"Wie Othello ins Hemd kam" oder "Der Hintergrund des Migrationshintergrunds"

Kommentar der anderen | Richard Schuberth
6. April 2012, 18:37

Anmerkungen zu einem "Gutfühlterminus", der gern als "fortschrittliches Tool" in der migrationspolitischen Debatte verwendet wird, tatsächlich aber mehr verschleiert als aufklärt

Mit ihrer jüngsten Petition hat die Pressure Group SOS Mitmensch eine kräftige Breitseite auf den Begriff Migrationshintergrund abgefeuert. Ein Argument fehlt jedoch in ihrer Munitionskammer voll richtiger Argumente: dass es sich dabei um eine sprachliche Ungeheuerlichkeit handelt, die nicht nur jeden Textfluss bremst - solch Einwand wäre plane Stilkritik -, sondern auch jedes Denken darüber. Hier setzt Sprachkritik an.

Denn die Sprache ist ein Schlachtfeld, und Bemühen um sprachliche Präzision und Fantasie nicht elitäre Schöngeistigkeit, sondern der konsequenteste Widerstand gegen die Artillerie der Phrasen, auch dagegen, dass den eigenen Begriffen die Reflexion ausrinnt und nichts als die Hülle guter Absichten zurückbleibt, in die dann ungehindert der hegemoniale Schwachsinn sickert.

Wenn Hanno Pöschl etwa in seinem Beisl statt des "Mohren" einen "Othello im Hemd" anbietet, ist die Süßspeise zwar zu Königs- und Bildungshuberwürden, aber nicht um ihre Assoziation mit der dunklen Pigmentierung von Menschen gekommen. Ähnlich verhält es sich mit dem Migrationshintergrund (MH), der alte Zuschreibungen nicht überwindet, vor welchem Stammtisch und Soziologie aber zufrieden einander zuprosten. Ein wahrer Gutfühlterminus ist er, wirbt um sich mit Verbindlichkeit, Neutralität und politischer Korrektheit.

Einen Konsensbegriff stellt er vor, bei dem sich die unterschiedlichsten Interessen treffen: Die FPÖ kann ihn als politisch korrekte Zielscheibe verwenden, Sebastian Kurz salbungsvoll gute Schulnoten und Gewinnkurven in ihn ritzen, manch Vorzeigemigrant als stolzes Pfauenrad der Differenz spazieren führen und die breite Mehrheit zufrieden nicken zu einem Wort, das ihnen endlich kein schlechtes Gewissen mehr macht, denn irgendwie muss man «diese Menschen» ja benennen. Muss man das wirklich? Und wer sind «diese Menschen» überhaupt?

Ein Begriff mit Handschlagqualität? Ja, umso perfider, weil dessen Handkantenschlagqualität hinter seiner jovialen Umständlichkeit verschwindet, der gewissenhafte Deutschlehrer von Anfang an Einhalt gebieten sollten. Der Politologe Bernhard Perchinig meint, dass der Begriff mehr verschleiere als er aufkläre. Und ich meine, dass er nicht einmal das fertigbringt. Oft sagt eine Bezeichnung mehr über die Bezeichner als über das Bezeichnete aus. Wahrheit und Macht verstecken sich nicht immer, sondern liegen - zum Verdruss mancher Ideologiekritiker - im Begriff mitunter offen zutage.

Der hierzulande verpönte Terminus Einwanderer zum Beispiel verrät uns, dass sich eine Gesellschaft als Einwanderungsgesellschaft versteht. Anders der Zuwanderer: Er ist schon das nicht mehr prinzipiell willkommene Supplement zu einer geschlossenen Menge, welches man mit gutem Willen und zugedrücktem Auge gerade noch reinholt. Was aber kann die holprige Apposition "mit Migrationshintergrund", was der Migrant nicht kann?

Die Antwort ist ebenso einfach wie erschreckend: Der Migrant ist zu Lebzeiten eingewandert, seine Kinder und Enkel aber sollen zu deren Lebzeiten daran erinnert werden, dass die Zuwanderung ein vererbtes Merkmal ist wie zugewachsene Augenbrauen oder der Hang zum Bemalen von Ostereiern.

Natürlich lässt sich der MH stolz zum Widerstandstool wenden, auch von den so Markierten zum provisorischen Arbeitsbegriff, mit dem sich die gesellschaftlichen Kämpfe um Teilhabe und Gleichberechtigung ausfechten lassen. Doch eingehende Reflexion darüber, wer hier aus welchen Gründen wen markiert, wird die Betroffenen den Begriff rasch wieder fallen lassen wie einen heißen Erdapfel.

Bleiben wir bei der Vererbungslehre. Wenn meine Großmutter bisexuell war, habe ich dann einen Bisexualitätshintergrund, und habe ich einen Korruptionshintergrund, wenn mein Großvater ein Wirtschaftsverbrecher war? Ruft man mir dann zu, ich solle gefälligst in die Christopher Street oder in letzterem Fall nach Brüssel respektive Hietzing ziehen, wenn es mir hier nicht passe?

Unzählige Enkel türkischer oder jugoslawischer Einwanderer müssen sich tagtäglich die Reduktion auf eine Abstammungsgemeinschaft gefallen lassen, ganz gleich, ob sie das wollen oder nicht. Denn interessanterweise verblasst der MH plötzlich, wenn die eingewanderten Vorfahren Franzosen, Deutsche und unter Umständen russische Investoren waren. Beim MH sind beinahe immer Menschen aus Süden und Osten gemeint, deren Namen und Aussehen sie als das kulturell Differente identifizieren, welches das fiktive Eigene zu seiner Selbstvergewisserung braucht.

Hinter dem Schleier der Sachlichkeit leistet er auch ganze Arbeit, das ärmste Fünftel der Bevölkerung in Eigene und Fremde zu spalten und deren gemeinsame Interessen gegeneinander auszuspielen. Er ist ein terminologisches Sammellager, in das man fürs Fotoshooting hie und da auch Anna Netrebko oder Timo Schneider lädt, damit sich der Begriff über seine rassistischen Prämissen hinwegtäuschen kann - oder in den prägnanteren Worten der Schriftstellerin Julya Rabinovich: ",Migrant' und 'Migrationshintergrund' sind die neuen Worte für ,Tschusch'*.

Das oft vorgebrachte Argument vom tschechischen MH ist irrelevant, weil es nur noch nostalgisch an Opas und Omas Rassismus erinnert. Je weiter das 21. Jahrhundert voranschreitet, desto mehr verschwimmen die letzten Wellen tschechischer (1920er-Jahre) und die ersten Wellen türkischer und jugoslawischer Arbeitsmigration (1960er-Jahre) zu einem geschichtlichen Horizont; und doch werden die Nachkommen der Özdemirs und Novakovics im Gegensatz zu den Sedlaceks auch noch in Hinkunft als Ausländer wahrgenommen werden.

Tautologischer Charakter

Die löbliche Beteuerung, stolz auf seinen MH zu sein, affirmiert die falsche Unschuld des Begriffs, denn seine positive Umdrehung meint etwas völlig anderes als jenes unheimliche Einverständnis der Mehrheit. Der MH, das Kreuz, an das man Eingewanderte, Zugewanderte und noch nicht Abgewanderte nagelt, ist nämlich so gezimmert, dass es gerade nicht mehr - und wenn, dann nur mit mühsamem Bücken und Buckeln - durch die Pforten der gesellschaftlichen Partizipation passt, was man ihnen wunderbar als mangelnden Leistungswillen und kulturelle Unverträglichkeit vorwerfen kann.

Der MH hat von seinen politisch unkorrekten Vorgängern den tautologischen Charakter geerbt, er subsumiert jenes unendlich breite Spektrum an individuellen Biographien und politischen, soziokulturellen und ökonomischen Widersprüchen zu einer Kategorie von Menschen, die uns die Probleme bereiten, die wir mit ihnen haben. Keine Frage: Erstmals wird der MH ernst genommen. Allerdings als Problem. Als Problem, das administrativen Handlungsbedarf provoziert. Der MH ist das Problem, dessen Ursache - der MH ist.

Ganz gleich, ob der MH jene Differenz markiert, die den einen im Weg steht (die gute, alte ehrliche Rassismus-Funktion), den anderen kulturelle Bereicherung bedeutet (die Wellness-Funktion) oder von Betroffenen zum widerständigen Kampfkonzept gewendet wird (die Self-Empowerment-Funktion), er kommt über den Referenzrahmen kulturalisierender, ethnisierender und somit rassistischer Zuschreibungen nicht hinaus. Darum gehört SOS Mitmensch darin unterstützt, ihn zu verweigern.

Das könnte zu jener beglückenden Art von Widerstand führen, bei der Aktionismus und sprachkritische Reflexion in eins fallen. Doch wenn ihr nur kritisieren könnt, höre ich bereits die Konstruktiven unken, dann bietet gefälligst eine bessere Bezeichnung an. Nein, die Verweigerung der Bezeichnung selbst ist bereits das Äußerste an Konstruktivität, weil es die destruktive, weil es die falsche Selbstverständlichkeit des Bezeichneten verweigert. (Richard Schuberth, DER STANDARD, 7.4.2012)

Autor

RICHARD SCHUBERTH, Jg. 1968, lebt als freier Publizist und Bühnenautor (" Freitag in Sarajevo", "Wie Branka sich nach oben putzte") in Wien.

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2.Generation schon Ösis?

"Der MH, das Kreuz, an das man Eingewanderte, Zugewanderte und noch nicht Abgewanderte nagelt" welch Dramatisches Bild... aber wer will den schon Österreicher sein?!

http://www.dasbiber.at/content/d... 3%A4utigam

MH oder was?

Also welchen Begriff darf man nun verwenden um jemanden zu beschreiben, welcher selbst oder desen näheren (ja, das lässt sich weiten) Vorfahren nicht ursprünglich hier (je nach dem wo man eben lebt) lebten (Regionsgröße ist da mal außer acht)?

Ansonsten wirkt der Artikel finde ich sehr flach, ist aber viel leicht so gewollt.

Bravo! Grossartiger Beitrag!

einer der wenigen artikel, die ich ausschneide und aufbewahre!

worte formen gedanken
gedanken formen meinungen
meinungen formen handlungen

worte sind nicht neutral.

worte

aber worte die nicht gefühlt werden können nicht bis das Gegenteil wirken. deswegen sind positiv-denken-Anhänger oft alles andere als gut drauf, wenn man sie unvorbereitet

daher lieber ein echter nazi, als ein falscher Heiliger

von: einer AusländerIn (migrationshintergundnervt auch)

Migrationshintergrund

Danke für diesen tollen Artikel! Vielleicht führt er ja zu einer kritischeren Auseinandersetzung mit Sprachkritik seitens der AntirassistInnen.

der beste artikel zu dieser thematik

seit menschengedenken. danke!

Othello - Der Mohr von Venedig

Vielleicht hat die Mehlspeis wirklich früher nach dem Lover der Desdemona geheißen, wurde dann aber aufgrund ständiger Rechtschreibfehler umbenannt (Otelo, Otthelo, Odelo,...)
Tät gut, wenn man das auch beim Cordon Bleu so machen würde - Bandlschnitzel wär eigentlich recht nett, was meint ihr?

Othello - Der

auch eine möglichkeit sich vor einer echten diskussion zu drücken oder seine eigene meinung zu diesem thema in einen artikel zu fassen...

linguistischer mehrwert des artikel: vorhanden
mehrwert für das thema an sich: null

Wer Denken und Diskussionen verhindern will,...

...versucht das Werkzeug Sprache zu verstümmeln.
Von Orwell erstmals als Science Fiction dargestellt, heute tägliche Methode der Lachsrosagrünlichen.

Wer heute die Sprache tötet, tötet morgen Menschen.

wohl eher der schwarzbläulichbraunen.

Denken sie mal nach, warum man heute so gut

wie niemandem mehr die Woerter "arisch" "voelkisch" oder "Rassenschande" benutzen sieht? Weil diese Woerter in Verbindung mit einem furchtbaren industriellen Massenmord standen und deshalb aus unserer Sprache verschwunden sind. Es gibt noch Leute die an diesen Woertern festhalten und deren Motive sind eindeutig. Sprache unterzieht sich immer Veraenderungen und wer an rassistischen oder hetzerischen Worten festhaelt, outet sich als nicht lernfaehiger Ewiggestriger.

Ihre Beispiele lassen sich natürlich hervorragend mit dem Begriff MH vergleichen, zumal dieser regelmäßig im Zusammenhang mit abscheulichen Gräueltaten verwendet und dadurch geprägt wurde.

Das war lediglich meine Antwort auf den Satz ..

.. des Vorposters "Wer heute die Sprache toetet, toetet morgen Menschen". Natuerlich ist das ein voellig aus der Luft gegriffenes Argument. Heissen muesste es "Sprache toetet'.

wenn sie wüssten, wie "menschen mit MH" täglich behandelt werden

würden sie das nicht so leichtfertig schreiben.

damals hat es ebenfalls mit "alltäglichen" benachteiligungen und beschimpfungen begonnen. und wurde schritt für schritt schlimmer. immer in kleinen happen. bis man mittendrin saß im schlamassel und sich fragte, wie es überhaupt so weit gekommen ist.

Ist das nicht genau das Rasistische?

> wenn sie wüssten, wie "menschen mit MH" täglich
> behandelt werden würden sie das nicht so
> leichtfertig schreiben.

Oder welche "menschen mit MH" meinen sie?
Also mein deutscher Freund, meine schwedische Bekannte, ... (Alle mit MH, früher dort, heute da) haben sie noch nie beschwert und auch wenn man sie drauf anspricht eigentlich nichts zu meckern.

An MH ist ja wenn nur das Problem, dass es viele Menschen falsch/einseitig verwenden.

Aber zum Glück können wir dem Einhalt gebieten, indem wir regelmäßig die Begriffe wechseln.

Falsch. Man muß gar nichts wechseln sondern ...

.. lediglichlich darauf verzichten Menschen zu stigmatisieren oder ihnen einen Stempel aufzudrücken. Es gibt Leute die mögen es nicht als behindert bezeichnet zu werden andere sind es satt nach der 4. Generation als MH Geborener bezeichnet zu werden. Es müssen keine Begriffe geändert sondern nur konstruierte Barrieren abgebaut werden.

Gut geschrieben, bringt aber nichts. Wie die meisten sprachfundamenalistischen Ansätze.

der Migrationshintergrund

ein elender Begriff

faule Ausrede UND Stigma zugleich

Der Begriff ist nie elend, nur jemand der ihn missbraucht.
Jeder Begriff der Gegenstand allgemeiner Diskussion ist, setzt sich dieser Gefahr aus.
Ist der Begriff negativ konnotiert, wird der durch einen neuen ersetzt. Dem passiert nach einer bestimmten Zeit dasselbe.

Wenn man einen Begriff aus der Welt schaft, dann gibt es Sieger und Verlierer. Allerdings auch die Möglichkeit zum Neubeginn.

Das hört sich eigentlich vernünftig an. Nur:
> Wenn man einen Begriff aus der Welt schaft,
> dann gibt es Sieger und Verlierer.
> Allerdings auch die Möglichkeit zum Neubeginn.

Ob es hilft einen Begriff zu vernichten?
Viel eher sollte doch aufgeklärt werden, was das Problem ist. Bei diesem hier doch nur die "einseitig zeichnende" Nutzung.

Bin völlig Ihrer Meinung. Nicht ein Begriff ist diskriminierend, sondern höchstens seine dahingehende Verwendung. Jeder Oberbegriff und jede Kategorisierung stellt eine Außerachtlasung vorhandener Unterschiede innerhalb der von dem Begriff umfassten Individuen dar. Das liegt nun einmal in der Natur der Sache, sonst müsste man in letzter Konsequenz jeden einzelnen potentiell Betroffenen separat bezeichnen. Zu untersuchen wäre daher wohl nur, ob der Begriff überwiegend diskriminierend verwendet wird oder eine sachlich nicht zu rechtfertigende Verallgemeinerung darstellt. Beides wurde nicht schlüssig dargelegt.

man braucht eben einen ausdruck, um die menschen zu benennen, die man hier nicht haben will.

umso besser, wenn der terminus politisch korrekt ist. bin gespannt, was da noch kommt. es wird sicher bald wieder verbote, gebote, verhaltensnormen usw aus dem daueraufgeregten lager der korrekten kommen. man will ja schon dantes göttliche komödie als nicht-pc brandmarken. welch göttlicher spass. ich harre schmunzelnd und ungeduldig in erwartung einer guten unterhaltung der dinge.

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