Globale Diagnose: Zuckerschock

6. April 2012, 10:28
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Alkohol, Rauchen, Übergewicht: Mehr als die Hälfte der Menschen stirbt an Zivilisationskrankheiten, warnt die WHO - Die meisten davon leben in Entwicklungs- und Schwellenländern

Wien - Krankheiten wie Diabetes, Krebs oder Herzleiden sind mittlerweile der Grund für 63 Prozent aller Todesfälle, warnt die Weltgesundheitsbehörde (WHO). Die Annahme, Zivilisationskrankheiten korrelierten immer mit Wohlstand und Reichtum, ist falsch: 80 Prozent der Menschen, die daran sterben, leben in Ländern mit geringem bis mittlerem Einkommen. Allein in China wurden 2010 mehr als 25 Milliarden Dollar nur für Diabetes-Programme ausgegeben, weltweit waren es 390 Milliarden.

Weil der westliche Lebensstil auch in ärmeren Staaten und Schwellenländern immer mehr Nachahmer findet, nehmen die "nichtansteckenden chronischen Krankheiten" (NCD) in armen Ländern rasant zu. Die WHO schätzt, dass in Malawi bereits 700.000 Menschen zuckerkrank sind. Schon in weniger als zwanzig Jahren könnten die NCDs zur Todesursache Nummer eins in Afrika werden.

Bald sind zwei Drittel älter als 60

Doch auch in Europa verlangen die demografischen Strukturen nach einer Umstrukturierung des Gesundheitssystems - 2050 wird etwa ein Drittel der Bevölkerung älter als 60 sein. Als weitere zunehmende Belastung für die Gesundheitssysteme nennen Experten die Folgen des Klimawandels. Internationale Programme wie etwa in Bangladesh, wo die Kindersterblichkeit deutlich gesenkt werden konnte, tragen erste Früchte. Doch meist fehlt das Geld für Aufklärungsprogramme. Dabei wäre Bildung im Hinblick auf richtige Ernährung und Umweltschutz der Schlüssel, um den explodierenden Kosten entgegenzuwirken.

Alkohol, Zucker, Tabak

Als Ursachen für den rasanten Anstieg der NCD-Krankheiten listet die WHO die Klassiker auf: Alkohol, Blutzucker, Bluthochdruck, Cholesterin, zu wenig Bewegung und Tabak. Übergewicht ist ein Problem der Industrie- und Schwellenländern. Bereits jeder zweite Bürger der OECD-Staaten gilt als übergewichtig. Die Zahl hat sich in 30 Jahren verdreifacht. Schuld daran gibt die OECD nicht nur den Couchpotatos, sondern auch der Politik. Durch schlechte Stadtplanung wären die Menschen ermuntert, mit dem Auto zu fahren, Sport- oder Spielplätze seien hingegen Mangelware. Im Umkehrschluss wird in der OECD-Studie festgehalten, dass Präventivprogramme wohl nicht die Gesundheitsbudgets der Welt schonen würden: Dünne Menschen leben länger und belasten das System daher im Alter.

Die Herausforderungen, die Weltgesundheit positiv zu beeinflussen, sind immens. Das Interesse daran ebenso, schließlich geht es um viel Geld. Die Münchner Rück, Weltmarktführer der Versicherungs-Versicherer, hat Angst vor einem Super-GAU der Krankenversicherungen. Der Konzern investiert massiv in die Risikoberechnung von Fettleibigkeit, vor allem im arabischen Raum. In Abu Dhabi findet die Münchner Rück ideale Bedingungen. Die Krankenversicherung ist kostenlos. Um sie zu bekommen, muss sich jeder Bürger einem Gesundheitstest unterziehen. Alle Daten werden gesammelt und der Versicherung zur Verfügung gestellt, vom Gewicht bis zum Bluthochdruck.

Die WHO appelliert an alle Staaten, ihre Gesundheitssysteme zu reformieren. 42 Staaten wollen das noch in diesem Jahr tun. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 6.4.2012)

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    Übergewicht ist ein Problem der Industrie- und Schwellenländern.

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