Spaniens Banken laufen die Investoren davon

Institute sitzen auf faulen Immokrediten und wackligen Bonds

London/Madrid - Spaniens Banken befinden sich in schlechter Gesellschaft. Sie haben es auf die Liste jener Institute in Europa geschafft, denen Investoren nicht mehr über den Weg trauen - gleich neben griechischen, irischen und portugiesischen Geldhäusern. Fondsgesellschaften und anderen Vermögensverwaltern ist es zu riskant geworden, in spanische Banken zu investieren. Die Befürchtung: Sollte die iberische Wirtschaft wirklich in die zweite Rezession binnen drei Jahren abrutschen, dürften das viele Institute nicht überleben. Denn der kleinteilige marode Sparkassensektor und die Großbanken sitzen nicht nur auf Bergen fauler Immobilienkredite, sondern haben auch riesige Bestände an wackeligen Staatsanleihen in ihren Büchern. Die Sanierungsbemühungen der Regierung laufen bisher ins Leere. Das Kapitalloch im Bankensektor wird auf gut 78 Mrd. Euro geschätzt. Davon gehen nur 26 Mrd. auf die verschärften Kapitalanforderungen der europäischen Bankenaufsicht EBA zurück.

"Spanische Banken werden Investoren wie uns künftig sehr viel mehr zahlen müssen, um frische Mittel einzusammeln", bringt es Paul Vrouwes von ING Investment Management auf den Punkt. "Ich bin mir nicht sicher, wie sie das schaffen wollen, wenn sie das EZB-Geld zurückzahlen müssen." Viele spanische Häuser hängen - wie Institute aus anderen Euro-Schuldenländern auch - am Tropf der Europäischen Zentralbank (EZB), die zuletzt über eine Billion Euro an billigen dreijährigen Krediten in das Bankensystem pumpte. Das sorgte allerdings nur vorübergehend für Erleichterung, die fundamentalen Probleme bleiben. "Nur ein paar spanische Institute können sich derzeit am Markt refinanzieren und das wird auf absehbare Zeit auch so bleiben", erklärt Analyst Virna Valenti von Pioneer Investments.

Nevöse Märkte

Am Finanzmarkt macht sich bereits Nervosität breit. Kreditausfallversicherungen (CDS) für Anleihen der beiden größten spanischen Banken, Santander und BBVA, haben sich deutlich verteuert. Wer sich gegen eine Pleite von Santander mit einem Volumen von zehn Millionen Dollar über fünfjährige CDS absichern will, der zahlt inzwischen 418.000 Dollar (318.743 Euro) pro Jahr - gut 50 Prozent mehr als noch Anfang März. Andere Institute wie Bankia, hervorgegangen aus der Fusion von sieben regionalen "Cajas" und heute mit einem Kapitalloch von fünf Milliarden Euro konfrontiert, sind bereits ins Visier von Hedgefonds geraten, die auf einen Absturz der Aktie wetten.

Die Probleme in Spanien haben Experten zufolge das Potenzial, die globalen Finanzmärkte zu erschüttern - mehr noch als Griechenland. Schließlich geht es um die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Der iberische Bankensektor ist eine große Dauerbaustelle. Vor vier Jahren kollabierte der heimische Immobilienmarkt und brockte den Banken horrende Kreditausfälle und Abschreibungen ein. Die Risikovorsorge ist noch heute erdrückend, dabei ist der Preisverfall auf dem Häusermarkt Analysten zufolge noch nicht gestoppt. Viele Immobilien stehen leer, einst teuer gekaufte Bauflächen liegen brach.

Probleme

Von den gut 300 Mrd. Euro an Immobilien-Assets, die die Banken in ihren Büchern haben, stuft die spanische Notenbank schon heute mehr als die Hälfte als "problembehaftet" ein. Sollte die Arbeitslosenquote dieses Jahr tatsächlich wie vorhergesagt auf 24 Prozent steigen, dürften weitere Kredite ausfallen, befürchten Investoren. Mark Glazener, der das globale Aktiengeschäft beim niederländischen Asset Manager Robeco leitet, hat Spanien deshalb seit Ende 2011 gar nicht mehr im Portfolio. "Die aktuelle Risikovorsorge, die die spanischen Banken einkalkuliert haben, dürfte nicht ausreichen", ist er sich sicher.

Die neue konservative Regierung hat weitere Staatshilfen für die Banken angesichts der angespannten Haushaltslage kategorisch ausgeschlossen. Das Land muss unter den Argusaugen der EU sein Defizit abbauen und Reformen vorantreiben, um nicht noch weiter in den Sog der Euro-Schuldenkrise zu geraten. Also will Ministerpräsident Mariano Rajoy den Verkauf der geretteten Institute Banco de Valencia und CatalunyaCaixa beschleunigen, wie Wirtschaftsminister Luis de Guindos Anfang April in einem Reuters-Interview sagte. Gespräche mit Interessenten liefen bereits. Überhaupt dringt die Regierung auf eine Konsolidierung und Zusammenschlüsse im Sektor, vor allem bei Instituten mit einer Bilanzsumme unter 80 Mrd. Euro. Schon bis Ende Mai soll es sichtbare Fortschritte geben. In den Immobilien-Portfolios müssen die Banken auf Geheiß der Regierung radikaler aufräumen als bisher und weitere Abschreibungen vornehmen.

Und wenn es am Ende doch nicht ohne neue Milliardenspritzen geht? Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) kann man sich inzwischen gut vorstellen, dass Spanien nicht komplett als Volkswirtschaft unter den Rettungsschirm von EU und IWF schlüpft, sondern nur seine Banken auf diese Weise päppelt. "Spanien könnte sich so verhalten, denn es ist zu stolz, unter den Schirm zu gehen wie der kleine Nachbar Portugal es tun musste", sagte ein Euro-Notenbanker, der namentlich nicht genannt werden will. Offiziell erteilt die EU solchen Gedankenspielen noch eine Absage, auch Spanien ziert sich. Doch viele Investoren halten genau dieses Szenario für wahrscheinlich. Viel zu verlieren hätten die spanischen Banken nicht. Denn auf der Problem-Liste stehen sie ja schon. (APA/Reuters, 11.4.2012)

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