Bienensterben durch Pestizide bestätigt

10. April 2012, 18:58
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Dass ein klarer Zusammenhang zwischen der Maisaussaat und dem Tod ganzer Bienenvölker besteht, hat nun auch eine Studie für Österreich festgestellt

Viele Imker kennen die Symptome: Die Bienen zittern, zeigen eine gestörte Bewegungskoordination, krabbeln nur noch und sterben in großer Zahl. In manchen Gebieten hatten Imker den Verlust eines Drittels bis zur Hälfte ihrer Völker zu beklagen. Die betroffenen Betriebe lagen dabei auffallend oft in der Nähe von Maisanbauflächen, und die Bienenschäden fielen häufig mit der Aussaat von Mais zusammen.

Mais-Saatgut wird standardmäßig gebeizt, also mit einer Hülle aus Stoffen umgeben, die für Schädlinge tödlich sind. Der Schädling, der damit in erster Linie bekämpft wird, ist der Maiswurzelbohrer, ein aus Amerika eingeschleppter Käfer, der 2002 zum ersten Mal in Österreich nahe der slowakischen Grenze auftrat und sich seitdem mit großem Erfolg nach Westen ausbreitet. Seine im Boden lebenden Larven fressen an den Wurzeln der Maispflanzen und können massive Ernteausfälle verursachen.

Bei den Substanzen, mit denen das Saatgut gebeizt wird, handelt es sich um sogenannte Neonicotinoide (unter anderem in der EU zugelassene Wirkstoffe: Thiamethoxam, Clothianidin, Imidacloprid), hochwirksame Insektizide. Die aus dem Korn keimende Pflanze nimmt das Beizmittel auf und ist so gänzlich gegen Schadinsekten geschützt. Tiere, die nicht Ziel der Maßnahmen sind, dürfen laut Pflanzenschutzmittelgesetz nicht geschädigt werden, schon gar nicht Nutztiere wie die Biene.

Nichtsdestotrotz kam es 2008 in Deutschland, Italien und Slowenien zu massivem Bienensterben nach dem Einsatz von mit Neo- nicotinoiden gebeiztem Saatgut, das mit pneumatischen Sämaschinen angebaut wurde. Der dabei entstehende Abrieb der Gifthülle kann mit dem Wind in benachbarte Pflanzenstände gelangen, in denen Bienen Nektar sammeln. Die dazu in Deutschland durchgeführten Untersuchungen ergaben denn auch einen klaren Zusammenhang zwischen Maisaussaat und Bienentod.

In Österreich beauftragten das Lebensministerium und die Bundesländer die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) damit, die Verhältnisse wissenschaftlich unter die Lupe zu nehmen: Von 2009 bis 2011 registrierte die Ages im Projekt "Melissa" alle Fälle von Vergiftungsverdacht, die von Imkern gemeldet wurden, und untersuchte Proben von Bienen und Bienenbrot (das ist der im Stock gelagerte Pollen, der den Bienen als Nahrung dient) auf Krankheitserreger und Parasiten sowie auf Rückstände von Beiz- und anderen Pflanzenschutzmitteln.

Der kürzlich veröffentlichte Bericht ließ vergangene Woche die Wogen hochgehen: Global 2000 sprach von einem "nebenbei aufgedeckten Pestizidskandal", da in den Bienen Gifte gefunden wurden, die gesetzlich verboten sind. Die Ages wies diesen Befund als "undifferenziert" zurück, da einige der Stoffe erst vor einem Jahr verbannt wurden und daher noch in der Umwelt nachweisbar seien - der Standard berichtete.

Hohe Verluste

Der Bericht lässt jedenfalls keinen Zweifel zu, auch was zugelassene Mittel betrifft: "Melissa hat Bienenschäden durch insektizide neonicotinoide Beizmittel klipp und klar ergeben", sagt Projektleiter Leopold Girsch. Aber nicht alle Bienenverluste ließen sich darauf zurückführen: Vor allem bei den Völkern, die während des Winters starben, erwies sich in den meisten Fällen die Varroa-Milbe als die Schuldige, oft in Kombination mit Bienenviren. Die meisten Verluste zur Zeit der Maissaat hingegen standen sehr wohl in Verbindung mit Neonicotinoiden. "Eine differenzierte Betrachtung ist wichtig, damit man die richtigen Maßnahmen setzt", betont Girsch.

2009 sandten 40 Imker insgesamt 101 Proben von toten Bienen und Bienenbrot mit Vergiftungsverdacht ein, 2010 waren es 86 Imker mit 180 Proben und im Vorjahr 87 Imker mit 166 Proben. Im Jahr 2009 wurden in 84 Prozent der Bienen und in 65 Prozent des Bienenbrotes insektizide Saatgutbeizmittel nachgewiesen, im Folgejahr wurde in einzelne Wirkstoffe aufgegliedert: 51 Prozent der Bienen wurden positiv auf Clothianidin und 23 Prozent auf Thiamethoxam getestet, um nur die beiden stärksten Fraktionen zu nennen. 2011 enthielten 70 Prozent der Proben aus der Steiermark Clothianidin, während Imidacloprid in 30 Prozent der burgenländischen und 22 Prozent der oberösterreichischen Proben nachgewiesen werden konnte.

In den drei Untersuchungsjahren ging der Anteil von Bienenständen, in denen Neonicotinoide nachgewiesen werden konnten, laut Ages zurück. Einzige Ausnahme: Imidacloprid, das stattdessen massiv anstieg. Girsch vermutet, dass die Rückstände weniger aus der Maisbeize stammen, sondern aus der Anwendung als Spritzmittel im Wein- und Ackerbau.

Fruchtwechsel statt Beize

Alle drei Jahre hindurch unverändert vom Bienensterben betroffen waren etliche Imker in der West- und Südoststeiermark. "Die Landschaft ist hier sehr kleinräumig", erklärt Girsch, "sodass leichter ein Austrag aus den Maisflächen in Pflanzenstände erfolgt, als wenn die Felder sehr groß sind."

"Das billigste und beste Mittel gegen den Maiswurzelbohrer ist der Fruchtwechsel", sagt Christian Boigenzahn, Geschäftsführer der Dachorganisation "Biene Österreich". Baut man Mais nur jedes zweite Jahr an, verhungern die Käferlarven nämlich. "Hier wäre ein vernünftiges Konzept gefragt", meint Boigenzahn, "stattdessen wird auf Verdacht gebeizt." Tatsächlich herrschte bis 2010 sogar ein Gebot, den Mais in Österreich zu beizen, damit sich der Maiswurzelbohrer nicht in andere EU-Staaten ausbreitet. "2011 haben wir ein partielles Ausbringungsverbot ausgesprochen", erläutert Girsch. "Es gilt dort, wo ein entsprechender Fruchtwechsel erfolgt und keine Gefahr durch den Maiswurzelbohrer gegeben ist. So konnten wir eine Reduktion von gebeiztem Maissaatgut um 30 bis 35 Prozent erzielen."

Auch in der EU fängt man an, Neonicotinoide mit mehr Vorbehalten zu betrachten - was die Imker begrüßen. "Es geht ja nicht nur um die Biene" , sagt Boigenzahn, "sondern auch um Hummeln, Schmetterlinge, Wildbienen oder Vögel, aber die Bienen sind die Einzigen mit einer Lobby." (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 11.4.2012)

  • Eine Honigbiene mit vollen Taschen: Zwischen den Pollen findet sich oft giftiger 
Abrieb von gebeiztem Saatgut, der durch den Wind auf die Pflanzenstände gelangt. 
Massives Bienensterben, besonders in der Nähe von Maisfeldern, ist die Folge.
    foto: apa

    Eine Honigbiene mit vollen Taschen: Zwischen den Pollen findet sich oft giftiger Abrieb von gebeiztem Saatgut, der durch den Wind auf die Pflanzenstände gelangt. Massives Bienensterben, besonders in der Nähe von Maisfeldern, ist die Folge.

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