Vom "Schulattest" zum Zeugnis

26. Juni 2003, 14:54
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Joseph II. verordnete erste schriftliche Leistungsbeurteilung - Seit 1783 fast 50 Mal reformiert

Wenn kommende Woche rund 470.000 Schüler in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland und eine Woche später die rund 730.000 Schüler in den westlichen Bundesländern ihr Zeugnis erhalten, dann haben sie das letztendlich einer Idee Kaiser Joseph II. zu verdanken: In "allerhöchster" Vorschrift vom 17. September 1783 verfügte er, dass schreibkundigen Kindern am Ende der Trivialschule ein "Schulattest" auszustellen ist.

"Allgemeine Schulordnung"

Die "Allgemeine Schulordnung" von Josephs Mutter, Kaiserin Maria Theresias, sah zunächst noch keine Leistungsbeurteilung oder -beschreibung vor. Vorrangige Sorge war damals nicht der Erfolg, sondern der regelmäßige Schulbesuch der Kinder.

Das von Joseph II. verordnete Attest bestand zunächst aus einem einzigen handgeschriebenen Satz. So lautet etwa ein Zeugnistext aus dem Jahr 1792: "Es wird bestätigt, dass Josef Pammer, ehelicher Sohn des Bäckermeisters, sich durch 6 Jahre in der hiesigen Trivialschule alle vorgeschriebenen Gegenständen zur Genüge zu eigen gemacht hat."

Der Trend zu differenzierter Darstellung nach Lehrfächern und ihrer Beherrschung wurde allerdings immer stärker. 1804 drückte es ein Schulmeister aus Bad Leonfelden (Oberösterreich) so aus: "Der Schüler hat die Religion, das Buchstabieren, das Schönschreiben und das Zählen im Kopf erlernet, soweit ich es ihm beibringen konnte."

Beurteilungsstufen seit 1830

Um 1830 wurde die Leistung der Schüler erstmals in sprachlich genormten Beurteilungsstufen gewertet - wobei man mit den vier Stufen "sehr gut", "gut", "zufriedenstellend" und "ungenügend" das Auslangen fand. Die heute gültige fünfteilige Notenskala ließ noch einmal fast 40 Jahre auf sich warten.

Die Prüfungen waren in der Regel öffentlich, als besondere Belohnung für gute Ergebnisse gab es Brezel, Fleißbildchen und in besonderen Fällen auch Ehrenmedaillen. Mit dem öffentlichen Examen wollte man auch den Eltern den Nutzen der Schule und die Notwendigkeit einer regelmäßigen Anwesenheit vor Augen führen.

"Nadelunterricht" für Mädchen

Im Mittelpunkt der Leistungsbeurteilung standen ursprünglich Religion sowie die elementaren Fächer Lesen, Schön- und Rechtschreiben sowie Rechnen. Mit dem Reichsvolksschulgesetz 1869 übernahm der Staat die Oberaufsicht über die Schulen. Ab diesem Zeitpunkt flossen auch naturkundliche Fächer wie Naturlehre, Erdkunde oder Landwirtschaftskunde ein. Differenziert wurde auch zwischen "weiblichen" und "männlichen" Fächern: Die Zeugnisse der Mädchen wiesen das Fach Handarbeit auf, auch "Nadelunterricht" genannt, Buben wurden in Leibesübungen unterrichtet und beurteilt.

Eine von vielen Zäsuren in der Zeugnisgeschichte bildete die Ära des Nationalsozialismus. Es gab eine sechsgradige Beurteilung, und der Turnunterricht wurde erstmals auf beide Geschlechter ausgedehnt.

"Schandhaft schlechte Sitten des Kindes"

In der Religionsnote war ursprünglich die spätere Betragensnote verpackt. Ein Zweier in Religion galt zumindest am Land als Hinweis auf "schandhaft schlechte Sitten des Kindes". Erst später wurden Begriffe wie "Sittliches Betragen", "Fleiß", "Äußere Form" oder "Verhalten" kreiert.

Dass das Zeugnis seit jeher für Diskussionen gesorgt hat, zeigt die Tatsache, dass es allein im Grundschulbereich seit seiner Einführung 1783 fast 50 textliche Neufassungen gesetzlicher Regelungen gegeben hat. (APA)

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