Die Milde des Papstes und das "Denkmal des Ungehorsams"

  • Der Obelisk als Denkmal des Ungehorsams auf dem dem römischen Petersplatz.
    foto: dapd/plinio lepri

    Der Obelisk als Denkmal des Ungehorsams auf dem dem römischen Petersplatz.

Nach nicht einmal einem Jahr ist der "Aufruf zum Ungehorsam" der österreichischen Pfarrerinitiative in der ewigen Stadt so deutlich angekommen, dass sogar der Papst reagiert hat. Das ist für römische Verhältnisse bemerkenswert schnell. Auch war die ablehnende Reaktion des Papstes insgesamt auffällig milde. Hatte doch im Vorfeld der deutsche Bischof Gerhard Müller von einer "unchristlichen Pfarrerinitiative" gesprochen, die "unserem katholischen Glauben diametral entgegengesetzt" ist.

Müller ist nicht irgendein Bischof, er ist Mitglied der Glaubenskongregation, einer der häufigsten Audienzgäste des Papstes und ernsthafter Anwärter auf den Chefposten der obersten Glaubensbehörde. Tatsächlich scheint die Angst vor einem Überschwappen der rot-weiß-roten Initiative auf Deutschland der Beweggrund dafür gewesen zu sein, von der sonst üblichen Strategie des Totschweigens abzugehen. Ein anderer deutscher Bischof hatte Helmut Schüller schon mit einem Auftrittsverbot in seiner Diözese belegt. Das signalisiert Nervosität.

In das Horn der Ausgrenzer hat Benedikt XVI. nicht gestoßen. Das ist positiv. Die Freude darüber darf aber nicht überdecken, wie unhaltbar, bedrückend und letztlich empörend die Argumentation der inhaltlichen Zurückweisung durch den Papst ausgefallen ist: Er stellte die rhetorische Frage, ob Ungehorsam ein Weg sein könne, und erinnert - als Antwort - an Jesu gehorsames Verhalten Gott gegenüber bis in den Tod (O-Ton: "Er hat seinen Auftrag mit seinem eigenen Gehorsam und seiner Demut bis ans Kreuz hin konkretisiert und so seine Sendung beglaubigt"). Die Pfarrerinitiative rebelliert aber nicht gegen Gott, sondern gegen einzelne kirchliche Vorschriften. Kirchliche Paragrafen mit göttlichen Weisungen gleichzusetzen ist leider ein Grundmuster autoritären Machtmissbrauches in der Kirche. Manche der Vorschriften sind geradezu lächerlich, wie zum Beispiel das Predigtverbot für Laien.

Den Gehorsam gegenüber Gott als unbedingten Gehorsam gegenüber Menschen oder Vorschriften von Menschenhand umzuinterpretieren - das geht, bitte, gar nicht! Es wäre gerade die Aufgabe eines Papstes, der aus Deutschland kommt, hier ein "Nie wieder" zu formulieren. Ist es nicht besonders seine Kriegsgeneration, der das Wort der Pflichterfüllung im Hals stecken bleiben muss? Die aufgrund schmerzhafter Erfahrung eines totalitären Regimes viel klarer sehen muss als andere, dass Gehorsam nie wieder Menschen blind machen darf? Wer jetzt einwendet, dass man zwischen staatlichem und kirchlichem Gehorsam unterscheiden müsse, liegt falsch. Franz Jägerstätters Ungehorsam richtete sich in gleicher Weise gegen Hitler wie gegen seinen Bischof. Das hat die Kirche immerhin mit seiner Seligsprechung anerkannt.

Aber man muss bei dieser Gelegenheit nicht die dunkelsten Kapitel der Menschheit bemühen (obwohl das gerade zur Ölbergstunde und zum Karfreitag passt), um die Position zu veranschaulichen. Ein schönes, vergleichsweise harmloses Beispiel ist der Obelisk auf dem römischen Petersplatz, den ich als "Denkmal des Ungehorsams gegen den Papst" bezeichnen möchte. Der Papst hat dieses bei jedem "urbi et orbi" vor Augen. Warum ich das Monument so nenne, ist schnell erzählt: Als nämlich im Jahre 1586 dieser 25 Meter hohe Stein auf seinen heutigen Standort gebracht wurde, soll Papst Sixtus V. für die Zeit der Aufstellung völliges Stillschweigen angeordnet haben, damit von allen Helfern die Befehle des Architekten gehört werden könnten. Um diesem Gebot Nachdruck zu verleihen, wurde für das Zuwiderhandeln die Todesstrafe angedroht (so nebenbei natürlich auch eine völlig unchristliche Kompetenzüberschreitung).

Aufgrund der Hitze drohten allerdings die Seile zu reißen. Da rief ein Arbeiter unter Missachtung des päpstlichen Befehls: "Acqua alle funi!" - "Wasser auf die Seile!" - nur so wurde der Obelisk vor der Zerstörung gerettet. Der Arbeiter wurde erfreulicherweise nicht hingerichtet.

Das Bild ist sehr stimmig. Nur durch den Ungehorsam wurde das erreicht, was der Papst durch Gehorsam erzwingen wollte, was bei Gehorsamkeit gescheitert wäre. Vielleicht sind es auch jetzt die einfachen Arbeiter, die Priester an der Basis, die im Unterschied zu Papst und kirchlichen Behördenleitern erkennen, dass die Seile des kirchlichen Netzwerkes zu zerreißen drohen, und die aus ihrer Kompetenz wissen, wie man das Unglück verhindern kann. "Acqua alle funi", kann man auch dem Papst zurufen. Fast alle Forderungen der Pfarrerinitiative lassen sich ganz einfach umsetzen, zumal viele davon in Wien - wie in vielen anderen Diözesen der Welt - ohnehin gelebt werden, sogar mit Duldung des jeweiligen Bischofs. Der Papst nennt nur die Frauenordination als unerfüllbare Forderung. Darüber sollten wir - passenderweise zu Pfingsten - noch einmal nachdenken ...

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig.

Autor

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling: "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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