Grass Persona non grata in Israel

  • Tom Segev: Einreiseverbot für Grass "rückt 
uns näher an Iran und Syrien".
    foto: apa/hans klaus techt

    Tom Segev: Einreiseverbot für Grass "rückt uns näher an Iran und Syrien".

Innenminister verhängt Einreiseverbot - Historiker Segev: "Völlig idiotisch"

Überraschung rief am Sonntag in Israel die Entscheidung der Regierung hervor, Günter Grass zur Persona non grata (unerwünschte Person) zu erklären. Das Iran-Israel-Gedicht des deutschen Schriftstellers, das in Deutschland eine lautstarke Debatte auslöste, hatte in Israel vergleichsweise wenig Beachtung gefunden.

"Eine Aussage dieser Art stellt klaren Antisemitismus dar, der einen Aufschrei in der ganzen Welt hervorrufen muss", begründete Innenminister Eli Jischai von der religiösen Schass-Partei das von ihm verkündete Einreiseverbot. "Das Wenigste, was wir tun können, und besonders ich als Innenminister, der das Recht dazu hat, ist, so einen Menschen daran zu hindern, nach Israel zu kommen." Der israelische Historiker und Kolumnist Tom Segev bezeichnete das Einreiseverbot am Montag im Gespräch mit dem STANDARD als "völlig idiotisch". Am Sonntag hatte sich auch Außenminister Avigdor Lieberman zu Grass geäußert und "westliche Intellektuelle" kritisiert, die "zur Eigenwerbung bereit sind, die Juden zum zweiten Mal auf dem Altar verrückter Antisemiten zu opfern".

Zuvor hatten die wenigen israelischen Kommentare, die sich mit dem in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichten Text befassten, die Grass'' Thesen in teils scharfen Tönen zurückgewiesen. "Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden", hatte Grass geschrieben und vor einem " Erstschlag" gewarnt, der das "iranische Volk auslöschen könnte". Segev hatte dazu gemeint, dass "Grass überhaupt keine Ahnung haben kann" und manchmal ein "Bedürfnis hat, Provokationen aufzubringen". Israel habe noch niemals gedroht, irgendein Land zu vernichten, "während der Iran Tag und Nacht droht, Israel zu vernichten".

Doch das Einreiseverbot für Grass bezeichnete Segev nun als "peinlich in dem Sinn, als es uns näher an Iran und Syrien rückt als an ein Land, in dem freie und intelligente Menschen leben, wie die meisten Israelis das wollen". Gerade Israel als " ein Land, das sich fast täglich gegen irgendeine Art von Kulturboykott wehren muss, tut nicht gut daran, jemanden nur wegen seiner politischen Auffassungen zu boykottieren". (Ben Segenreich, DER STANDARD, 10.4.2012)

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