Psychiatrie-Opfer: Wien richtet Servicestelle ein

10. April 2012, 15:16

Verstorbener Kinderarzt Andreas Rett soll behinderte Menschen unwürdig behandelt haben

Wien - Die Kritik an früheren Behandlungsmethoden in der Psychiatrie wird in Wien immer lauter. Darauf reagiert nun auch die Stadt: Beim Krankenanstaltenverbund (KAV) wird ein Servicetelefon für ehemalige Patienten eingerichtet. Das berichtete eine Sprecherin des KAV am Dienstag. Betroffene können sich dort melden und von ihrem Schicksal berichten.

Die Nummer 01-40409-70970 ist ab Mittwoch, den 11. April, aktiv. Sie kann an Wochentagen von 8.00 bis 16.00 Uhr gewählt werden. Auch via E-Mail ist eine Kontaktaufnahme möglich, die Adresse lautet "servicemail@wienkav.at". Die jeweiligen Fälle werden vom KAV aufgenommen. Falls möglich, werde sofort reagiert, hieß es. Auch eine Übermittlung an eine in der Gründung befindliche Expertengruppe ist möglich.

Diese wird bis Sommer von der Stadt eingerichtet, wie am Dienstag im Büro von Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) betont wurde. Die Kommission soll die Geschichte der Wiener Psychiatrie aufarbeiten und erforschen.

Triebdämpfung und Sterilisation

Die historischen Behandlungsmethoden werden seit einiger Zeit in einem neuen Licht betrachtet - und zum Teil heftig kritisiert. Zuletzt hatte etwa der Verein Selbstbestimmt Leben Österreich (SLIO) auf Berichte verwiesen, wonach der verstorbene Kinderarzt Andreas Rett bis in die 1980er Jahren behinderten Menschen das Medikament Epiphysan zur Triebdämpfung verabreicht habe. Rett war in Wien am Neurologischen Krankenhaus am Rosenhügel tätig.

Der Mediziner sei außerdem ein Befürworter der Sterilisation von behinderten Frauen und gleichzeitig ein vehementer Gegner schulischer Integration gewesen, berichtete der Verein. Selbstbestimmt Leben sprach sich dafür aus, dass die Geschichte der Behindertenhilfe ähnlich aufgearbeitet werden müsse wie die Geschichte der Gewalt in Kinderheimen. Der Forderung, eine Opferhotline in Wien einzurichten, wurde seitens der Stadt nun nachgekommen. (APA, 10.4.2012)

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