Ein Vorspiel zur "Endlösung"

7. April 2012, 10:30
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    coverfoto: edition steinbauer

In Nisko am San scheiterte Eichmanns erster Versuch einer "Lösung der Judenfrage" - auf Kosten der Opfer

Als posthume Gabe hat der Historiker Jonny Moser (1925-2011), Naziopfer und Pionier der Holocaustforschung, eine umfassende Gesamtdarstellung der ersten Deportation von Juden aus Wien, Mährisch-Ostrau und Kattowitz nach Nisko am San hinterlassen, wo nach dem Überfall auf Polen ab Oktober 1939 ein Judenreservat zusammen mit einem Auffanglager in Zarzecze entstehen sollte. Verstreute Arbeiten dazu gibt es, aber erst Moser konnte in jahrelanger Arbeit und auch durch Zufälle an Quellenmaterial gelangen, das eine gründlich belegte Erhellung dieses wenig bekannten Vorspiels zur systematischen Ermordung von Millionen Juden erlaubte. Das Manuskript, letztes in einer langen Reihe von Arbeiten, darunter die Autobiografie "Wallenbergs Laufbursche", konnte Moser kurz vor seinem Tod fertigstellen und den engagierten Verlegern übergeben.

Mit dem Einmarsch in Österreich im März 1938 setzte der nationalsozialistische Terror gegen die Juden ein, er verschärfte sich mit Kriegsausbruch im September 1939, und mit ihm stieg die Verzweiflung der verschreckten und beraubten Opfer. Auswanderung wurde drastisch erschwert, aber die Juden sollten verschwinden - eine Situation, in der Nazifunktionäre Pläne entwickelten, sie in ihrer Meinung nach kaum besiedelte Gebiete Polens abzuschieben. Der ehrgeizige SS-Obersturmführer Adolf Eichmann, mit seiner "Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien" einschlägig bereits erfolgreich, wurde aktiv. Der Vormarsch der Wehrmacht in Polen hatte die Erwartung geweckt, dort eher als in Madagaskar jüdische Ansiedlung realisieren zu können.

Gefunden wurde rasch ein kleiner Ort am Fluss San, Nisko, nahe der im deutsch-sowjetischen Abkommen gezogenen Grenze. Die Annahmen, die zu dieser Wahl geführt hatten, erwiesen sich rasch als falsch. Weder war das Gebiet, wie angenommen, als Folge der Kriegswirren entvölkert, noch war es sicher, sondern von marodierenden Banden durchzogen. Darüber hinaus war noch nicht klar, welche Veränderungen in diesem Gebiet von höchster Stelle aus geplant waren.

Trotzdem mussten die jüdischen Gemeinden von Wien und Mährisch-Ostrau je etwa 900 Männer stellen, die am 18. und 20. Oktober 1939 nach Nisko abtransportiert wurden. Für Auswahl, Kosten, Verpflegung und Finanzierung der Aktion hatte selbstverständlich die ohnehin schwerst belastete Kultusgemeinde zu sorgen. Der erste Transport war noch nicht angekommen, als von oben der Befehl kam, die Aktion abzubrechen. Doch Eichmann ging es darum, " Erfahrungen" für Deportationen zu sammeln. Was mit den Deportierten geschehen sollte, beschäftigte ihn nicht mehr, er hatte ihnen die Alternative, "sich zu akklimatisieren oder zu krepieren", bei der Ankunft vor Augen gestellt. Für Nachfolgende gab es keinen Platz. Bedrängt von Räubern und Bauern, wurden sie von der SS in die Ungewissheit der Wälder vertrieben. Viele flüchteten über die Grenze in die Sowjetunion. Wenige überlebten. Das "Judenreservat" war gescheitert. Adolf Eichmann stand am Anfang seiner Karriere. (Günter Traxler/DER STANDARD, 7.-9.4. 2012)


Jonny Moser, "Nisko. Vorhof zum KZ". € 22,50 / 206 Seiten, Edition Steinbauer, Wien 2012

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