Verständlich Sprechen kann doch nicht so schwierig sein

17. Juni 2003, 14:40
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Uni Mannheim vergibt Preis für sprachlich herausragende Doktorarbeiten und Habilschriften

Stuttgart/Mannheim - Komplizierte Sätze, eine kaum verständliche Geheimsprache aus Fachausdrücken und Fremdwörtern, für jeden Satz drei Erläuterungen als Fußnoten - wer als "Otto Normalverbraucher" einmal in eine wissenschaftliche Abhandlung geschaut hat, der dürfte sie spätestens nach versuchter Lektüre der ersten Seite resigniert beiseite gelegt haben.

Dem will die Universität Mannheim jetzt gegensteuern: In einer deutschlandweit einzigartigen Aktion will sie Wissenschafter dazu bewegen, über ihre Forschungen in allgemein verständlicher Sprache zu berichten.

3.000 Euro für sprachliche Brillianz

In einem Interview der in Stuttgart erscheinenden Zeitschrift "Bild der Wissenschaft" kündigte der Mannheimer Rektor Hans-Wolfgang Arndt einen mit 3.000 Euro dotierten Preis für Doktorarbeiten und Habilitationsschriften an, die nicht nur wissenschaftlich korrekt, sondern auch sprachlich brillant sind.

Der Preis solle ab Herbst einmal jährlich vergeben werden und in den ersten beiden Jahren auf Mannheim beschränkt bleiben. Der Plan habe aber im Hochschulbereich schon für Furore gesorgt, und es gebe bereits Pläne, das Modell auch auf andere Unis zu übertragen.

Verkrampfungen und Zumutungen

Als Motiv für die Aktion nannte Arndt eben die oft schwer verständliche Sprache. "Das sprachliche Niveau vieler wissenschaftlicher Arbeiten ist eine Zumutung", kritisierte der Jus-Professor. Viele Doktoranden bemühten sich bei ihren Dissertationen überhaupt nicht um sprachliche Brillanz. Arndt: "Was mir in den zwanzig Jahren meiner Arbeit als Gutachter für Dissertationen oder Habilitationsschriften an Verkrampfungen begegnet ist, an Wortungetümen oder an verqueren Sätzen, hätte ich nie für möglich gehalten." Oft habe er selbst erst den roten Faden herausarbeiten müssen, der es dem Leser erlaube, einer Argumentationskette zu folgen.

Präsentationsfrage

Arndt schätzt, dass er sechzig Prozent seiner gutachterlichen Arbeitszeit damit zubringt, "wissenschaftlich gute Dissertationen auch sprachlich auf Niveau zu bringen". Die Folge der unverständlichen Sprache vieler wissenschaftlicher Arbeiten ist nach Ansicht des Juristen ein Auseinanderdriften der akademischen Welt und der übrigen Öffentlichkeit.

Selbst wissenschaftlich vorzügliche Doktorarbeiten würden nicht mehr zur Kenntnis genommen. Wer Dinge auf den Punkt bringen und sie überzeugend vermitteln könne, strahle in die Öffentlichkeit aus. Dieses Prinzip gelte auch für Forscher. Wissenschaft sei kein Selbstzweck, sondern diene der Gesellschaft, betonte Arndt und fuhr fort: "Viele meiner Kollegen sind professoral, belehrend, langweilig. Außerdem scheuen sie davor zurück, sich auch mal drastisch, sinnlich, ironisch zu äußern." (APA/AP)

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