Zeit der Ernüchterung

23. Oktober 2003, 16:06
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Ein Jahr nach der großartigen WM ist in Südkorea und Japan der Alltag eingezogen: Die Zuseher bleiben aus, die Nationalteams verlieren

Seoul/Tokio - Von Glanz und Gloria ist ein Jahr nach der Fußball-WM 2002 in Japan und Südkorea nicht mehr viel zu spüren. Zwar ist die Erinnerung an das einmonatige Fußball-Fest in beiden Gastgeberländern noch immer lebendig. Auch gewannen beide Länder angesichts des erfolgreichen Turniers den Respekt der Welt. Doch nach der Aufbruchstimmung ist wieder Ernüchterung eingekehrt: Die meisten Stadien fahren Verluste ein, die hoch gesteckten Erwartungen an die Nationalteams sind bisher nicht erfüllt worden und auch hat der Profifußball insgesamt hat nicht im erhofften Maße vom WM-Turnier profitiert.

Zuschauerschnitt in Südkorea sinkt

In Südkorea ist die "Begeisterungs-Blase" für den Fußball in der professionellen K-League, die in der Saison nach den Titelkämpfen entstanden war, geplatzt. Die Zuschauerzahlen belegen dies: Stieg die durchschnittliche Besucherzahl unmittelbar nach der WM auf mehr als 15.000 pro Spiel, so sank sie in diesem Jahr wieder auf knapp 10.700. Angesichts dieses Negativtrends stellte Rogan Taylor, Leiter der Fußball-Industriegruppe an der Universität Liverpool, beim Symposium in Seoul anlässlich des WM-Jubiläums fest: "Das fundamentale Problem ist die große Diskrepanz zwischen dem Enthusiasmus für das Nationalteam, das oft mehr ein Akt des Patriotismus als die Liebe zum Fußball ist, und dem Enthusiasmus für den Klubfußball."

Mit Optimismus in die Zukunft

Immerhin haben die beiden WM-Veranstalter Überschüsse erzielt. In Südkorea kündigten die Organisatoren an, einen großen Teil des mit rund 121 Millionen Euro bezifferten Gewinns in die Förderung des Jugend- und Frauenfußballs zu stecken. "Die WM hat vielleicht hinsichtlich der Zuschauerzahlen nicht den großen Einfluss auf die K-League gehabt, doch wird sich dies noch in der Zukunft erweisen", sagt der (optimistische) WM-OK-Generalsekretär Moon Dong Hoo.

Nationalmannschaften tun sich schwer

Was die Leistungen der Nationalmannschaften betrifft, herrscht in beiden Ländern zur Zeit weniger Grund zum Jubeln. Gegen starke Mannschaften wie Argentinien und Uruguay verlor der WM-Vierte zuletzt auch vor eigenem Publikum. In den jüngsten fünf Spielen hat die Auswahl unter ihrem neuen Trainer Humberto Coelho nur einmal gewonnen und ein einziges Tor geschossen: Vor zwei Wochen bei einem WM-Jubiläumsspiel gegen Japan. Auch dort ist unter dem neuen Trainer Zico bisher nur ein einziger Sieg gelungen. Der Brasilianer sollte die Kicker, die unter seinem Vorgänger immerhin Asienmeister wurden und bei der WM überzeugt hatten, noch näher an die internationale Spitze heranführen.

WM-Stadien in roten Zahlen

Die WM-Stadien sind nicht in dem Maße wirtschaftlich, wie es sich die nationalen Fußballverbände und Kommunen erhofft hatten. Die 20 hochmodernen Bauten stehen wie Monumente der ersten Titelkämpfe im neuen Jahrhundert da. Nach Angaben der "Yomiuri Shimbun", Japans auflagenstärkster Tageszeitung, lagen die Gesamtverluste im vergegangenen Haushaltsjahr bei etwa 2,5 Milliarden Yen (18 Millionen Euro). Nur zwei der zehn japanischen WM-Stadien fahren keine Verluste ein: Der Sapporo Dome und das Kobe Wing Stadion. Auch in Südkorea sind die Stadien mit wenigen Ausnahmen in den roten Zahlen. (APA/dpa)

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    Es geht alles nicht mehr so einfach: Gegen WM-Versager Argentinien verlor Südkorea im Test mit 0:1.

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