Die Wutbauern vom Waldviertel

Reportage | Gudrun Springer
6. April 2012, 19:18
  • Auf militärischem Sperrgebiet in Allentsteig bauen ...
    foto: standard/newald

    Auf militärischem Sperrgebiet in Allentsteig bauen ...

  • ... Rainer Deutsch, Helmuth Hübl, Gottfried Nussbaum und Gerhard Ruthner (v. li.) Getreide an. Sie hoffen, dass das auch so bleibt.
    foto: standard/newald

    ... Rainer Deutsch, Helmuth Hübl, Gottfried Nussbaum und Gerhard Ruthner (v. li.) Getreide an. Sie hoffen, dass das auch so bleibt.

Rund 200 Landwirte fürchten um ihre Felder auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig, weil die Verwaltung der Heeresforste optimiert werden soll. Im Büro Darabos glaubt man, die Bauern würden bewusst verunsichert

Allentsteig/Merkenbrechts - In Merkenbrechts ist man Krach gewohnt. Die Einwohner des Orts im Bezirk Zwettl, fast nur Bauern, hören regelmäßig die Gefechtsübungen und den Hubschrauberlärm des Bundesheeres, denn gleich hinter dem Ort mit rund 50 Häusern beginnt die Sperrzone des Truppenübungsplatzes (Tüpl) Allentsteig.

Nun gibt es aber weiteren Aufruhr: nämlich um die Pachtgründe auf dem Tüpl, wo laut Bauernkammer etwa 200 Landwirte Grund bewirtschaften. Einer von ihnen ist Rainer Deutsch. Der 39-Jährige hat sich auf den Anbau alter Getreidearten spezialisiert, rund die Hälfte der 60 von ihm bewirtschafteten Hektar sind auf Heeresgrund. Seit Wochen macht er sich Sorgen, dass das Land aufgekauft oder die Pacht - derzeit im Schnitt bei rund 100 Euro pro Hektar - empfindlich erhöht werden könnte.

Ministerium verweist auf Kosten

Der Grund: Das Verteidigungsministerium will die Heeresforstverwaltung ausgliedern. Gespräche über eine mögliche Übernahme durch die Bundesforste bestätigt Stefan Hirsch, Sprecher von Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ). Die Heeresforstverwaltung arbeite nicht wirtschaftlich. In einem externen Gutachten heißt es, "dass in den wesentlichen Leistungsbereichen selbst das Ziel der Kostendeckung nicht erreicht wird".

Die Befürchtung der Bauern, ihre Gründe zu verlieren, sei aber unberechtigt, "das hat der Minister mehrmals betont". Betroffen seien nur Forstwirtschaft, Jagd, Fischerei und der Steinbruch. Helmuth Hübl glaubt Darabos nicht: "Sagt er das wirklich öffentlich? Einen Termin mit uns hat er platzen lassen", klagt der Bauer, der etwa sieben Hektar auf dem Tüpl hat. "Das ist nicht viel, aber wenn alle anderen nach draußen müssen, steigt der Druck rundherum", ergänzt der 47-Jährige.

Sprecher: Ängste werden geschürt

Gottfried Nussbaum, dunkle Mähne, verdunkelte Miene, der von seinen 70 Hektar etwa 30 auf militärisch genutztem Boden beackert, brummt: "Wir sind zirka 40 Bauern in Merkenbrechts. Wenn s' uns die Felder wegnehmen, sind wir um die Hälfte weniger." Gerhard Ruthner, 52, stimmt ihm zu: "Wenn einer viel Pacht am Tüpl hat, kann er zusperren."

Für Ministersprecher Hirsch zeigen diese Aussagen: "Da werden vor Ort gezielt Ängste geschürt, aus parteipolitischen Gründen." Auf Landesebene flogen diese Woche tatsächlich die Fetzen rund ums Thema. Finanzlandesrat Wolfgang Sobotka (VP) bezichtigte Darabos des "fantasielosen Kaputtsparens ohne Vernunft und Weitblick". SP-Landesgeschäftsführer Günter Steindl tat wiederum Sobotkas Aussagen als "Verunsicherungskampagne" ab. Verunsichert sind jedenfalls die Landwirte. Sie wären in die Debatte um die Felder gern eingebunden. "Wir wollen ein Konzept für den Tüpl", sagt Deutsch.

Konzept in Ausarbeitung

Ein solches sei in Ausarbeitung, heißt es bei Darabos. Eine Projektgruppe habe die Heeresforstverwaltung mithilfe externer Gutachter analysiert und Vorschläge zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit ausgearbeitet. Die Ergebnisse sollten demnächst beim Minister auf dem Tisch liegen. Hinzu kommt, dass die Organisation der Heeresforstverwaltung, deren Mitarbeiter alle in privatrecht lichen Dienstverhältnissen angestellt wurden, ab 1. Jänner 2013 nicht mehr erlaubt sei. Man müsse also nicht nur im Sinne der Effizienz etwas ändern, so Hirsch.

Die Bauern warten nicht so lange und drohen mit Demonstrationen sowie einer Restitutionsklage. Zwischen 1938 und 1941 wurden in vier Tranchen ungefähr 6800 Menschen aus 42 Ortschaften abgesiedelt, um dem Tüpl Platz zu machen. Hübl sagt, die Reichsanleihen, die ein Bauer damals für seinen Grund bekommen habe, seien auf ein Sperrkonto gekommen und hätten nur verwendet werden dürfen, wenn man um das Geld wieder Grund kaufte. "Wir waren eine der letzten Familien, bei uns war natürlich kein Boden mehr übrig", erzählt er.

Bauer: Zu hoher Wildbestand

Dass alles so bleibt, wie es ist, das glaubt Deutsch jedenfalls nicht. "Irgendetwas muss passieren", sagt er. Und ist sich dabei wohl nicht dessen bewusst, dass in Darabos' Büro ganz ähnliche Aussagen fallen. Es sei sogar in Ordnung, sagt Deutsch, wenn die Pacht erhöht werde - wenn die Böden dann eine entsprechende Qualität aufwiesen. Derzeit sei der Wildbestand auf dem Areal zu groß. Deutsch deutet auf ein Stück zertrampeltes Feld mit frischer Aussaat hinter dem Sperrzonenschild. Vor allem die Wildschweine würden den Bauern die Arbeit vermiesen. "Man kann deshalb nur Gerste, Roggen und teilweise Weizen anbauen", sagt Deutsch.

Der Ministersprecher erklärt zum großen Wildtierbestand: "Da wurde in den vergangenen Jahren möglicherweise nicht optimal gearbeitet." Künftig soll auch das besser werden. Dagegen hätte wohl auch Deutsch nichts. Er fasst die Lage so zusammen: "Wir leben mit dem Tüpl. Aber der Tüpl muss auch mit uns leben." (Gudrun Springer, DER STANDARD, 7./8./9.4.2012)

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BH-Sozialverein

Wann begreifen die Österreicher endlich, daß das ÖBH kein Ableger der Charitas ist. Die von Teilen der Gesellschaft erwarteten Ansprüche (billige Pacht von Gründen, billige Jagdmöglichkeiten, Arbeitsplatz für jeden "Dorfdeppen", Verbraucher von Semmeln, Ausbildner von Nachwuchs der Dorfmusikanten, usw.) sind mit dem zur Verfügung gestellten Budget nicht mehr erfüllbar und ich behaupte jetzt auch gar nicht Aufgabe einer Armee.

Und wo

bringen wir die "Stadtdeppen" unter?

Immer diese Bevorzugung der Landbevölkerung, ts ts ts.

Sie wissen natürlich nicht, wie das Bundesheer zu diesem Truppenübungsplatz "gekommen" ist.

Denn sonst müsste man ja annehmen, dass Sie sogar den enteigneten ehemaligen Grundbesitzern noch neidig sind, dass sie die verlorenen Felder wenigstens pachten dürfen. Und dann wären Sie ja ein besonders typischer Österreicher...

ja klar. die bauern, melkkühe der nation...

Der war echt gut!

Das muss man ihnen lassen. ;-)

bitte noch eine serie starten über wutstricher und deren wutzuhälter. gibts auch eine serie über wütende angestellte, die die achselhöhlen diverser bierbäuche riechen müssen, um die wirkung eines deos einschätzen zu können? wäre auch was!

Zu viel Wildbestand auf dem größten Tüpl Österreichs, auf dem fast täglich Scharf geschossen wird, klingt wie ein Witz - zeigt aber, dass er nicht nur militärisches Übungsgelände, sondern auch Naturreservat und Zufluchtsort für viele bedrohte Arten ist.

und auch ein tolles (und guenstiges) Jagdrevier, zb fuer den Hr. Bartenstein ;-)

das wild wird doch eh vorher angeliefert und zurechtgelegt?!

man kann sich doch nicht darauf verlassen, dass man auch die teuren wildviecher erwischt. sonst geht man noch mit leeren händen wieder heim.

vom gutmensch zum wutmensch.

die schauen aus wie,

Übungs-Demonstranten-Darsteller auf einen UNO-Checkpoint in Afghanistan.

Wutbürger, Wutbauern

ich bin ab jetzt ein Wutposter

ich mache den wutbürger 3 bei humboldt. und natürlich den werkmeister.

da gibt es keinen werkmeister sondern nur "oberwutbürger(meister)"

Sind jetzt die Bauern die Eigentümer ...?

Von wegen Ansprüche.

Sobald sie was bewirtschaften - gehörts ihnen schon. Zumindest in Tirol.

Den Bauern ...

... wurden von den Nazis ihre Felder zwangsenteignet, was für Gemädle und Geld gilt soll für Grund nicht gelten?

Die geringe Pacht ist ein Ausgleich, sollte diese erhöht werden, gibt es halt Restitutionsklagen (würde ich ohnehin).

so alt schauen die bauernauf dem foto gar nicht aus

und die sollen damals von den nazis zwangsenteignet worden sein? da ist sicher auch vor der zwangsenteignung für jene die vorher verkauft haben geld geflossen. von dem geld ist natürlich möglicherweise kaum mehr etwas da und da passt natürlich schon das opferschema der zwangsenteigneten. würde mich interessieren, wie viele "zwangsenteignete" bauern da oben nsdap mitglieder waren...

Nun ja, die Bauern sind halt keine Juden.

Bauern, deren Felder arisiert wurden, haben diese zurückerhalten. Zum Teil sogar von denen, die sie als Ausgleich für Grundstücke, die sie an den TÜPL abtreten mussten, erhalten haben.
So schaut's aus.
http://de.wikipedia.org/wiki/List... siedlungen

"Die Regierung unter Julius Raab beschloss im Zuge der Staatsvertragsdurchführungsgesetze 1957, dass Aussiedler kein Recht mehr auf ihren früheren Besitz haben."

Aus Wikipedia. Seltsam, was in Österreich so alles den Weg in ein Gesetz gefunden hat bzw. noch immer findet.

Was würden da erst die Deutschen sagen.

Im Vergleich zu dem, was in Ostdeutschland enteignet wurde, hat Allentsteig die Dimension eines Gartens.

Seit wann fotografiert Deix?

wegen beginnender gicht in den fingern? ;-)

das sind anständige Menschen

Ihnen und allen andren Nachfahren der früheren Eigentümer soll man das Gebiet zurückgeben und Sie zur Entschädigung in die Unabhängigkeit entlassen.

Der Truppenübungsplatz ist so groß wie das Fürstentum Liechtenstein.

Die vier gefallen Mir; Sie haben recht.

Mit Gruß
Georg

samma froh, daß der Deix ned Sie Photographiert hat

deix fotografiert nicht, aber woher glauben sie hat er die vorlagen zum österreicher? aus usbekistan oder doch aus A?

im Bild rechts: Herbert Prohaska, Nebenerwerbslandwirt

ein super foto

100 Euro pro Hektar - genial. Die Subventionsabzocke der Bauern kennt echt keine Grenzen.

Keine Ahnung, aber Neid verbreiten.

Typisch FPÖ, könnte man fast vermuten.
Sie würden ja für ein Feld, durch das ohne Entschädigung gelegentlich auch einmal eine Panzherkolonne fahren oder ein Zug Soldaten marschieren kann, oder das kurz vor der Ernte auch schon einmal abbrennt, natürlich sofort das zehnfache bezahlen....

Hast du eine Ahnung was zwei vernünftiger Traktoren und ein neuer E, S Mercedes kostet? Bauern werden viel zu wenig unterstützt...

und da streicht man auch noch die begünstigung für den sprit

bauern haben derzeit wirklich allen grund wütend zu sein, schreitet doch die angleichung an "nicht bauern" stetig voran...fehlt ja nur mehr dass die pauschalbesteuerung sowie die jenseitig niedrigen einheitswerte fallen und daher auch noch tatsächlich reale steuersätze zahlen müssen

kein Schadenersatz

Der Pachtpreis ist gering, stimmt. Aber keiner bekommt einen Cent Ersatz für einen Flurschaden, wenn sich mal ein Panzer oder ähnliches durch das bereits bestellte Feld gewühlt hat. Bauern außerhalb eines TüPl bekommen nach Manövern alles 1:1 ersetzt!

Also diesmal leider nix mit Subventionsazocke. ;-)

Samma lustig?

Ich als Staat und Unrechtsregime nehme ihnen zwangsweise ihr Haus ab, und sie dürfen es dann zum niedrigen Preis von 300 Euro pro Monat zurückmieten.

Frechheit, diese niedrige Miete, sie sind ja Subventionsabzocker!

enteignung im interesse der allgemeinheit ist kein unrecht.

stimmt! auf der anderen seite können und dürfen sie als staat oder land ihre bauern nicht durch weltmarktpreise ersetzen. das wäre gleichbedeutend mit dem verkauf seiner bürger im falle einer auseinandersetzung. der begriff staat oder land ist eine strategische idee nichts buchhalterisches. deswegen können oder dürfen sie einen staat niemals als U sehen und führen. außerdem, welches U kann es sich leisten immer nur seine zinsen zu begleichen, niemals aber seine raten zu tilgen? staat und U sind zwei total unterschiedliche begriffe, die die neocons immer vermengen.

nationalpark, anstatt die bauern zu subventionieren, die fauna wie floras feind

die ignoranz der bauern dem land gegenüber, das sie ernährt ist unglaublich, jeder strauch wird niedergemäht, jeder hügel begradigt, jede feuchtwiese trockengelegt, natürlich habitate von millionen von tieren ohne nachzudenken zerstört - und alles ihrer simplen gier wegen !

Scheinheilig

Die meisten die hier über die Bauern schimpfen greifen im Milchregal zur billigsten Tetrapckung, holen sich das billigste Brötchen und futtern die billigsten Bananen aus irgendwoher... Nur weil vor eurer Haustür mal was nicht gaaanz in Ordnung und Bio ist wird geschrien... die Herstellungsverhältnisse in den Ländern wo die extreme Billigware herkommt, intressiert dann wieder die wenigsten... Von Kleidung und Technik ganz zu schweigen... Scheinheilig

das mag in der vergangenheit so gewesen sein, jetzt allerdings schon lange nicht mehr. alle flächen sind digitalisiert, werden von der ama regelmäßig per luftbild überprüft, wenn nur irgendwas umgeschnitten wird gibts schon probleme. die umwandlung von wald in ackerland ist beinahe unmöglich oder mit enormen bürokratischen aufwand verbunden.

Und wo wächst das Getreide für dein Brot?

am feld!?

wieso gibt's soviel brot im supermarkt das weggeschmissen wird? gibt's zuviel brot?

ja, das denke ich mir auch immer wieder. gerade jetzt im frühjahr, wenn man etwa sieht wie brutal kleinste restbestände von auwald "ausgeholzt" werden.

nein, nicht deshalb.

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