Wessen Weltbank soll es sein?

Kolumne17. Februar 2012, 17:48
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Ein Kandidat aus den Schwellen- und Entwicklungsländern würde der Bank den Makel eines Werkzeugs westlicher Regierungen nehmen

Die Nominierung Jim Yon Kims für das Amt des Weltbank-Chefs durch US-Präsident Barack Obama wurde gut aufgenommen - durchaus zu recht, vor allem angesichts einiger anderer Namen, die ins Spiel gebracht wurden. Mit Kim, einem Professor für öffentliche Gesundheit, der momentan als Präsident der Dartmouth University fungiert und früher die HIV/AIDS-Abteilung der Weltgesundheitsorganisation leitete, haben die USA einen guten Kandidaten vorgeschlagen. Allerdings sollte die Nationalität eines Kandidaten und das nominierende Land - ob klein und arm oder groß und reich - keine Rolle dabei spielen, wer den Job letztlich bekommt.

Es steht viel auf dem Spiel

Die elf Exekutivdirektoren der Weltbank aus Schwellen- und Entwicklungsländern haben ebenfalls zwei hervorragende Kandidaten nominiert: Ngozi Okonjo-Iweala aus Nigeria und José Antonio Ocampo aus Kolumbien. Mit beiden habe ich eng zusammengearbeitet. Beide sind erstklassige Fachleute, die als Minister in verschiedenen Ressorts gearbeitet und an der Spitze multilateraler Organisationen hervorragende Leistungen erbracht haben sowie über jene diplomatischen Fähigkeiten und beruflichen Qualifikationen verfügen, um sich an der Spitze der Weltbank zu bewähren. Sie verfügen über Expertenwissen in den Bereichen Finanz und Wirtschaft, dem Basisgeschäft der Weltbank, sowie über ein Netzwerk an Verbindungen, die zugunsten der Leistungsfähigkeit der Bank genützt werden können.

Es steht viel auf dem Spiel. In den Entwicklungsländern leben beinahe zwei Milliarden Menschen in Armut, und obwohl die Weltbank dieses Problem nicht allein lösen kann, spielt sie dabei eine führende Rolle. Trotz ihres Namens ist die Weltbank in erster Linie eine internationale Entwicklungsinstitution. Kims Spezialgebiet, die öffentliche Gesundheit, ist zwar von entscheidender Bedeutung, und die Bank unterstützt in diesem Bereich auch innovative Initiativen, aber öffentliche Gesundheit ist nur ein kleiner Teil des "Portefeuilles" der Bank.

Realpolitik hat ihre Wege

Gerüchte deuten darauf hin, dass die USA weiterhin auf dem perversen Auswahlprozess bestehen werden, der ihnen das Recht gibt, den Weltbankpräsidenten zu bestimmen. Dies einfach deshalb, weil in diesem Wahljahr die Gegner Obamas einen Verlust dieses Rechts lautstark als ein Zeichen der Schwäche interpretieren würden. Und es ist wichtiger für die USA, diese Kontrolle zu behalten, als für die Schwellen- und Entwicklungsländer, sie zu bekommen.

Tatsächlich wissen die stärkeren unter den Schwellenländern im gegenwärtigen System zu leben und nützen es vielleicht zu ihrem Vorteil. Sie werden wohl einen Schuldschein bekommen, den sie später für etwas Wichtigeres einlösen können. Die augenblickliche Realpolitik macht einen Kampf um die Präsidentschaft unwahrscheinlich. Amerika wird wohl die Oberhand behalten, aber zu welchem Preis?

Sollte Amerika weiterhin darauf bestehen, den Auswahlprozess zu bestimmen, würde die Bank selbst darunter leiden. Jahrelang war die Leistungsfähigkeit der Bank beeinträchtigt, weil man sie teilweise als ein Werkzeug westlicher Regierungen sowie der Finanz- und Unternehmenssektoren dieser Länder betrachtete. Ironischerweise wäre auch den langfristigen amerikanischen Interessen am besten gedient, wenn man sich - nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten - für ein leistungsorientiertes System und verantwortungsvolle Führung engagierte. (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8./9.4.2012, © Project Syndicate 1995-2012.)

JOSEPH E. STIGLITZ ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University und wurde 2001 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

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