"Wir leben in einer antiken Polis"

8. April 2012, 13:57
18 Postings

Der Politologe Nerzuk Ćurak hat radikale Visionen: Das Dayton-Abkommen außer Kraft setzen und einen noch dezentralen Staat erschaffen

Nerzuk Ćurak ist einer der derzeit bekanntesten und kontroversesten bosnischen Intellektuellen. Als Politikwissenschaftler beschäftigt er sich in erster Linie mit Konfliktforschung und Friedensarbeit in Post-Konflikt-Gesellschaften. Außerdem ist er ein kritischerer Beobachter der bosnisch-herzegowinischen Medienlandschaft. Er kritisiert die Desäkularisierung des Landes und den Mangel an kritischer Auseinandersetzung mit dem trägen politischen System. Mit daStandard sprach er über seine Visionen eines neuen Bosnien und Herzegowina und die Rolle der Medien im Krieg, der vor genau 20 Jahren begann.

daStandard.at: Sie vertreten die Meinung, dass das Dayton-Abkommen durch ein neues Vertragswerk ersetzt werden sollte. Was denken Sie, wie müsste die rechtliche Grundlage aussehen, die aus Bosnien und Herzegowina einen funktionierenden Staat machen könnte?

Ćurak: Schauen Sie, der Friedensvertrag von Dayton hat durch die Anerkennung der Resultate von Gewalt die Gewalt beendet. Das ist sein strategischer Fehler. Das heißt, man hat versucht, auf den Kriegsruinen und durch die Konstruktion eines schlechten Friedensabkommens eine politische Gemeinschaft aufzubauen. Siebzehn Jahre nach Beendigung der Gewalt leben wir noch immer in einer konfliktgeladenen politischen Gemeinschaft, in der wir einfach keinen echten Fortschritt verzeichnen können. Siebzehn Jahre ist eine lange Zeit, in der vernünftige Menschen Überlegungen anstellen können, wie man etwas, das nicht funktioniert, verändern könnte. Anstatt das Dayton-Abkommen ganz außer Kraft zu setzen, werden immer nur geringfügige Verfassungsänderungen vorgenommen, die garantieren, dass der Staat als solcher weiterbestehen kann.

daStandard.at: Sehen Sie eine Möglichkeit, dass sich das demnächst ändern könnte?

Ćurak: Ich bin leider fest davon überzeugt, dass das in dieser Weise so weitergehen wird, dass von einer fundamentalen Veränderung des Dayton-Abkommens nicht die Rede sein kann. Step by step wird stattdessen versucht, aus einer unmöglichen politischen Konstruktion durch die Schaffung von Rahmenbedingungen eine funktionierende politische Gemeinschaft zu machen. Sollten wir in siebzehn Jahren das gleiche Gespräch noch einmal führen, werde ich Ihnen in aller Ruhe die gleiche Geschichte erzählen, davon bin ich überzeugt.

daStandard.at: Wie könnte eine Lösung aussehen?

Ćurak: Wir müssen lernen, außerhalb der Quadratur des Kreises des Dayton-Abkommens zu denken. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, in denen alle relevanten politischen, intellektuellen und kulturellen Akteure so wie die Zivilgesellschaft begreifen, dass eine neue politische Gemeinschaft kreiert werden kann, in der tatsächlich alle gleichberechtigt sind. Wir müssen aufhören, das Dayton-Abkommen wie ein goldenes Kalb anzubeten. Ich muss dazu sagen, ich bin ein Pessimist.

daStandard.at: Aber ein Pessimist mit einer Vision. Wie könnte ein solcher Staat aussehen, den die Zivilgesellschaft mit sozusagen politisch nichtinfizierten Akteuren kreieren würde?

Ćurak: Man muss auf jeden Fall die jüngste Kriegsgeschichte respektieren. Ich denke, wir können ein Bosnien und Herzegowina schaffen, das noch dezentralisierter ist, als das Dayton-Abkommen es vorsieht, wenn das nötig wäre. Dazu sei gesagt, das dayton´sche Bosnien und Herzegowina ist der dezentralisierteste Staat in ganz Europa, aber diese Dezentralisierung ist sinnlos und dysfunktional. Durch die innere staatliche Konstruktion ist es unmöglich, die Bürger dazu zu bewegen, sich zu ihrem Land zu bekennen. Ein solcher Staat kann keine echte politische Integrität an den Tag legen. Wenn man Bosnien und Herzegowina zusätzlich dezentralisiert, um Ängste vor Majorisierung in den Griff zu bekommen, dann müsste man darauf schauen, dass man einen Staat erschafft, der sowohl über ein Fundament, als auch über ein Dach verfügt, also ein Staat mit einer eigenen vertikalen Struktur.

Derzeit leben wir in einem Staat, der überhaupt nicht vertikal strukturiert ist, beziehungsweise leben wir in einem Staat, in der jede Machtebene sich selbst genügt, de facto leben wir in einer antiken Polis, in der die bürokratische Maschinerie immer wieder neue nationalistische Narrative produziert, um den eigenen Machterhalt sicherzustellen. Damit wird die Integration Bosniens in euroatlantische Bündnisse erheblich behindert. Niemand will wirklich Kompromisse eingehen, das ist das Problem.

daStandard.at: Gibt es eine öffentliche Debatte über die ganz normalen Probleme der Bevölkerung, abseits der nationalistischen Grabenkämpfe?

Ćurak: Kaum. Ganze siebzehn Jahre nach dem Krieg haben hierzulande symbolische Fragen ein wesentlich größeres Gewicht als konkrete Probleme. Das hängt auch mit der inneren Struktur des Staates zusammen, die von vornherein nationalistischen Politikern den Vorzug gibt. Die Entwicklung einer Zivilgesellschaft ist unter solchen Bedingungen kaum möglich, denn auch die Zivilgesellschaft orientiert sich in erster Linie an den nationalistischen Politikern.

daStandard.at: Gibt es in Bosnien überhaupt intellektuelle Ressourcen außerhalb dieser nationalistischer Narrative und ökonomischer Interessen?

Ćurak: Sehr wenig. Es ist tatsächlich sehr schwer, einen intellektuellen unabhängigen Standpunkt zu bewahren. Natürlich gibt es sehr viele hervorragende Intellektuelle, aber im Kontext einer Gesellschaft, in der die ethnische Zugehörigkeit oder eine Parteimitgliedschaft von größter Wichtigkeit ist, ist es nicht leicht. Die Eliten wollen keinen funktionierenden Staat aufbauen.

daStandard.at: Jetzt zu einem anderen Thema, zum Anlass unseres Gespräches quasi: Die Belagerung Sarajevos begann vor exakt zwanzig Jahren. Welche Rolle haben die jugoslawischen und bosnischen Medien im Krieg gespielt?

Ćurak: Viele Journalisten haben im Laufe des Krieges ihre Professionalität verraten, man muss aber dazu sagen, dass viele Medien unter staatlicher Kontrolle standen. Die Journalisten in Bosnien mussten unter unmöglichen und unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Nach dem Krieg hat sich die Situation natürlich fundamental verändert.

daStandard.at: Man hat manchmal den Eindruck, dass bei der medialen Berichterstattung, besonders in diesen Tagen, die Belagerung Sarajevos mitunter verklärt romantisiert wird. Über die Situation der bosnischen Serben, die auch in der belagerten Stadt eingeschlossen waren, wird kaum gesprochen. Wie wird dieses Thema heute öffentlich diskutiert?

Ćurak: Das ist leider ein dunkler Fleck im ansonsten heldenhaften Kampf der Bevölkerung gegen die schreckliche Belagerung. Es gibt keine andere Stadt, mit der sich die Belagerung Sarajevos vergleichen ließe. Objektiv gesehen wurden während der Belagerung einige ethische Olympe erklommen, aber abgesehen davon sind auch Dinge geschehen, die niemandem zu Ehren gereichen. Es gab Privatgefängnisse für Serben und Repressionen. Das ist aber noch immer ein Tabu in de bosnisch-herzegowinischen Öffentlichkeit.

daStandard.at: Ich bedanke mich herzlich für das Interview. (Olivera Stajić, übersetzt von Mascha Dabić, 7. April 2012, daStandard.at)

Dr. Nerzuk Ćurak ist habilitierter Politikwissenschaftler, Dozent für Geopolitik und Internationale Sicherheit an der Fakultät für Politikwissenschaften der Universität in Sarajevo. Außerdem ist er seit dem 1980er Jahren als Journalist und Essayist für namhafte bosnischen Medien tätig. Seine umfassende Kritik des politischen Systems Bosniens und der Rolle der Medien hat ihm den Ruhm eines "unbequemen" Intellektuellen eingebracht.

Link:

Nerzuk Ćurak war am 01.04.2012 Gast in der renominierten politischen Diskussionareihe "Dobar, loš, zao".

 

 

  • Politologe Nerzuk Ćurak, Pessimist mit Visionen
    foto: narzuk curak

    Politologe Nerzuk Ćurak, Pessimist mit Visionen

Share if you care.