Grass-Kontroverse: Juden im Visier

Kolumne |

Das wirklich Beunruhigende spielt sich in der anonymen Welt der Poster und Leserkommentare ab

Ein Gedicht des deutschen Literaturnobelpreisträgers Günter Grass gegen die geplante Lieferung eines weiteren deutschen U-Bootes an die "den Weltfrieden gefährdende Atommacht Israel" hat weltweite Diskussionen ausgelöst. "Beifall für Grass kommt von der radikalen Linken, der radikalen Rechten und aus dem Iran", schrieb die "Welt", aber die wichtigsten Publikationen Deutschlands haben "einen Cordon des Anstandes gegen Grass gebildet."

Zu Recht wies aber der Leitartikler, Clemens Wergin (wie übrigens auch Christian Ultsch in der "Presse"), darauf hin, dass sich das wirklich Beunruhigende in der anonymen Welt der Poster und Leserkommentaren abspielt. Der Hass auf Israel und auf Juden allgemein in den Spalten der Nachrichten-Websites zeigt die breite Aufnahmebereitschaft für den "befreienden Tabubruch" (so ein der Sprecher der rechtsradikalen NPD), für den "gelungenen tödlichen lyrischen Schlag gegen Israel" (Iran TV).

Abgesehen von der Verniedlichung der wiederholten iranischen Drohungen zur Auslöschung Israels und der Behauptung, schuld sei an allem Israel als "Verursacher der erkennbaren Gefahr", haben noch zwei Faktoren besondere Empörung in den meisten Medien ausgelöst. Erstens brauchte Grass, der Bundeskanzler Kohl und SPD-Minister Karl Schiller wegen mangelnder Vergangenheitsbewältigung seinerseits scharf angegriffen hatte, 60 Jahre, bis ihm in seinen Memoiren 2006 eingefallen war, dass er selbst als 17-Jähriger kurz bei der Waffen-SS gedient hatte. Zweitens empfand er damals Fragen, warum er diese Information sechs Jahrzehnte lang für sich behalten hatte, als Zumutung, so wie er sich heute selbst angesichts der allgemeinen Kritik als größtes Opfer einer "Kampagne gleichgeschalteter Medien" stilisiert.

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der am 27. Jänner, dem Holocaust-Gedenktag, als Überlebender im deutschen Bundestag gesprochen hat, kritisierte scharf das "ekelhafte, politisch und literarisch wertlose Gedicht", das die Welt auf den Kopf stelle: "Der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil." Das Gedicht sei ein geplanter Schlag nicht nur gegen den "Judenstaat", sondern gegen alle Juden. Grass spiele gezielt auf antisemitische Neigungen in Teilen der Bevölkerung an. Darum mache ihm das Gedicht auch Angst, sagte Reich-Ranicki.

Noch mehr Grund zur Angst dürfte allerdings die auf 100.000 geschätzte jüdische Gemeinde in Ungarn haben. Ein Abgeordneter der rechtsradikalen Jobbik-Partei, Zsolt Baráth, hat am vergangenen Dienstag im ungarischen Parlament den 130. Jahrestag des berüchtigten Ritualmordprozesses von Tiszaeszlár für eine antisemitische Hetzrede benützt. Damals (1882) hatten Ministerpräsident Kálmán Tisza, der greise Graf Gyula Andrássy und der Freiheitsheld der 1848er-Revolution, Lajos Kossuth, aus der Emigration die antisemitische Agitation am schärfsten verurteilt. "Le Monde" bezeichnete den skandalösen Vorfall als beispiellos im Parlament eines EU-Staates. Abgesehen von einer kurzen Replik des Staatssekretärs Janos Fonagy, hüllt sich Ministerpräsident Viktor Orbán, zumindest bisher, in Schweigen. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 10.4.2012)

Share if you care
  • 28.10.2014
    • Der Fall Sikorski [16]

      Das Image des bis vor kurzem als charismatische Führungskraft der europäischen Diplomatie geltenden, ehrgeizigen Sikorski ist wohl endgültig ramponiert

  • 21.10.2014
    • Heuchelei aus Schwäche [195]

      Die Annexion der Krim und die Kontrolle über die Ostukraine sind unverrückbare Säulen der Putin-Doktrin

  • 14.10.2014
    • Erdogans Machtspiele [36]

      Die Kurden in Kobanê wollen keine türkischen Truppen, sondern Nachschub an Waffen, Munition und vor allem zusätzliche kurdische Kämpfer

  • 7.10.2014
    • Lehren aus zwei Wahlen [43]

      Lettland gilt als das Land einer hart erkämpften Erfolgsstory, während Bulgarien im Sumpf allgegenwärtiger Korruption versinkt

Posting 1 bis 25 von 642
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14

Was erwarten wir noch vom Lendvai? Ich eigentlich nichts Brauchbares. Das was er schreibt ist immer tendenziös. In Ungarn liest ihn sowieso niemand mehr. Le Monde kann schreiben was will. Die Ungarn reden auch nicht in die französische Politik hinein! Schande für Le Monde - Wichtigmacherzeitung. Die Probleme werden und sollen in Budapest gelöst werden und nicht in Paris!!!!!!

Ich bin angeblich ein niemand...

Gut zu wissen!

"... dass sich das wirklich Beunruhigende in der anonymen Welt der Poster und Leserkommentaren abspielt."

naja, herr lendvai, werden's halt - mit verlaub - auch schon ein bissel alt.
die kommentare in den postingforen haben sich gegenseitig auf, also keine angst.
was mir hingegen angst macht, ist ein verstärktes "mob-mobbing"; wer als nicht deklarierter meinungsmacher einen kommentar abgibt, wird einfach zum pöbel (auch "voik" oder, mit doderer gesprochen, "ruaß") gerechnet.
sie hingegen haben das letzte buch eines gefährlichen revisionisten wie götz aly wortreich verteidigt; aly erklärt nicht den historischen antisemitismus, sondern rechtfertigt ihn.

grass zeigt wie es nicht geht II

hier der link zu meinem eigenen artikel

http://bernhardjenny.wordpress.com/2012/04/1... icht-geht/

grass zeigt wie es nicht geht

wer die sprache des konflikts einfach nur verdreht, bringt weder sich noch in der sache etwas weiter...

http://www.wienerzeitung.at/meinungen... ndert.html

Zusammenfassung des Artikels aus der Wiener Zeitung:

Erlaubt: ein Facebookeintrag mit Herzchen und Küsschen
Verboten: die Dinge beim Namen zu nennen. Das regt zu sehr auf.

Grass wird missbraucht

Hurra! Demnächst wird es einen Angriffskrieg geben. Hunderttausende Menschen werden sterben und die Lebensgrundlage von Millionen Menschen wird zerstört werden. Dagegen ist Griechenland ein Schas.

Wer gegen den Krieg ist, wird niedergebrüllt. Z.B. in der Presse. Die Zeitungen arbeiten sich an Grass ab. Auch Lendvai. Ja der Antisemitismus ist arg. Trotzdem kann er akzeptieren, dass sich jemand für den Frieden einsetzt. Diese Leute haben derzeit leider keine Mehrheit. Nicht in Irsrael und nicht in den USA. Schade.

wieso blendet ihresgleichen andauernd die drohungen ahmadinejads aus?...

...und wie kann's bei der (angenommenen) bombardierung einer atom-aufbereitungsanlage hunderttausende tote geben, wie wird da die lebensgrundlage von millionen "zerstoert"?

nichts von alldem ist passiert, als israel eine aehnliche anlage in syrien dem boden gleichgemacht hat.

ihre hysterie wird nur mehr von ihrer offensichtlichen dummheit getoppt. oder es geht auch ihnen vor allem darum "die juden" niederzuboegeln: zu ahmadinejad ist ihnen aehnliches noch nie eingefallen.

und wenn ich mir das von hier aus anschau: MIR ist es nur recht, dass den narren jemand in schach haelt.

OK. Sie sind schon auf dem Kriegspfad.

ahmadinejad ist sicher kein Guter, aber er wird sicher schlechter dargestellt als er ist, damit man einen Kriegsgrund hat. Ist ja nicht einfach, denn der schlaue Bursche hält sich an das Völkerrecht! Ich gebe zu, kenne die Wahrheit nicht, deshalb habe ich in meinem Posting den Iran nicht erwähnt. Der Krieg wird aber asymmetrisch sein.

Ich bin alt genug, um mich noch an Saddam Husseins Kriege erinnern zu können. An die gruseligen Brutkastengeschichten, die Massenvernichtungswaffen, die Terrorgeschichten - alles gelogen. An die Koalition der Willigen, die ohne UNO-Resolutionen ein Land angriffen.

Die Waffen haben gesprochen. Fast eine Million tote Zivilisten und der Irak ist noch immer nicht weniger gewalttätig als vorher.

Warum werden hier meine Beiträge, die ich in der Nacht schreibe, alle zensiert?

Weil ich finde, dass Lendvai einen Artikel geschrieben hat, der des Standards nicht würdig ist? Der fast nichts bringt als Zitate, wo wir die Originale ohnehin schon kennen?

Weil er - ohne offensichtlich das Grass-Gedicht gelesen zu haben - von einem Angriff auf die Juden spricht?
Wo hat Grass die Juden angegriffen?

Setzt Lendvai hier eine kriegstreibende politische Führung Israels mit "den Juden" gleich? DAS ist antisemistisch, nicht Grass!

==================
Aber:
Es gibt auch Juden, die hinter Grass stehen.
"Grass hat etwas Vernünftiges gesagt"
http://www.sueddeutsche.de/politik/a... -1.1329287

Oder etwa Uri Avnery.
"Kritik-Verbot an Israel ist antisemitisch"

foromat, die 2.: beherrschen sie die unfallfreie handhabung einer enzyklopaedie?...

...dann bilden sie sich weiter und schlagen sie einmal unter "kritik" nach.

notfalls lassen sie sich helfen.

grass "kritisiert" naemlich keineswegs. er polemisiert. angeblich "lyrisch". und in einem fuer einen nobelpreistraeger unfassbar holprigen deutsch.

aufgepackelter stammtisch, sozusagen: "man wird ja noch sagen duerfen..."

Das wirklich Beunruhigende ist, dass es es Subjekte gibt, heute noch gibt,

die einen Erstschlag auch einen atomaren, diskutieren und nicht sofart "Feuer" schreien! Es ist unerheblich für die Menschen, ob sie durch eine philosemitischew oder antisemitische Bombe umkommen. Das sollten sie gerade bedenken, Herr Lenvai!

Aber warum bringt Lendvai hier Òrban ins Spiel?

Ich finde Orban toll und werde ihn wieder wählen!

Aha so, Sie haben es gar nicht ernst gemeint...

Sie haben seinen Namen mit Absicht falsch geschrieben: aber zu spät, ich habe Ihnen leider schon rot gegeben...
Nun ja... ua wegen "I bsen" verdienen Sie es aber sowieso!

Meschugge ? Provokateur ? Rechtsextrem ? Jobik-Mitglied ?

Wählen Sie ihn nur...

Original-Ibsen tut das sicher nicht!

Günter Grass hat nicht einmal in seiner ersten Version "die Juden" kritisiert, und als er es dann konkretisiert hat, seine Kritik auf die israelische Regierung beschränkt. Und die ist ganz einfach 100%ig berechtigt.

wo wird das behauptet?...

...re.:"Günter Grass hat nicht einmal in seiner ersten Version "die Juden" kritisiert, "

lesen koennen sie also AUCH nicht.

warum bin ich nicht ueberrascht.

Ich kann lesen und weiß daher, dass Grass NICHT die Juden kritisiert hat. Ich bin auch überzeugt, dass er das niemals in seinem Leben gemacht hat.

uijegerl: ich vergaß "zusammenhaengend"...

...also, nochmals ganz langsam, WER hat behauptet, grass kritisiere "die juden".

(uebrigens macht er in seiner hinterfotzigen unterlassung des "israel muss ausgeloescht werden" genau DAS).

naja, ein 80+-jaehriger ss-ler, was willst machen?

da ist aber keinerlei "kritik"...

...wo ist das abwaegen von fuer und wider? welche fakten werden zur beurteilung herangezogen? these/antithese, synthese?

von alldem nix zu sehen.

das ist keine kritik. das ist angeblich "lyrisch" verbraemte stammtischpolemik ("man wird ja noch sagen duerfen..."). und kein deut mehr.

Eines ist aber auch klar:
Ein Iran mit Atombombe ist eine regionale Supermacht und kann die Politik des Nahen Ostens entscheidend beeinflussen.
Iran ist der Unterstützer von Hamas und Hisbollah.
Natürlich muss Israel mit allen Mitteln eine iranische Bombe verhindern.

Mit Krieg kann man Krieg nicht verhindern.

Mit allen Mitteln.
Auch mit Bomben? Warum?

Damit es nicht zu einem Krieg kommt?

Aber wenn Israel mit Bomben einen Krieg zu verhindern versucht, ist er ja schon da.
Und die Verlierer werden ALLE sein.

Irgendwie erinnert mich die Argumentation an die, die G.W.Bush gebraucht hat, um seinen Einmarsch in den Irak zu rechtfertigen.

Und es gibt genug Personen, die auf diese Argumentation hereinfallen. :(
Man sollte es nicht glauben, wie leichtgläubig auch Studierte sind.

Israel geht es nicht um die Vermeidung von Krieg, sondern um die langfristige Existenzsicherung des Staates Israel.
Der Vergleich mit dem Irak geht ins Leere.
Damals wurde ja - zu Recht - argumentiert:
Würde Saddam wirklich realistische Chancen auf die Bombe haben, dann wäre Israel nicht so ruhig.
Osirak war übrigens eine gute Entscheidung.

Ja, ein Iran mit Atombombe. Man kann aber davon ausgehen, dass der Iran keine Atombombe hat, weil bis jetzt außer haltlosen Verdächtigungen nix gekommen ist. Ohne auch nur ein Indiz zu haben, dass der Iran eine Atombombe hat, aus Angst auf das Land ein Atombombe fallen lassen, geht irgendwie nicht. Das tut man einfach nicht.

Posting 1 bis 25 von 642
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.