Der Paul Watzlawick der Rundstrecke

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Von der Boxenausfahrt ins Kiesbett in nur einer Kurve. Auch das geht mit der S 1000 RR, wenn man alle guten Ratschläge in den Wind schießt

Er kann nicht sagen, es habe ihn keiner gewarnt. Der Kerl von BMW, der ihm die S 1000 RR ausgehändigt hat, hat es ihm zweimal gesagt. Der Christian Kerbler, Kollege von der "Kronen Zeitung" und elender Würger des Gasgriffs, hat ihn sogar angewinselt wie ein junger Hund sein Herrl. "Bitte, pass auf. Die Reifen sind kalt und nagelneu. Das rutscht wie sau", so in der Art.

Gut, wenn einer mit Textil und Klapphelm am Pannoniaring auf einer Test-Maschin ausreitet, dann schaut man von Natur aus, dass man in der Kurven nicht auf der Außenseite überholt. Und der Mann, der es sich gerade auf der Supersport 1000er einrichtet hat auch brav "Ja, ja" gesagt. Aber durch die erste Kurve ist er dann doch nicht durchgekommen, der Paul Watzlawick der Rundstrecke.

Höchster glu-Faktor

Die BMW hat er fein säuberlich in den Schotter gelegt, er selbst steht ein paar Meter weiter vorne, die Hände in den Hüften. Als ob er nachdenken würde, was das grad war und was ihm die Jungs vorher gesagt haben. Höchster glu-Faktor jedenfalls. Maximale Punkteanzahl. Mehr geht nimmer.

Den glu-Faktor habe ich bis vor wenigen Tagen selbst nicht gekannt. Ein Kollege von "News", den ich bis letzte Woche noch zu meinen Freunden und Vorbildern zählte - weil er fantastisch Auto und Trial fährt -, hat ihn erfunden und war so stolz darauf, dass er mir gleich davon erzählt hat: "Der glu-Faktor zeigt die Sturzhäufig an und steht für 'gelegentlich liegta unten'."

Gleiches Setup

So beleidigt wollte ich den glu-Faktor bei meinem Ring-Ausflug möglichst bei null halten. Ich sitze auf einer nagelneuen BMW S 1000 RR. Mit kalten Reifen. Und nagelneuen Reifen. Geschätzte acht Minuten später habe ich die erste Runde hinter mir. Kein Rutscher - klar, wenn du mit einem heißen 30er über den Ring rollst. Zum Vergleich, der Resch Roland fährt die Runde in unter zwei Minuten, wenn das Essen schon am Tisch steht.

Nach der ersten Runde im Regenmodus, wo die neue S 1000 RR nur 163 PS ans Hinterrad schickt und das Gas so sanft annimmt, als würde man es mit einem feinen Pinsel auftragen, ist aber auch mir großem Nudler klar: Das Moped ist nicht gemacht um damit die Landschaft zu genießen. Und der gute Mann, den sie inzwischen aus dem Schotter gefischt haben, und dessen Testreiben nun ganz hinten in einer Box auf einen neuen Anzug wartet, hatte schon recht. Es ist besser, du erzählst daheim, es hat dich in der Startkurve vom Radl gerissen, als "Ich hab geglaubt, ich fahr in der MotoGP, weil ich so oft überholt worden bin".

Die Änderungen

Also Race-Modus rein, 193 PS liegen jetzt an, und schauen was sich zum Vorgängermodell geändert hat. Ich kann es kurz machen. Was ich nicht sehe, merke ich nicht. Da ist der zierlichere Popsch der neuen BMW, und da sind die Winglets in der Front - sehe ich, ist also die Neue. Der Motor ist der gleiche, das Gewicht ist das gleiche. Nur die 193 PS liegen nun in jedem, außer dem Regen-Modus an. Die Drehmomentkurve ist durch die überarbeitete Airbox angeblich schöner. Und die gesamte Geometrie der S 1000 RR wurde überarbeitet - kürzerer Radstand, anderer Steuerkopfwinkel und so Geschichten.

Davon spüre ich genau nix. Das Radl fährt genauso endlos fein wie die Vorgängerin und ich weiß nicht einmal, ob ich Grobmotoriker im direkten Vergleich mit dem alten Modell einen Unterschied spüren würde. Wer gescheite Zeiten in den Ring brennt, wird jetzt vermutlich den Kopf schütteln und sagen: "Geh, das merkt man sofort." Na ja, ich nicht.

Der Spaß des Nudlers

Was ich spüre, ist, wie das Adrenalin durch die Adern jagt, wenn ich das Gas aufmache. Himmel, mit dem Bock habe sogar ich Spaß am Ring. Und selbst ich Obernudler überhole heute einen nach dem anderen und stehe nur ganz selten im Weg - was aber sicher auch daran liegt, dass gerade viele blutige Anfänger auf der Strecke sind. Das endlose Vertrauen in den Bock, das perfekte Einlenkverhalten und die Kraft aus dem Motor geben mir den Eindruck, zum ersten Mal sogar ein bisserl flott zu sein. Nach wenigen Runden überhole ich Außen und Innen - wie es mir passt. Du denkst eine Linie an, und die BMW dafahrt das ohne Probleme. Aus der Kiste raus, kannst du damit gleich ganz vorne mitfahren.

Ich kann meine Begeisterung auch nicht zurückhalten, als ich wieder in die Box komme und dort Christoph Slawik steht, Marketing Leiter BMW Motorrad. "Ich müsst dich jetzt abbusseln, so eine Freud hab ich mit dem Motorradl", sag ich ihm, als ich den Helm runter reiße. Was er antwortet hat hier nix verloren. Nur soviel: Die nagelneue und jetzt fetzenhiniche S 1000 RR, die hinten in der Box lehnt, hat er für ein paar Sekunden komplett vergessen. (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 9.4.2012)

Information

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