Tiefer geht es nicht

Blog9. April 2012, 14:34
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Medialer Missbrauch eines Roma-Kindes – Literatur-Nobelpreisträger Grass hat andere Sorgen

Medial konnten zu Ostern weder der Papst noch der unerwartete Schnee die zwei Info-Stars toppen. Der eine ist Literatur-Nobelpreisträger Günther Grass. Der andere ein - Name unbekannt - Roma-Bub, von einem Schweizer Wochenblatt zum Coverboy für fremdenfeindliche Thesen missbraucht. Beide Fälle spiegeln fragwürdige Medien-Wirklichkeit wieder.

Der eine weiß was er sagt, glaubt zu wissen, „was gesagt werden muss", ist für das, was er sagt, selbst verantwortlich. Der Nobelpreisträger hat sich mit einem anti-israelischen Gedicht perfekt in Szene gesetzt. Man könnte auch sagen, in die Nesseln.

Günther Grass wollte, so scheint es, vor einer politischen Eskalation warnen, hat jedoch mit „letzter Tinte" voll daneben getippt Die internationalen Schlagzeilen waren ihm sicher, sein Ruf als reflektierender Denker ist bis auf weiteres lädiert. Grass ist klug genug, um zu wissen, was er tut. Also Entschuldigung, Entschuldigung. Antisemitisch sei seine jüngste Lyrelei auf keinen Fall gemeint.

Der kleine Roma-Bub hingegen kam gar nichts sagen, nichts erklären. Niemand war bisher an ihm selbst interessiert. Er kam ungefragt zum medialen Handkuss. Wahrscheinlich weiß er nicht einmal von seinem fragwürdigen Glück, als Titelbild für eine Anti-Roma-Story der jüngsten „Weltwoche" gedient zu haben. Unter dem Konterfei des Kindes prangt die Unterschrift; "Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz".

Wer weiß, ob der Bub überhaupt noch lebt. Er ist kein Schweizer Roma-Kind. 2008 hatte der italienische Photograf Livio Mancini ihn und seine Freunde auf einer Müllhalde am Rand der kosovarischen Stadt Gjakova abgelichtet. Die gifthaltige Deponie war ihr Spielplatz. Der Bub zielt mit einer Pistole in die Kamera. Könnte ja sein, dass er sich in diesem Moment wie 007 fühlte.

Ein Schnappschuss, der jetzt, vier Jahre später, Mediengeschichte macht. International werden Klagen gegen die „Weltwoche" wegen Verhetzung eingebracht, seitens Österreichs durch den Journalisten Klaus Kamolz.

Reaktion der „Weltwoche": Das kritisierte Titelbild symbolisiere den Umstand, "dass Roma-Banden ihre Kinder für kriminelle Zwecke missbrauchen."
Mit Medienfreiheit hat dies nichts zu tun. Im Gegenteil. Tiefer geht es nicht. Oder doch? 

Warum nimmt Grass nicht solch ein Thema als Anlass für nachhaltige Wortmeldungen? Warum spielt sich der Dichter stattdessen mit ungenierten politischen Thesen ins Out. Offenbar hat er andere Sorgen, andere Sensoren. Die Israel-Politik ist schwerlich in einem knappen Gedicht zu fassen, noch dazu unter dem Titel „ was gesagt werden muss" Allein das Vorhaben ist verwegen. Andere schaffen das kaum in umfangreichen Analysen. 

Ein kleiner Fingerzeig auf den menschenrechtswidrigen Umgang mit Minderheiten hätte nur weniger, direkter Sätze bedurft. Schade, dass Literatur-Nobelpreisträger Grass nicht solche Worte finden konnte. Die Medien wären sicher ebenso glücklich gewesen und hätten ihn in den Himmel gehoben. Nun schicken sie ihn mit blechernem Trommelwirbel als flügellahmen Engel auf Talfahrt. Warum hat er falsch geschwiegen? 

Der mediale Missbrauch eines Roma-Kindes ist mehr als eine Fußnote wert. (Rubina Möhring, derStandard.at, 9.4.2012)

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  • Das Cover der "Weltwoche".
    foto: screenshot

    Das Cover der "Weltwoche".

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