Auf Neuseeland sind Briten die Tschuschen

    Glosse12. April 2012, 09:00
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    Mit Joe The Sniper schleife ich am Ende der Welt Granit. Das nächste Festland im Süden ist die Antarktis

    Ein Kamin ist nur ein hübsches Loch in der Wand, in dem Feuer brennt. Rund ums Loch sitzen die Hausbewohner und alles ist heimelig. Die meisten Einwohner von Auckland leben in Bungalows Typ "Sixties in California", und jeder hat einen Kamin. Manche Kamine sind alt, andere kaputt und einige sollen gegen eine Gasattrappe getauscht werden. Das bedeutet eine Menge Arbeit für die Yorkshiremen.

    Die Yorkshire Crew

    Steve, Ron "The Mod" und Garry "The Fish" sind aus Yorkshire in England. Josip ist Kroate aus Split, aber ein Yorkshireman ehrenhalber, weil er - im Kaminbaugeschäft sehr wichtig - etwas von Stein versteht. Ich bin der Gehilfe von Josip, den die "echten" Yorkshiremen "Joe The Sniper" nennen, weil er ein Veteran des Kroatienkrieges ist. Garry trinkt Bier wie ein Fisch das Wasser und Ron träumt noch immer von der ultimativen Vespa und kann alle Dialoge aus "Quadrophenia" auswendig. Steve hingegen steht nur auf echte Bikes und harten Rock, was eine filmische Freundschaft ergibt. Ron und Steve sind Partner und unsere Chefs. Wir alle sind Fireplace Solutions Ltd., 38 George Street, Eden Terrace 1024, Auckland, New Zealand.

    Joe The Sniper

    Josip ist mein Freund aus Kindertagen auf der Insel Brač. Nachdem der Krieg in Kroatien auch für ihn zu Ende ist, kommt er mit seiner Frau nach Auckland. Ein Neuanfang ist geplant. Nach acht Jahren Neuanfang rüttelt eines Morgens Josips Frau an seinem Oberarm und sagt: "Ich kann nicht mehr mit dir leben. Wir lassen uns scheiden!" Einige Jahre danach ist Josip noch immer Single wider Willen. Fiona mit den schönsten Titten der südlichen Hemisphäre (Copyright Josip) heiratet doch einen Prolo aus London. Amanda, die thailändische Prostituierte mit Kind, verschwindet, nachdem sie ihre Arbeitserlaubnis im Postkasten findet, und Rinku, eine verheiratete indische Schönheit, die mit Josip fremdgeht, fällt ihrer Scheidung auf Indisch zum Opfer.

    Josip bringt mir bei, wie man mit immer feinerem Schleifaufsatz die Seele des Granits hervorholt, indem man die Schwärze des "Absolute Black" richtig absolut macht, das Perlmutt tausender Fossilmuscheln im "Black Perlato" weiß blitzen lässt und die Kupferpartikel im "Galaxy" zu goldenen Sternen poliert. Mein Herz schlägt für "Ubatuba"-Granit. Seine tiefgrüne Farbe ist der Dschungel Brasiliens, dessen Herz den Ubatuba gebiert. Beim Schleifen erstarrt mein Blick und ertrinkt in diesem Grün aller Nuancen. Ich kann mich aus dem Ubatuba nicht lösen, bis die Schleifmaschine meinen Handschuh aufreißt und ein Stück Fingerkuppe abschleift.

    Metamorphose

    Die Arbeit mit Stein verändert meinen Körper. Josip und ich brauchen jeden Tag jeweils 6.000 Kalorien, die wir aus kroatischen und serbischen Winterspeisen mit Fleisch herauskauen. Meine Freundin sieht uns jeden Tag kopfschüttelnd beim Hineinschaufeln von Fett zu. Dabei erzeugen wir kleine Friedhöfe aus Lamm- und Rinderknochen, Schweinerippen und Gräten von pazifischen Ungeheuern. Dazu essen wir Eier, gebratene Süßkartoffeln, Sojasprossen und Brot, das wir tief in den Bratenfond tunken. Fleisch wird unser Salat. Und der Stein schluckt am nächsten Tag alle zuvor eingeschaufelten Kohlenhydrate.

    Meine Brustmuskeln werden größer, der Bizeps und der Unterarm werden voll und hart, mein Bauch ein Waschbrett. Meine Freundin fasst mich immer gieriger an, will ständig Sex. Ein junges Swinger-Pärchen bietet uns Abende zu viert an. Aber der Stein und meine Freundin schaffen mich, schleifen mich und ermatten mich.

    Lektion in Yorkshire-English

    Wenn ich keine Steine schleife, bin ich in Steves umgebautem Feuerwehrauto mit Garry The Fish auf der "Search and Destroy Misson". Es ist der dreckigste Job bei Steve und Ron. Wir fahren den ganzen Tag zu Kunden, die einen neuen Kamin wollen, und reißen ihre alten Kamine aus den Wänden.

    Garry trinkt eine Dose Bier auf Ex, schultert den Big-Hangoo-Presslufthammer und rattert los. Ich schaufle den Dreck in Kübel und schleppe sie zu unserem Feuerwehrauto. Nach zwei Stunden sind wir fertig und in meinem letzten Kübel mit Dreck sind auch sieben Bierdosen. Garry deutet auf den Kübel in meiner Hand und sagt: "Puta-pucket ontata-truk!" Ich bin erstaunt, dass Garry The Fish Maori spricht. Zu Hause in Yorkshire wählt er die British National Party und ist ein Rassist. Ich blicke verwirrt auf den Kübel und die sieben Bierdosen. Möglicherweise ist das doch Englisch, aber Garry lallt? "Queen's English, please", ist alles, was mir einfällt. So erfahre ich, dass "Puta-pucket ontata-truk!" Yorkshire-English für "Put the bucket on the truck!" ist (Stell den Kübel auf den Lastwagen!). Ich werfe den Kübel auf die Ladefläche, Garry nickt, wir sind wieder auf Mission.

    Barbie ist keine Puppe

    Das Wochenende beginnt, wenn Steve am Freitag um 16 Uhr in den Firmenkühlschrank greift, jedem eine Dose Bier zuwirft und johlt: "Blokes! It's beer o'clock!" Weitere Rituale folgen.

    Am Freitagabend steht Besäufnis im Pub auf dem Ritualfahrplan. Samstag nach Ausnüchterung ist "Barbie-Time". So nennen die Yorkshiremen das Bar-B-Q, ein Grillgelage mit erneutem Besäufnis. Am Sonntag nach Ausnüchterung eine Ausfahrt in den Dschungel oder zum Strand von Kare-Kare, um die Ausnüchterung zu vervollständigen. Ich mag die Sonntagnachmittage auf dem Kare-Kare Beach. Meine Freundin ist unter meinem Arm, wir rauchen einen Joint und zeigen uns gegenseitig, wo an diesem kilometerlangen Strand Holly Hunter welche Szene in "Das Piano" gespielt hat. Ich erzähle ihr über die Häuser der Kiwis, deren Kaminreste ich täglich schleppe. Sie erzählt mir, in welchem davon sie gerne mit mir leben würde. Manchmal jagen wir die Wellen in den Pazifik, manchmal jagen die Wellen uns aus dem Pazifik.

    Sie waren einmal Krieger

    Maori tragen Tattoos im Gesicht und nennen ihr Land "Aotearoa". Das bedeutet "Land der langen weißen Wolke". Sie glauben, Vulkane seien Lebewesen, die lieben, hassen und manchmal traurig oder zornig sind. Sie haben nach ihrer Ankunft auf den Inseln am Ende der Welt die Moriori-Ureinwohner und einen Großteil der Vogelarten ausgerottet. Sie haben Captain Cooks Nachfolgern kräftig in den Arsch getreten und mehr aus ihrer Kolonialisierung herausgeholt als die Aborigines in Australien. Sie waren nie Sklaven und tanzen noch immer die "Haka", bevor sie in den Krieg ziehen oder Cricket spielen. Und manche von ihnen hassen uns "Weiße" noch immer.

    Josip ist nach Australien weitergewandert, wir beide zurück nach Wien. An einem trüben Frühwintermorgen stehen wir auf dem Flughafen in Schwechat. Ein Koffer und zwei Rucksäcke sind unser Besitz, 20 Neuseeland-Dollar alles, was wir von der Insel der langen weißen Wolke am Ende der Welt mitbringen. Manchmal ruft Josip an ... (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 12.4.2012)

    Bogumil Balkansky hackelt auch hier.

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Die Arbeit mit Stein verändert meinen Körper. Josip und ich brauchen jeden Tag jeweils 6.000 Kalorien, die wir aus kroatischen und serbischen Winterspeisen mit Fleisch herauskauen.

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