"Im Krieg bleibt niemand ohne Schuld"

Interview6. April 2012, 14:55
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Der ehemalige Kriegsreporter Samo Kobenter spricht über seine Zeit in Sarajevo und die Rolle der Medien in den Jugoslawien-Kriegen

Der ehemalige STANDARD-Redakteur Samo Kobenter berichtete von 1990 bis 1995 als Kriegsreporter aus dem ehemligen Jugpslawien. Mit daStandard.at sprach er über die Rolle der Wahrheit im Krieg und die Frage, weshalb es auch in Sarajevo keine klare Trennung zwischen Gut und Böse geben konnte.

daStandard.at: Ich habe gestern noch Ihren alten Essay "Brot auf der Straße" aufgetrieben. Hier schreiben Sie, dass Menschen im Krieg - im Unterschied zum Alltag - eher Wahrheit erwarten. Das heißt, im Alltag nehmen sie Lügen und Betrügereien in Kauf, aber im Krieg wollen sie auf Gut und Böse festgelegt werden und auf klare Regeln. Können Sie erklären, wie das gemeint ist?

Kobenter: Ich weiß nicht, ob ich das heute noch einmal so sagen würde mit den ganzen Lügen, die es in diesem Krieg gegeben hat. Aber damals war es meine Ansicht, beziehungsweise glaube ich, ich wollte darauf hinweisen, dass eine extreme Situation größere Klarheit verlangt. Du wirst entweder erschossen oder du überlebst oder du wirst kein Brot haben oder kein Wasser oder du wirst es haben oder du wirst es nicht haben.

Und diese Geschichten in der Kommunikation zwischen den Menschen, die in dem Augenblick passieren, in dem Kriegszustand herrscht, waren von einer größeren Klarheit geprägt. Das heißt aber nicht, dass die Mächtigen beziehungsweise jene, die diesen Krieg begonnen haben - vor allem jene, die Sarajevo in Geiselhaft gehalten haben -, dass sie die Menschen belogen hätten, dass in Sarajevo auch nicht gelogen wurde, beziehungsweise dass nicht getäuscht und betrogen worden wäre. Das heißt es nicht.

daStandard.at: Ein paar Zeilen später schreiben Sie in dem Essay, dass jeder Kriegsjournalist die Erfahrung macht und begreift, dass sein Medium oder das, was er berichtet, ein Instrument des Krieges ist. Wie bald sind Sie darauf gekommen, welche Rolle die Medien spielen?

Kobenter: Das war relativ schnell klar. Die Positionierungen waren nachvollziehbar, die Sympathien waren klar verteilt. Wenn man in Belgrad damals die Zeitungen gelesen hat und die in Kroatien oder Slowenien, hat man völlig verschiedene Wahrheiten wahrgenommen beziehungsweise vermittelt bekommen.

Der Widerstand der Medienleute - und zwar aller, die in Sarajevo geblieben sind, also auch der Serben, der Muslime, der Kroaten, der verschiedenen Religionszugehörigkeiten - gegen die Besetzung und gegen die Belagerung: Das geht relativ rasch. Du siehst in kürzester Zeit, wer in welche Richtung schreibt, wer welche Position einnimmt. Den großen Mut beziehungsweise im Nachhinein den großen Respekt verdienen die, die trotz der Beeinflussung durch die Regierungsmächte, die Ordnungsmächte und jene, die den Krieg führen, versuchen, bei der Wahrheit zu bleiben.

Das hat es in Serbien aber auch gegeben. Das wird immer wieder vergessen. In Belgrad hat es einen Fernsehsender gegeben, ein privates Radio (B-92, Anm.), die genau das gemacht haben. Sie haben versucht, wahrheitsgetreu über den Krieg zu berichten. Wobei in Zeiten wie diesen Wahrheit ein relativer Begriff ist, weil es dieses Schwarz und Weiß mit der Zeit nicht mehr gibt, es ist alles grau. In einem Krieg bleibt niemand ohne Schuld.

daStandard.at: Sie haben die serbischen und bosnischen Medien erwähnt. Hatten Sie das Gefühl, dass die Medien außerhalb Ex-Jugoslawiens, also sagen wir einmal die westlichen Medien, ebenfalls Stellung bezogen haben?

Kobenter: Ja, natürlich. Das geht ja gar nicht anders. Wenn du da unten sitzt, und auch auf dich als Journalist wird geschossen, dann schreibst du anders, als wenn du dir das von außen ansiehst. Natürlich gibt es immer eine starke Tendenz, wenn du so willst von den Überlegenen und den Ohnmächtigen, die im Konflikt sind. Dass das so sauber nicht war und dass das so genau getrennt nicht werden konnte, da sind wir erst später draufgekommen. Wie zum Beispiel damals, als sie auf den Markale-Markt geschossen haben, wo ich am Vortag noch für ein Arte-Projekt gefilmt hatte.

Ich wollte eigentlich am Vormittag dort filmen. Mein Kameramann hat mich mehr oder weniger überredet, dass ich das am Abend machen soll, weil das Licht so schön war. Jetzt sind wir am Abend hingegangen und es war total ruhig und im Grunde war das eine absolut idyllische Woche. Und am nächsten Tag in der Früh haben sie, glaube ich, 64 Leute umgebracht dort, weil sie es mit Granaten beschossen haben.

daStandard.at: Viele können sich vielleicht nicht mehr daran erinnern. Können Sie kurz schildern, was das Brisante an diesen Toten am Markale-Markt war?

Kobenter: Als wir hingekommen sind, war für mich klar, dass die Serben den Markt beschossen haben. Ich habe dann einen Freund in Rom angerufen, der für die UNPROFOR gearbeitet hat und der einen sehr guten Zugang zu den Quellen hatte. Und er hat gesagt: "Du, das waren nicht die Serben, das waren die Muslime selbst." Die haben auf ihre eigenen Leute geschossen, damit sie endlich die NATO-Angriffe auf Sarajevo beziehungsweise die NATO-Luftschläge provozieren.

Und dann war für mich klar, dass die saubere Trennung zwischen den Schuldigen und den Unschuldigen überhaupt nicht mehr möglich ist. Zum einen die Vorstellung, dass so etwas passieren kann. Offiziell wurde ja nie der wahre Schuldige dingfest gemacht. So wie die Einschusstrichter waren, wie die Winkel der Granaten waren, die da hineingeflogen sind, war schon ziemlich klar, dass das nicht aus den serbischen Stellungen kommen konnte, sondern aus den muslimischen. Das war für mich die größte Erschütterung im ganzen Konflikt. Wie weit du kommen musst, dass du deine eigenen Leute erschießt, damit du sie auf der anderen Seite vielleicht befreist über eine Intervention von außen.

daStandard.at: Sind Sie nach dem Bosnienkrieg jemals wieder in Kriegsgebiete gefahren?

Kobenter: In Kriegsgebiete nie wieder, nein. Das hat mir in einem Ausmaß gereicht, das man sich kaum vorstellen kann. Für mich war das genug. Ich brauche das alles nicht mehr und ich will das auch nie mehr wieder sehen. Ich kann mir nicht einmal einen Hollywoodfilm anschauen, bei dem irgendwelche Leute erschossen werden oder wo Krieg gespielt wird. Ich vertrage das alles nicht mehr.

Ich war dann noch einmal in Sarajevo, aber das war im Frieden, da hat man gesehen, wie sehr sich die Stadt verändert hat und wie sehr diese Idee Jugoslawiens, also das dort tatsächlich gelebte multiethnische kulturelle Zusammengehörigkeitsgefühl, dort zerstört wurde.

daStandard.at: So geht es wahrscheinlich jedem, der Sarajevo vor 1992 kannte und jetzt hingeht.

Kobenter: Das war ja die schönste Stadt für mich in Jugoslawien.

daStandard.at: Waren Sie vor dem Krieg auch in Sarajevo?

Kobenter: Ja. Es war zauberhaft. Ich kenne es im Winter mit drei Meter Schnee, ich kenne es zu jeder Jahreszeit.

daStandard.at: Würden Sie sagen, dass Sie eine persönliche Beziehung zu Jugoslawien vor den Kriegen hatten?

Kobenter: Ich hatte schon vorher eine Beziehung des Herzens zu Jugoslawien. Meine Großeltern väterlicherseits sind nach dem Ersten Weltkrieg von Kärnten nach Laibach gezogen, mein Vater ist dort auf die Welt gekommen. Er ist 1945 nach dem Krieg wieder nach Österreich zurückgekommen, und meine Verwandten waren in Serbien, Kroatien und Slowenien verteilt. Das habe ich schon als Kind mitbekommen, dass es da vor der Haustür eine andere Welt, ein anderes System gibt, das ganz gut funktioniert hat meiner Ansicht nach.

Die Beziehung zu Sarajevo und zu den Leuten ist dann im Krieg auch viel intensiver geworden. Als wir runterfuhren, hatten wir immer Rucksäcke voll Geld und Lebensmitteln und mit Tauschartikel mit, die wir unter die Leute gebracht haben. Du hast damals zehn Dollar pro Tag gebraucht, um zu überleben. Das war viel Geld. Meine Frau hat dann einmal gesagt: "Du, das können wir uns nicht mehr leisten." Denn jedes Mal, wenn ich da runtergefahren bin, hat sich der Schaden auf 1.000 bis 2.000 Deutsche Mark belaufen. Ich habe irgendwann angefangen, bei Freunden zu sammeln, und wenn ich unten war, habe ich das Geld verteilt. Weil du gesehen hast, dass die Leute sonst verrecken.

daStandard.at: Journalisten und insbesondere Kriegsreporter haben ein unglaublich schlechtes Image. Wie haben Sie die Rolle der ausländischen Journalisten wahrgenommen in diesem Krieg?

Kobenter: Da gibt es solche und solche. Die, die Kriegsreporter spielen, die es so anlegen, wie sie es in Filmen gesehen haben. Die leben halt nicht lang. Und die anderen, die das eher als Job empfinden, die Risiken abwägen und die tatsächlich versuchen, dem, was in so einem Konflikt die Wahrheit ist, möglichst nahe zu kommen. So pathetisch das auch klingen mag. Und das sind durchaus anständige Leute gewesen.

Aber grosso modo glaube ich, ohne Schaden ist da keiner hineingegangen und keiner herausgekommen. Das ist schon ein ganz spezieller Schlag. Und die meisten, mit denen ich zu tun hatte, waren doch auch anständige und überhaupt nicht übertrieben risikofreudige Menschen, die dann versucht haben, an der Front mitzumischen, was ja völlig unsinnig ist, denn das interessiert ja in Wahrheit keinen Leser und keinen Fernsehzuseher. Die hat es dann eh erwischt. (Olivera Stajić, daStandard.at, 6.4.2012)

Samo Kobenter war ab 1988 Redakteur der damals neu gegründeten Tageszeitung DER STANDARD, wo er bis zu seinem Wechsel in das Bundeskanzleramt 2007 in den Ressorts Außen- und Innenpolitik tätig war. Ab 1990 berichtete er als Kriegsreporter aus Ex-Jugoslawien, zunächst aus Slowenien und dann aus Bosnien.

  • Samo Kobenter in den 1990ern.
    foto: matthias cremer

    Samo Kobenter in den 1990ern.

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