Die Milde des Papstes und das "Denkmal des Ungehorsams"

Wolfgang Bergmann
10. April 2012, 10:53
  • Der Obelisk als Denkmal des Ungehorsams auf dem dem römischen Petersplatz.
    foto: dapd/plinio lepri

    Der Obelisk als Denkmal des Ungehorsams auf dem dem römischen Petersplatz.

Nach nicht einmal einem Jahr ist der "Aufruf zum Ungehorsam" der österreichischen Pfarrerinitiative in der ewigen Stadt so deutlich angekommen, dass sogar der Papst reagiert hat. Das ist für römische Verhältnisse bemerkenswert schnell. Auch war die ablehnende Reaktion des Papstes insgesamt auffällig milde. Hatte doch im Vorfeld der deutsche Bischof Gerhard Müller von einer "unchristlichen Pfarrerinitiative" gesprochen, die "unserem katholischen Glauben diametral entgegengesetzt" ist.

Müller ist nicht irgendein Bischof, er ist Mitglied der Glaubenskongregation, einer der häufigsten Audienzgäste des Papstes und ernsthafter Anwärter auf den Chefposten der obersten Glaubensbehörde. Tatsächlich scheint die Angst vor einem Überschwappen der rot-weiß-roten Initiative auf Deutschland der Beweggrund dafür gewesen zu sein, von der sonst üblichen Strategie des Totschweigens abzugehen. Ein anderer deutscher Bischof hatte Helmut Schüller schon mit einem Auftrittsverbot in seiner Diözese belegt. Das signalisiert Nervosität.

In das Horn der Ausgrenzer hat Benedikt XVI. nicht gestoßen. Das ist positiv. Die Freude darüber darf aber nicht überdecken, wie unhaltbar, bedrückend und letztlich empörend die Argumentation der inhaltlichen Zurückweisung durch den Papst ausgefallen ist: Er stellte die rhetorische Frage, ob Ungehorsam ein Weg sein könne, und erinnert - als Antwort - an Jesu gehorsames Verhalten Gott gegenüber bis in den Tod (O-Ton: "Er hat seinen Auftrag mit seinem eigenen Gehorsam und seiner Demut bis ans Kreuz hin konkretisiert und so seine Sendung beglaubigt"). Die Pfarrerinitiative rebelliert aber nicht gegen Gott, sondern gegen einzelne kirchliche Vorschriften. Kirchliche Paragrafen mit göttlichen Weisungen gleichzusetzen ist leider ein Grundmuster autoritären Machtmissbrauches in der Kirche. Manche der Vorschriften sind geradezu lächerlich, wie zum Beispiel das Predigtverbot für Laien.

Den Gehorsam gegenüber Gott als unbedingten Gehorsam gegenüber Menschen oder Vorschriften von Menschenhand umzuinterpretieren - das geht, bitte, gar nicht! Es wäre gerade die Aufgabe eines Papstes, der aus Deutschland kommt, hier ein "Nie wieder" zu formulieren. Ist es nicht besonders seine Kriegsgeneration, der das Wort der Pflichterfüllung im Hals stecken bleiben muss? Die aufgrund schmerzhafter Erfahrung eines totalitären Regimes viel klarer sehen muss als andere, dass Gehorsam nie wieder Menschen blind machen darf? Wer jetzt einwendet, dass man zwischen staatlichem und kirchlichem Gehorsam unterscheiden müsse, liegt falsch. Franz Jägerstätters Ungehorsam richtete sich in gleicher Weise gegen Hitler wie gegen seinen Bischof. Das hat die Kirche immerhin mit seiner Seligsprechung anerkannt.

Aber man muss bei dieser Gelegenheit nicht die dunkelsten Kapitel der Menschheit bemühen (obwohl das gerade zur Ölbergstunde und zum Karfreitag passt), um die Position zu veranschaulichen. Ein schönes, vergleichsweise harmloses Beispiel ist der Obelisk auf dem römischen Petersplatz, den ich als "Denkmal des Ungehorsams gegen den Papst" bezeichnen möchte. Der Papst hat dieses bei jedem "urbi et orbi" vor Augen. Warum ich das Monument so nenne, ist schnell erzählt: Als nämlich im Jahre 1586 dieser 25 Meter hohe Stein auf seinen heutigen Standort gebracht wurde, soll Papst Sixtus V. für die Zeit der Aufstellung völliges Stillschweigen angeordnet haben, damit von allen Helfern die Befehle des Architekten gehört werden könnten. Um diesem Gebot Nachdruck zu verleihen, wurde für das Zuwiderhandeln die Todesstrafe angedroht (so nebenbei natürlich auch eine völlig unchristliche Kompetenzüberschreitung).

Aufgrund der Hitze drohten allerdings die Seile zu reißen. Da rief ein Arbeiter unter Missachtung des päpstlichen Befehls: "Acqua alle funi!" - "Wasser auf die Seile!" - nur so wurde der Obelisk vor der Zerstörung gerettet. Der Arbeiter wurde erfreulicherweise nicht hingerichtet.

Das Bild ist sehr stimmig. Nur durch den Ungehorsam wurde das erreicht, was der Papst durch Gehorsam erzwingen wollte, was bei Gehorsamkeit gescheitert wäre. Vielleicht sind es auch jetzt die einfachen Arbeiter, die Priester an der Basis, die im Unterschied zu Papst und kirchlichen Behördenleitern erkennen, dass die Seile des kirchlichen Netzwerkes zu zerreißen drohen, und die aus ihrer Kompetenz wissen, wie man das Unglück verhindern kann. "Acqua alle funi", kann man auch dem Papst zurufen. Fast alle Forderungen der Pfarrerinitiative lassen sich ganz einfach umsetzen, zumal viele davon in Wien - wie in vielen anderen Diözesen der Welt - ohnehin gelebt werden, sogar mit Duldung des jeweiligen Bischofs. Der Papst nennt nur die Frauenordination als unerfüllbare Forderung. Darüber sollten wir - passenderweise zu Pfingsten - noch einmal nachdenken ...

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig.

Autor

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling: "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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"[…] die Angst vor einem Überschwappen

der rot-weiß-roten Initiative auf Deutschland […]"
Tja – "leider" zu spät, schon passiert:
http://www.pfarrer-initiative.org

"Helmut--world-wide-web--2012

Having heard and read, that Austria and whole Europe are “too small“ for “Helmut, the catholic conquerer“, we would like to send him the best wishes for his extremly-engaged world-wide-'not only'-web-activities.

A lot of male and female
ardent admirers from
U.S.A. and so on …

-----------------------------------------------------------------------------------------

HELMUT--the-catholic-conquerer--2012

We have heard and read, that Austria and whole Europe are “too small“ for “Helmut, the catholic conquerer“.
Therefore we would like to send him the best wishes from U.S.A. and so on …
… for his extremly-engaged world-wide-'not only'-web-activities.

Kind regards from a lot of
ardent male and female admirers

was soll man dazu noch sagen...

1. jesus = gott = heiliger geist
2. jesus = jude = gott = jude
3. warum sollte ein jüdischer gott überhaupt irgendwelche regeln für das christentum erstellen?

ergo: selsbt wenn amn an jesus und gott glaubt, ist es völliger unsinn an die katholische kirhce zu glauben...von denen hat jesus nie gesprochen, auch ncith von deren gebote und regeln, er hat immer nach jüdischem glauben gelebt!

das christentum ist eine erfindung von petrus also eine erfindung von menschen, das hat nichts mit gott zu tun...denn nochmal der ist JUDE!!

...

der gott ist jude?
cool, wieder was gelernt..

"Der Arbeiter wurde erfreulicherweise nicht hingerichtet."

Wundert mich, dass dies dem Papst nicht irgendwie als "Mangel an Konsequenz" angekreidet wird.

"Predigtverbot für Laien"

Eine super Sache.

Erspart meiner geliebten Kirche so was:

http://www.youtube.com/watch?v=nl8a12vt3mA

Danke, Heiliger Vater!

thx

das mit dem obelisken war mir neu.
selbst wenn es eine legende ist - ein sehr schöne symbolgeschichte ist es allemal
danke!

Aqua alle camilos

"Wasser auf die Taue", damit sie durch ein Nadelöhr gegen. Denn die vatikanischen Kamele werden da nie hindurch gehen ...

Ungehorsam ist ja flexibel...

...wie die rk kirche schon mehrmals unter beweis gestellt hat. waren 1938-1945 noch viele überzeugt, dass man gehorsam jeder Regierung gegenüber schuldig ist, weil diese ja die Macht nur von Gott bekommen haben kann, wurde dann SPÄTER doch Franz Jägerstätter gerade wegen Ungehorsam während dieser Zeit selig gesprochen.

Wer soll sich da noch auskennen? ;-)

Flexibel?

Positiv formuliert könnte man es aber auch als lernfähig bezeichnen.

Und korrekt

als opportunistisch.

Der Geschäftsführer des Standard ist ein studierter kath. Theologe??

Warum auch nicht? - Nur weil jemand Zeit in ein Theologiestudium investiert hat oder vielleicht sogar zum Priester geweiht wurde, muß er ja nicht gleich ein weltfremder Mensch ohne jeden Realitätsbezug sein. Es gibt etliche Priester (von nicht geweihten Studienabsolventen will ich erst gar nicht reden), die trotzdem absolut weltlichen Tätigkeiten nachgehen. Und (das ist natürlich nur meine ganz persönliche Meinung) diese sind den eigentlichen Zielen der Religion oft um einiges zuträglicher als die offiziellen Würdenträger. Wenn man nach einem Germanistik- oder Geschichtsstudium als Quereinsteiger in eine Mangementposition kommen kann, warum sollte das dann ausgerechnet bei Theologen ein Problem sein?

Weil

Theologie nur in einem sehr weiten Sinn als ernstzunehmendes Studium betrachtet werden kann. Die Freiheit der Wissenschaft und Lehre fehlen völlig, über Inhalt und Personal bestimmt in Österreich allein der Heilige Stuhl (bzw. delegiert er das an seine heimischen Vertreter, was aber nichts an der Grundzuständigkeit ändert.) Wenn man sich die Diplomarbeiten ansieht - das spottet jeder Beschreibung. Ein Akademiker im engeren Wortsinn ist ein Theologe eher nicht. Das heißt nicht, dass ein Theologe per se ungeeignet ist für andere Aufgaben. Nur dann eher trotz Studium und nicht wegen.

Ins Angesicht widerstanden

hat Paulus dem Petrus - und heute ist die rk Kirche mehr paulinisch als petrinisch.

Ins Angesicht widersteht heute der Schüller dem Ratzinger .....

Nicht, dass ich dem Schüller paulinische Qualitäten zuschreibe, aber der Vergleich passt ein wenig und gibt Hoffnung.

Der Obelisk als Erinnerung an die Heidnischen Wurzeln der "Mutterkirche" ?

Oder :

Der Fisch als Erinnerung an die Babylonischen Wurzeln ?

Die Vescia Piscis (oft am Eingang von Kirchen zu finden)
als Erinnerung an den Yoni Kult?

Fragen über Fragen...

Glaube braucht keine Religion.

Yeshua is the way

Peace

"Hatte doch im Vorfeld der deutsche Bischof Gerhard Müller von einer "unchristlichen Pfarrerinitiative" gesprochen, die "unserem katholischen Glauben diametral entgegengesetzt" ist."

Sind wir nicht - letztlich, durch alle kleinlichen Ängste, die der liebende Vorsehung Gottes aus sicvh heraus nicht wirklich gerecht werden können, hindurch! - ALLE dazu eingeladen, voller Freude und nach besten Kräften dazu beizutragen, dass die Heilige Katholische Kirche ihr verantwortungsvolles Werk der Heiligung der Welt zum Wohle aller Menschen guten Willens auch weiterhin authentisch fortführen kann? Ist nicht genau dies eine zentrale Herausforderung unserer Tage: das spezifische Proprium der Braut Christi getreu zu bewahren und nicht - letztlich, durch alle oberflächlichen Zugehörigkeitsillusionen hindurch! - theologisch in eine www.atheistische-religionsgesellschaft.at und ihre trostlose Verfehlung der Wahrheit Gottes abzustürzen?

Mit anderen Worten:

Hände falten – Pappen halten?

Was um Gottes willen ist denn "das spezifische Proprium der Braut Christi"?

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss und die Republik Österreich das Konkordat umgehend aufkündigen sollte!

Was genau wollen Sie aufkündigen?

Haben Sie das Konkordat je gelesen?
Was stört Sie etwa an den Diözesangrenzen?

Ja habe ich. Dass der Staat Steuergeld an "Lehrkräfte" verschwendet, welche die Zeit unserer Nachkommen damit vergeuden Lügen zu verbreiten ist inakzeptabel.

Sie müssen nur aus der Kirche austreten, dann müssen

Ihre Kinder nicht am Religionsunterricht teilnehmen.
Eigentlich sehr einfach.
Andere wollen es für ihre Kinder und diese können sich wiederum ab 14 abmelden, wenn sie es selbst nicht wollen.
Eigentlich eine gute Regelung.
Dass Sie das für Lügen halten ist Ihre Sache tut aber nichts zur Sache, da es andere nicht tun.

Überraschung, ich bin aus der Kirche ausgetreten.

(Das ich überhaupt, ohne jemals gefragt worden zu sein, automatisch als Mitglied dort gelistet war ist der nächste Skandal...wer genau gibt der katholischen Kirche eigentlich das Recht, unmündige Säuglinge in einem feudalen Automatismus in ihre Gemeinschaft einzugliedern?)

Nur...mit einem Teil meinen Steuergeldern werden weiterhin Religionslehrer und die Förderungen an religiöse Einrichtungen bezahlt. Mit anderen Worten: Ich als erklärter Atheist, werde GEZWUNGEN die Verbreitung dieser Lügenpropaganda mitzufinanzieren.

Mit welchem Recht wird das getan? Darauf auch eine so "schlaue" Antwort Herr Schenk?

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