor die Türe setzte.

Bis dahin hatte Suzuki, geboren 1923, den klassischen Werdegang eines festangestellten Studioregisseurs durchlaufen: Nach dem Krieg wurde er als Regieassistent bei der Firma Shôchiku aufgenommen, nebenbei schrieb er Drehbücher. 1954 wechselte er zur Nikkatsu, einer Traditionsfirma, die sich nun mit Actionfilmen erfolgreich neu positionierte.

Vier Jahre später begann mit Ankokugai no bijo (Beauty of the Underworld) jene Phase, in der Suzuki dort drei bis vier Auftragsarbeiten pro Jahr drehte - Genrefilme, traurige Balladen von gefallenen Mädchen und jungen Rebellen - und sich allmählich profilierte. Eine Phase, die 1967 mit besagtem Rauswurf abrupt endete.Suzuki klagte, musste aber bis 1971 darauf warten, dass er recht bekam. Erst 1977 kam wieder ein Film von ihm ins Kino.

Suzuki drehte Werbespots, startete eine weitere Karriere als (TV-)Schauspieler. Als Filmregisseur wurde er nun endgültig jener auteur, jener Filmfabriksfacharbeiter, der seine eigene Handschrift entdeckte, den Filmkritiker, Kollegen und Bewunderer schon früher in ihm sahen. Bis 2005 drehte er nur noch acht Kinofilme.

Suzukis B-Movies aus den 1960ern hingegen wurden langsam international entdeckt: Man meinte etwa, bei Hongkong-Regisseuren wie John Woo oder Tsui Hark einen Nachhall von Suzukis extravaganten Action-Szenerien zu vernehmen. Auch die maulfaulen Yakuza, die mit Takeshi Kitano ins Kino kamen, machten neugierig auf mögliche Vorfahren.

Von schrill bis zart

Für die 21 Filme umfassende erste Seijun-Suzuki-Retrospektive in Wien wurde jetzt ein Bogen von der frühesten Arbeit aus dem Jahr 1956 bis zur späten, Yumeji, 1991 gespannt. Dazwischen lässt sich neben Klassikern wie dem zart gefärbten Yakuza-Thriller Tôkyô nagaremono (Tokyo Drifter, 1966) oder der schön-schrillen Nachkriegselends-Kolportage Nikutai no mon (Gate of Flesh, 1964) auch Shunpu-den (Story of a Prostitute, 1965) entdecken: ein Drama, angesiedelt in einer Frontsiedlung während des sinojapanischen Krieges. Dorthin hat sich Harumi nach einer unglücklichen Liebe geflüchtet, dort macht sie ein herrischer Offizier zu seiner Favoritin, dort verliebt sie sich in dessen schüchternen Burschen.

Seijun Suzuki kleidet auch diese Geschichte in überraschende Bilder. Einmal verharren Harumi und ihr Geliebter nackt in einem Kuss und wirken wie eine Erscheinung. Ein anderes Mal taumelt sie durch Gefechtsfeuer, das rings um sie zündet wie Feuerwerk. Das ist schlicht, ergreifend und dabei kein bisschen sentimental. Auch vor solchen Gratwanderungen hat Suzukis Können Bestand. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 12.4.2012)  

Gespräch mit dem Japanologen Roland Domenig am 13. April, 18.30; Retro bis 10. Mai

  • Ein Gangster darf eben nicht empfindlich sein: Actionheld Jô Shishido (2. 
v. li.), hier in Seijun Suzukis schönem Untergrund-Doppelspiel "Yaju no seishun 
/ Youth of the Beast" (1963).
    foto: filmmuseum

    Ein Gangster darf eben nicht empfindlich sein: Actionheld Jô Shishido (2. v. li.), hier in Seijun Suzukis schönem Untergrund-Doppelspiel "Yaju no seishun / Youth of the Beast" (1963).

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