ÖBB kann sich neue Pendlerzüge nicht leisten

Luise Ungerboeck
6. April 2012, 18:00
  • Bahn- und Triebwagengarnituren der ÖBB wie hier am Marchegger Ast sind 
zum Teil bereits mehr als dreißig Jahre im Einsatz. Ersatz gibt es 
vorerst nur auf dem Papier, weil das Geld fehlt.
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    Bahn- und Triebwagengarnituren der ÖBB wie hier am Marchegger Ast sind zum Teil bereits mehr als dreißig Jahre im Einsatz. Ersatz gibt es vorerst nur auf dem Papier, weil das Geld fehlt.

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Der Spritpreis treibt viele Pendler in die Öffis. Zusätzliches Angebot an Zügen und Bussen ist trotzdem nicht in Sicht. Der ÖBB fehlt das Geld

Wien - So freigebig die Bundesregierung bei den Milliarden für neue Bahntunnels und -strecken ist, so knausrig ist die öffentliche Hand bei den Zügen, die darauf fahren sollen. Derzeit sucht man im Verkehrsministerium händeringend nach Finanzmitteln, um dem ÖBB-Personenverkehr die Anschaffung neuen Wagenmaterials für den Nah- und Regionalverkehr zu ermöglichen.

Wohl gibt es einen Rahmenvertrag aus dem Jahr 2010, gemäß dem die Staatsbahn beim Elektromulti Siemens binnen fünf Jahren 190 bis 200 Züge des Typs Desiro ML abrufen kann. Wie beim Schnellzug Railjet (15 Stück wurden storniert), fehlen der ÖBB aber die Mittel, um die Züge zu bestellen. Nun kursieren im Ministerium alternative Überlegungen, etwa die neuerliche Verlängerung der Laufzeit der seit gut 35 Jahren herumkurvenden blau-weißen Schnellbahngarnituren des Typs 4020. Dagegen sprechen die Kosten. Erneuerungsbedarf und Wartungskosten für die alten Garnituren stünden in keiner Relation zu einer Neuanschaffung.

Länder zieren sich

Bleibt als Ausweg die öffentliche Hand, also die für Bestellung und Bereitstellung öffentlicher Verkehrsdienste zuständigen Länder - und der Bund. Letzterer sieht sich nur bedingt zuständig, weil mit dem soeben fixierten Verkehrsdienstevertrag mit der ÖBB bis 2019 das gesetzliche Grundangebot neu definiert worden sei. Die Länder zögern aber. Wien hat noch gar nichts bestellt für seine S-Bahn-Flotte, bei Vorarlberg, Oberösterreich und Niederösterreich seien die Vorhaben konkreter.

Die ÖBB bestätigt, dass bei Siemens noch keine Desiro bestellt wurden. Eine Sprecherin verweist aber auf laufende Gespräche mit den Ländern, mit denen man eine Kostenteilung anstrebe.

Viel Zeit bleibt nicht: Die erste Tranche über bis zu 35 Zuggarnituren muss heuer fixiert werden, verlautet aus Siemens-Kreisen, andernfalls wäre der Produktionsplan über fünf Jahre in Gefahr. Produziert werden die Züge, wie berichtet in Wien und Krefeld. Inklusive Wartung taxierte Siemens das Gesamtvolumen des Auftrags 2010 mit einer Milliarde Euro.

Spritpreis lässt Pendler umsteigen

Von wachsendem Bedarf ist angesichts der steigenden Treibstoffpreise - Bier ist derzeit um einiges billiger - auszugehen. Das belegen auch Fahrgastzahlen - nicht nur in Wien, sondern in der ganzen Ostregion. Für der Ostbahn beispielsweise beziffert die ÖBB den Fahrgastzuwachs im Februar (gegenüber Vorjahreszeitraum) mit zehn Prozent, auf Südbahn und Pottendorfer Linie mit je sechs Prozent.

Verdoppelt haben sich die Fahrgäste demnach seit 2002 auf der S3/Salzburg-Golling. In der Steiermark fuhren binnen fünf Jahren um 20 Prozent mehr Personen mit der S-Bahn. Laut Insidern wird ÖBB-intern bereits eine Verkürzung des 30-Minuten-Takts auf 15 Minuten für die S7 bis Wolfsthal, zumindest aber bis zum Flughafen diskutiert. Das wäre von der Zeitschiene theoretisch möglich, könnte aber den Airport-Express CAT beeinträchtigen, den Flughafen und ÖBB gemeinsam betreiben. Mitzahler an Wagenmaterial und den Kosten des Zugbetriebs, fehlen freilich.

Dass es auch an Waggons mangle, um vorhandene Züge zu verlängern (also in Doppeltraktion zu fahren) stellt die ÖBB in Abrede. Die vorhandenen Kapazitäten seien noch ausreichend.

"Mobilitätsapartheid"

Das sieht ÖBB-Konzernbetriebsratschef Roman Hebenstreit anders. Er ortet sehr wohl einen Mangel an Fahrzeugen und fordert von Bund und Ländern eine Höherdotierung des Fahrbetriebs: "Angesichts höherer Treibstoffpreise und des Versagens der Politik in der Klimaschutzstrategie ist es ein Gebot der Stunde, aus sozialen und ökologischen Gründen eine Öffi-Offensive einzuleiten." Sonst könnten sich immer mehr Menschen Mobilität nicht mehr leisten und es komme zu einer Art "Mobilitätsapartheid".

Auch die 700 Millionen Euro an Steuergeld wären bei Öffis besser angelegt als bei Co2-Zertifikaten, die die Regierung als Ersatz für Klimaschutzmaßnahmen kaufen musste, wetterte Hebenstreit am Freitag. Dringend überdenken sollte die Regierung auch die Milliarden für Bahntunnels. Sie seien für den Nahverkehr nur bedingt von Nutzen. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, 7./8./9.4.2012)

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Umdenken in der Verkehrspolitik

Man soll nicht immer nur den Konsumenten verantwortlich machen. Themen wie Verkehr brauchen Regulierung und somit Wettbewerbsverzerrung. Die Bahn braucht gegenüber dem Auto Wettbewerbsvorteile, weil sie langfristig ökologischer ist.

so sorry

aber wenn die bezin- und dieselpreise weiter so steigen, wird sich jede denkende (Adjetkiv "denkend" entziehe ich jeder momentan vertretenen partei) öffis leisten müssen, weil sonst die sklaven nicht mehr zur hacke kommen.

also, liebe NÖ-ÖVP, denkt euch endlich was sinnvolles aus, neben autobahnen und strassen. wir wollen von 7 bis 01 nach hause kommen, egal wie, aber ohne das beschissene auto.

Die 4020 Garnituren der S Bahn in Wien sind völlig veraltet!

-) keine Barrierefreiheit/extrem hohe Einstiege
-) kein Fahrgastinformationssystem
-) schlechte Beschleunigung
-) keine Klimaanlage
-) völlig unpraktische mit Doppeltüren gebaute Wagenübergänge
-) zuwenig Raum für Personen mit Fahrrädern, Kinderwägen

... und man merkt, die Züge sind einfach am Ende ihrer Lebenszeit.

Da sieht man das der öbb der kunde komplett egal ist und man lieber die privilegien der mitarbeiter weiter aufrecht erhält anstatt in neue fahrzeuge und taktverdichtungen (flughafen, südbahn, steirische ostbahn etc) investiert. Warum soll der staat für die öbb neue fahrzeuge kaufen, sinnvoller wäre es eine europaweite ausschreibung für den nahverkehr plus eine investitionsprämie für neue fahrzeuge, das funktioniert auch in deutschland bestens. Die marode öbb hat es leider verabsäumt den kunden in den mittelpunkt ihrer geschäftsaktiviätten zu stellen, stattdessen ist man eh froh, wenn keiner mit dem zug fährt, da der staat (spö!) alles bezahlt auf steuerzahler kosten!

Wien sollte sich eine modernere S Bahn leisten können!

Könnte man das nicht wieder einmal

win win finanzieren, indem irgendwelche Amis, die das daheim super absetzten können es kaufen, und die ÖBB dann nur least ( Vergleichsrechnung mit Erhalt der alten Garnituren natürlich vorausgesetzt) ???

was wollen Sie denn noch alles verscherbeln!

Die Rechnung mit dem lease-back geht doch langfristig niemals auf! Mismanagement ist das große Problem! Weitblickende ÖBB Manager hätten damals schon, anstatt das flüssige Geld zu verspekulieren, weitblickend Wagenmaterial bestellt. Es war doch jedem klar, daß eine Ölkrise kein singuläres Ereignis ist, bzw. der schwarze Saft irgendwann einmal zu Ende geht, und die Öffis ein sicheres revival erleben werden.

???

1) Du schreibst von "verscherbeln": Verscherbeln kann man aber nur Dinge, deren Eigentumer man ist.
Genau das ist die ÖBB aber nicht, weil sie sich angeblich keine Züge leisten kann, die man verscherbeln könnte!

2) Ölkrise?
Wenn man bedenkt, wer wieviel am Treibstoff verdient, muss man eher von einer Fiskalkrise als von einer Ölkrise sprechen!

3) Revival der Bahn?
Die hat in Österreich gerade noch einen Anteil von knapp 7 % des Gesamtverkehrsaufkommens-von ehamals knapp 30 % in den Sechzigerjahren.
Die Tendenz ist nach wie vor fallend, da der Fahrgastzuwachs der Bahn unter der Steigerung des Gesamtverkehrsaufkommens liegt.

Zudem: Österreich ist sehr ländlich strukturiert und es gibt bereits viele Reagionen ohne Bahn.

Tatsache ist, daß bereits in der Vergangenheit

(ab etwa 2006) Assets der ÖBB (Lokomotiven, Zugsgarnituren, Kraftwerke und Bahnhöfe) im großen Stil verkauft und sogenannte Sale-and-Lease-Back-Geschäfte durchgeführt wurden, die zu der jetzt beklagten Situation wesentlich beigetragen haben. Mit hochspekulativen Finanzgeschäften wurde die Situation jedoch noch zusätzlich verschärft. Weiters stellt sich mir die Frage, ob Sie voll im Bilde der momentanen Entwicklungen am Ölmarkt sind. Zu Ihrem Punkt 3: die unüberlegte Amputation der österreichischen Bahninfrastruktur ist in der Tat keine politische Heldentat, und wird sicher auch noch bitter zu bereuen sein.
http://diepresse.com/home/wirt... ionen-Euro
http://derstandard.at/3143515

Das Problem ist aber, dass die ÖBB nichts zu verkaufen hat.

Du hast ja von verscherbeln gesprochen. es ist ja nix zu verscherbeln da!

Man könnte sie vielleicht gleich leasen. Darin würd ich auch kein Problem sehn.

Zum Pkt 3: Der Anteil des Bahnverkehrs ist in keinem Land wesentlich anders. In Deutschland etwas niedriger, in der Schweiz etwas mehr. Aber der Autoverkehr ist in allen entwickelten Ländern der Hauptverkehrsträger.

bei 5 Euro pro Liter Bezin und Diesel stellt sich die Frage anders. ÖFFENTLICHER VERKEHR IST EIN MUSS, schon rein aus ökologischen Gründen.

Nur kanns sich dann ein Durchschnittsverdiener dann weder ein Busticket

noch einen Computer oder eine Anans leisten.

Die ÖBB befördern außerdem mehr Personen auf der Straße als auf der Schiene.
Außerdem würde der Strom wesentlich teurer werden, was auch den Bahnverkehr verteuert, weil die ÖBB nur einen Teil des Bahnstroms mit Wasserkraft erzeugen kann.

ich würde ja gern umsteigen

.. liebend gerne würde ich wieder mit der ÖBB nach wien pendeln, weil der spritpreis wirklich ungeheuerlich ist, aber unsere zugstrecke wurde letzten sommer eingestellt.

soweit zum thema möglichkeiten...

Sind Sie zuvor mit den ÖBB gefahren?

Würde sich etwas an der Situation ändern, wenn er/sie davor nicht

mit der Bahn gefahren wäre ?

Ja, denn das bedeutet für mich, dass eine offensichtlich brauchbare Bahnverbindung gestrichen wurde. Außerdem kann es sich dann um keine Ausrede handeln.

Aus der Tatsache ob jemand davor die Bahn genützt hat, kannst Du aber nicht schließen ob die Verbindung brauchbar war.

Auch viele völlig unbrauchbare Verbindungen wurden und werden wenig aber doch genutzt.

ZB die eingestellte Ybbstalbahn, die eingestellten Züge im Gesäuse- auch die wurden manchmal genutzt. Aber halt zu wenig, weil sie einfach unbrauchbar waren.
Oder die Fernzüge auf der Pyhrnbahn oder Leoben-Vordernberg usw

Das hängt halt oft sehr von persönlichen Umständen ab.

Für Labormaus83 war die Verbindung ganz offensichtlich brauchbar. Ob sie deswegen gut war, ist wieder eine ganz andere Frage.

Mit der Ybbstalbahn fuhren im Jahr der Landesausstellung >Feuer und Erde< 700.000 Reisende! In normalen Jahren fuhren 550.000 Reisende.

Zuletzt waren's >nur< mehr 450.000, weil die Reisezeit aufgrund des Streckenzustandes oberhalb von Hollenstein katastrophal war.

Aber 600.000 oder sogar 700.000 reisende/Jahr wären auf einer modernisierten Ybbstalbahn durchaus möglich.

ich bin selbst oft genug damit gefahren. die meisten fahrgäste waren zwischen hbf und schillerpark bzw vogelsang.

ab vogelsang bzw gstadt waren die züge fast immer leer. diese kleine bahn hat vor allem luft transportiert und die luft verpestet.

Wann war das?

Bis 2005, solange fuhr ich regelmässig dort herum, war die Bahn sehr gut angenommen.

Dass die letzten Jahre eher mager waren, ist bekannt, das lag aber an so Dingen wie dem Erhaltungszustand und den daraus folgenden Fahrzeiten.

ja denn es war die günstigste weise als wochenpendler nach wien zu kommen...

dabei versteh ich die "spritpreis im vergleich"-grafik nicht - soll der tank jetzt mit cola gefüllt werden?
im übrigen bin ich über hohe benzinpreise nicht unglücklich, autos gehören weg aus der stadt! die leute sollen in die öffis umsteigen, kosten eh nur mehr 1 eu/tag.

Nicht alle Menschen wohnen in der Stadt, außerdem erhöhen sich durch hohe Spritpreise auch die Kosten für etwaigen Transport, was sich somit auch auf andere Güter auswirken wird.

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