Tuareg erklären Unabhängigkeit: Eine Totgeburt

Kommentar |

Die kolonialen Grenzen gelten in Afrika als unantastbar

Der unabhängige Staat Azawad, den die Tuareg im Norden Malis am Freitag ausgerufen haben, dürfte sich aller Voraussicht nach als Totgeburt erweisen. Alle wichtigen Akteure - Nachbarstaaten, die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft, die Afrikanische Union, EU und die Ex-Kolonialmacht Frankreich - haben sofort abgewunken. Wie will man so einen Staat machen, zumal die Region wirtschaftlich als nicht überlebensfähig gilt? 

Die Gründe für die Ablehnung liegen nicht so sehr in Mali selbst, sondern an dem Signal, das von der Unabhängigkeit ausgehen könnte. Schon im Falle des Südsudan war befürchtet worden, dass sich separatistische Bewegungen in anderen afrikanischen Staaten ermutigt fühlen könnten, sich abzuspalten - und damit womöglich die Stabilität des ganzen Kontinents infrage gestellt werden könnte. Die kolonialen Grenzen gelten in Afrika als unantastbar. 

Dennoch könnte sich die Unabhängigkeitserklärung für die Tuareg als positiv erweisen. Die Karten sind neu gemischt. Schon mit den Waffen und dem Geld aus Libyen hat sich ihre Ausgangsposition im Konflikt mit der Regierung in Bamako grundlegend geändert, die Unabhängigkeitserklärung ist dabei ein weiterer Faktor. Ihr Gegenüber ist nach dem Militärputsch so geschwächt wie nie. Darin könnte die Chance zu wirklichen Verhandlungen liegen, um die lange wirtschaftliche und politische Benachteiligung der Nordregion und ihrer Bewohner zu beenden.
 (Julia Raabe, DER STANDARD, 7./8./9.4.2012)

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totgeburt sagt wer?

wenn die staaten jetzt auf jahre keine hoheit über das land wieder herstellen können, weil es sich nicht lohnt für einen haufen sand die leute zu opfern, dann werden ohnehin fakten geschaffen.

und letztlich wird es egal sein, ob die tuaregs die eigenen herrn im hause sind oder nicht. sie haben kein öl, keine rohstoffe, keine billigen arbeitskräfte. wirtschaftlich ist das ein weisser fleck auf der landkarte ohne jegliche bedeutung...

...und das ist genau die chance der tuareg. eine cruise-missile kostet mehr als die amis dorthin exportieren ;-)

eritraea, südsudan, kongo.. nur weil es der westen für bequem hält, sind die afrikanischen grenzen noch lange nicht dort wo sie hingehören.

Ich finde es gut

der neue Staat dürfte bei den Menschen dort beliebter sein

manche mögen viele dunkelhäutige Menschen hier nicht

wenn den Afrikanern Afrika besser gefällt - auch von der politischen Landkarte her - geht es auch in Europa besser

Mit Gruß
Georg

Die kolonialen Grenzen gelten als "unantastbar"

So nobel zurückhaltend war "der Westen" bei der Unterstützung militanter Separatisten in Jugoslawien und beim Herausbomben des Kosovo aus seinem historischen Staatsverband nicht.

eine Totgeburt, aber - hoffentlich - nicht ohne Nachwirkung

es könnte ja auch eine Autonomie herauskommen

Das mag technisch eine Totgeburt sein

aber das Anliegen der Tuareg bleibt trotzdem valide.

Mit der Gründung von Nationalstaaten kamen nicht Sesshafte unter die Räder, zumal ihr Lebensstil "grenzübergreifend" war- eine Todsünde im Zeitalter der Grenzzäune.
(Auf der anderen Seite brachten es absurde Konstruktionen zur Nationalstaatlichkeit.)

In fortschrittlichen Regionen ist man dabei die Nationalstaatlichkeit, die eigentlich überall nur mehr Probleme geschaffen hat, zu überwinden.

Das ist noch Zukunftsmusik in Afrika, aber die Lebensart von Ethnien wie Tuaregs haben absolut ihre Berechtigung, auch wenn ihr erster (!?) Versuch zunächst einmal eine Totgeburt sein mag.

Vorheriger Satz: Der Südsudan wurde unabhängig; nächster Satz: Die kolonialen Grenzen gälten als unantastbar

Mit der Logik happert's hier. Beträchtlich.

Dass es auch mit der Recherche happert, sind wir leidgeprüften LeserInnen ja schon gewohnt.

Dort gibt's Bodenschätze.

Dort gibt's maximale Schulung des malischen Militärs von Frankreich und den USA.

Dort gibt's nomadische und sesshafte Bevölkerungsgruppen.

Dort gibt's laizistische und religiös-inspirierte Gruppen mit verschiedenen politischen Zielen.

u.v. mehr

Aber dem österreichischen Steuerzahler, der die österreichische Presse mit-finanziert, darf das nicht zugemutet werden, weil's zuviel Arbeit ist.

Und - die hier geforderten Verhandlungen finden schon längst statt. Wie genau, dürfen wir - hier herinnen - wieder nicht erfahren.

ausserdem gibts neben den wichtigen akteuren

.
noch wichtigere.

die interessen russlands und chinas an den bodenschätzen werden nicht einmal erwähnt.

da gibts für die beschaffung und versorgung mit waffen kein problem.

ich denke was da in mali geschehen ist, ist positiv

es wird der region langfristig stabilität bringen (wenn sie angriffe von aussen abwehren können)

die kolonialen grenzen sind nicht zu hinterfragen,....die sind scheiße und fertig

als tuareg würd ich der autorin ja einreiseverbot erteilen,...aber die besitzen wohl mehr größe, oder es kümmert sie einfach nicht was ander zu ihrer freiheit denken.

Vielleicht wäre es auch garnicht so schlecht, generell die kolonialen Grenzen in Afrika zu hinterfragen.

Zumindest auf lange Sicht wäre das unter Umständen für ein friedliches Zusammenleben durchaus förderlich.

und mit wievielen Toten rechnest du dann so ca. wenn man beginnt, die kolonialen Grenzen zu ändern? Ahso, du gehst davon aus, dass das eh friedlich verlaufen wird?

Von einem friedlichen Verlauf hat keiner was geschrieben. Friedlich ist auf dem Kontinent in der Vergangenheit nämlich so gut wie garnichts abgelaufen. (Wobei es auf den anderen Kontinenten nicht viel besser aussieht.)

Nur würde ich vermuten, dass es langfristig gesehen weniger Tote sind, als wenn man nichts ändert.

na servas, das wird aber ein ordentliches Gemetzel, wenn neue Grenzen gezogen werden würden.
Nicht umsonst haben die afrikanischen Staaten SELBER mehrfach betont, dass die kolonialen Grenzen unverrückbar sind.

Kann denn hier niemand lesen?

Satz A: "Die kolonialen Grenzen gelten in Afrika als unantastbar"
ist unterschiedlich zu
Satz B: "Die kolonialen Grenzen in Afrika gelten als unantastbar".
Satz A wird im Kommentar behauptet und nicht Satz B!!!

wird behauptet

und stimmt nicht,...nächster

noch schlimmer!
es sollten also der autorin nach, nicht nur fortschrittsunwillige kolonialeuropaer die willkuerlich und mit gewalt gezogenen grenzen fuer "unantastbar" halten, nein, es sollten auch noch ALLE betroffenen einwohner eines kontinents der gleichen meinung sein.

warum nicht einfach eingestehen, dass mit der gedankenwelt hinter diesem satz, egal wie interpretiert, etwas grob nicht stimmt.

alles klar!

...da hats keine Meinung von niemand zu geben, sagt Frankreich. Sonst waeren ja die Uranvorkommen im Niger gefaehrdet, dieses Gebiet wuerde wohl oder uebel auch von Tuaregs beansprucht werden. Tuaregs sind uebrigens friedliebende Menschen, werden seit Jahrhunderten aber daran gehindert ein eigenes Territorium zugesprochen zu bekommen. Laut geltender Diktion sind das "boese Rebellen" weil gegen franz. Interessen, die in Libyen waren "gute Rebellen". Die in Syrien sind das und das nicht, da ueberlegt man noch. Feigheit wird wieder mal siegen und das obwohl die Gruenen als Hueter von Recht und Moral eine Meinung dazu haben duerften, oder?

wie ist das mit den kurden?

deren region im z.b. irak ist wirtschaftlich überlebensfähig (z.b. erdöl). aber da gelten wie bei den tuareg auch die kolonialen grenzen.

beim kosovo war man sich schnell einig, wie ist der nochmal wirtschaftlich überlebensfähig?

wen hat nochmal die annexion west-saharas gestört? wurde da was getan?

In diesem Zusammenhang

sollten die gescheiterten Versuche Frankreichs vor 50 Jahren, die Entkolonialisierung Afrikas durch die Schaffung eines Sahara-Satellitenstaates zu schwächen, erwähnt werden: Die Gemeinsame Organisation der Sahara-Regionen (OCRS) im Süden Algeriens sowie dem Norden Malis und Teilen von Mauretanien, Niger und Tschad. Dort sollten unter französischer Ägide Uran und Erdgas gefördert und Atomtests durchgeführt werden können.

Super!

Man kann eine neue Airline gründen, ein neues Militär ausrüsten, neue Polizisten bewaffnen, Botschaftsgebäude vermieten,... alle arbeiten in der UNO
Jedem Trachtenverien seinen Staat!

???

"Wie will man so einen Staat machen, zumal die Region wirtschaftlich als nicht überlebensfähig gilt?"

Wieso das hat man doch mit dem KOSOVO/A auch gemacht – war doch kein Problem.

"Die kolonialen Grenzen gelten in Afrika als unantastbar."

Vor allem die "KOLONIALEN" Grenzen ;))))

Kein Problem

Stimmt beim Kosovo eher nicht.

Lobbyisten

schnell, ein paar Lobbyisten müssen her....

das könnt' doch der strasser machen!

"...zumal die Region wirtschaftlich als nicht überlebensfähig gilt."
Die Tuareg leben aber schon eine ganze Weile dort, oder?

Warum sollen die völlig willkürlich gezogenen kolonialen Grenzen unantastbar sein?

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