"Opfer und Herrscher"

Interview |
  • Die Beziehung zwischen Mensch und Schaf geht zurück bis in die vorgeschichtliche Zeit und ist von zahllosen Mythen geprägt. Für Haid ist es kein Zufall, dass gerade dem Schaf in allen drei monotheistischen Religionen herausragende Bedeutung zukommt.
    foto: böhlau verlag

    Die Beziehung zwischen Mensch und Schaf geht zurück bis in die vorgeschichtliche Zeit und ist von zahllosen Mythen geprägt. Für Haid ist es kein Zufall, dass gerade dem Schaf in allen drei monotheistischen Religionen herausragende Bedeutung zukommt.

  • Für Haid haben Schafe auch in den Alpen Zukunft: "Sie helfen beim Regenerieren der vom Skisport angegriffenen Wiesen."
    foto: böhlau verlag

    Für Haid haben Schafe auch in den Alpen Zukunft: "Sie helfen beim Regenerieren der vom Skisport angegriffenen Wiesen."

Der Tiroler Volkskundler Hans Haid hat die Kulturgeschichte des Schafs untersucht - Grund genug für Georg Desrues, mit ihm ein österliches Gespräch zu führen

STANDARD: Wenn man heute von Berglandwirtschaft spricht, denkt man eher nicht an Schafszucht. War das früher anders?

Hans Haid: Durchaus. In vielen Gegenden der Alpen war das Schaf das mit Abstand wichtigste Nutztier. Dort wurden Schafe nachweisbar schon vor sechs bis sieben tausend Jahren gehalten, Rinder erst tausend Jahre später. Von den Rindern wurden die Schafe erst durch ein starkes Bevölkerungswachstum zunehmend verdrängt, weil sie mehr Fleisch und Milch geben und obendrein als Zugtiere einsetzbar sind.

STANDARD: Kulinarisch hat sich gerade in Österreichs Alpen vom Schaf reichlich wenig gehalten. Traditionellen Schafsmilchkäse gibt es kaum, und Gerichte aus Lammfleisch finden sich heute nur in den wenigsten Restaurants.

Haid: Was auch daran liegt, dass das Schaf bis vor kurzem einen sehr schlechten Ruf hatte, und zwar vor allem deshalb, weil noch früher niemals Lämmer, sondern nur ausgewachsene, alte Tiere geschlachtet wurden und diese einen starken Beigeschmack haben, der den Leuten nicht gefiel. Lämmer wurden seinerzeit überhaupt keine geschlachtet.

STANDARD: Also gab es sehr wohl Eintöpfe aus Schaffleisch und nicht nur die ewigen rosa gebratenen Lammkoteletts mit mediterranem Gemüse, die man heute so findet?

Haid: Selbstverständlich. Und in einigen, guten Tiroler Gasthäusern werden diese heute auch wieder angeboten, genauso übrigens wie Schafskäse. Und das beste Fleisch stammt natürlich von Tieren, die im Sommer auf der Alm gehalten wurden.

STANDARD: Bei Fleisch vom Schaf hat man ja auch die meisten Chancen, dass es von einem artgerecht gehaltenen Tier stammt. Zumindest im Vergleich zu Schweine- und Hühnerfleisch ist das so. Könnte man sagen, dass das Schaf besser behandelt wird als andere Tiere, weil es eine liturgisch so wichtige Rolle spielt?

Haid: Das kann ich nicht beantworten. Tatsache ist, dass Schaffleisch in kaum einer Religion tabuisiert wird, wie etwa das Rind im Hinduismus oder das Schwein im Islam, und das Schaf in allen drei großen monotheistischen Religionen eine wichtige Rolle spielt, die es aber schon lange zuvor in vielen Kulturen eingenommen hat. Was auch damit zusammen hängt, dass das Schaf in zahlreichen Gesellschaften beim Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit eine große Bedeutung hatte.

STANDARD: Im Katholizismus steht das Lamm doch aber vor allem für Unterwürfigkeit, Folgsamkeit und Gehorsam.

Haid: Nur zum Teil. Das Schaf steht sowohl für Opferbereitschaft als auch für Herrschaft. Natürlich ist der Stab des Bischofs, den ja auch der Papst trägt, eine Referenz an den gekrümmten Hirtenstab, bei dem die Krümmung zum Einfangen der Schafe diente. Aber das Lamm Gottes steht auch für die Auferstehung Christi. Und in der Offenbarung des Johannes ist es ein Lamm, das auf dem Thron sitzt und richtet. Im Laufe der Jahre ist der Aspekt des herrschenden Lamms im Zeremoniell der katholischen Kirche zunehmend vernachlässigt worden. Bei gleichzeitiger Aufwertung der Hirtensymbolik.

STANDARD: Sie schreiben, dass der Mythos vom Lamm auch oft mit weiblichen Hirten in Verbindung steht.

Haid: Es stimmt, dass es immer wieder Hirtinnen sind, denen die Mutter Gottes erscheint. Das ist in vielen Wallfahrtsorten so, in Lourdes, in Fatima oder auch in La Salette. Orte, in denen Widder- und Schafskulte betrieben wurden, gab es jedoch bereits in vorchristlicher Zeit. Und sehr oft waren es Stätten, in denen Muttergottheiten verehrt wurden. Aber auch jüngere Frauenmythen sind Hirtinnen, denken Sie etwa an die Geierwally.

STANDARD: Gemeinsam mit Reinhold Messner und Hans Kammerlander waren Sie einer der Ersten, die den Ötzi zu Gesicht be- kommen haben. War Ötzi auch ein Hirte?

Haid: Das war purer Zufall. Wir hatten uns schon Monate vorher oben auf dem Gletscher verabredet, zwei Tage vorher tauchte der Ötzi aus dem Eis auf. Ob er Hirte war, kann man mit Gewissheit nicht sagen. Aber man weiß, dass seine Kleidung teilweise aus Schafsleder bestand. Außerdem wurde er an einem Ort gefunden, der über Jahrhunderte eine traditionelle Route für die Transhumanz in den Alpen war.

STANDARD: Was bedeutet Transhumanz?

Haid: Das Wort stammt aus dem Lateinischen und bezeichnet die Wanderung zu den Sommerweiden, die viele Schafherden einst alljährlich zurücklegten. Die letzte grenzüberschreitende Transhumanz ist heute jene vom Südtiroler Schnalstal über drei Joche ins Ötztal. Der Schaftrieb geht über 3100 Höhenmeter, zwei der drei Joche sind vergletschert. Anlässlich des Schafstriebs am Ende des Sommers in Richtung Süden werden im Schnalstal seit Jahrhunderten große Volksfeste veranstaltet.

STANDARD: Wie sehen Sie die Zukunft des Schafs in den Alpen?

Haid: Es gibt heute durchaus hoffnungsweckende Initiativen, um das Fleisch, aber auch die Wolle der Tiere aufzuwerten. Erst vor kurzem hat die Tiroler Bergrettung eine große Anzahl Anoraks bestellt, die mit Wolle von Tauernschafen gefüllt sind. Und in der Gegend von Schladming werden Schafe genutzt, um im Sommer die Skipisten abzugrasen, die sich dadurch regenerieren können. Das alles deutet darauf hin, dass die Schafe für einen natürlichen Kreislauf stehen, der wieder zunehmend Platz im Bewusstsein der Menschen findet. (Georg Desrues, Rondo, DER STANDARD, 06.04.2012)

Hans Haid: "Das Schaf. Eine Kulturgeschichte". Böhlau 2011, 304 Seiten, € 24,90

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18 Postings
die geierwally war keine (schaf)hirtin.

vom unbarmherzigen vater ins ewige eis der marzell-ferner-region verbannt, wo hätte sie denn ihre herde da weiden lassen sollen, herr haid?
und überhaupt: wallys hansel war ein adler, kein hammel oder widder ...

Da der Vater sie nicht zwingen kann, verbannt er sie den ganzen Sommer über auf das Hochjoch, eine zwischen Fels und Eis gelegenen Hochalm, wo das junge Mädchen als Schaf- und Ziegenhirtin völlig auf sich allein gestellt ist.

in diesem punkt

unterscheidet sich dann wohl die hatheyer-verfilmung vom hillern-roman ...

3100 Höhenmeter

drum schmecken Schafsachen auch lecker, die Viecher sind gesund

die heutige Industriekuh bricht nach 50 Höhenmetern mit Kreislaufkollaps zusammen

Einer Industriekuh wäre schon froh wenn sie überhaupt mal 50 Höhenmeter zu sehen bekommen würde.

super produkte aus wolle gibt es von der wollwerkstatt.at ich war mal dort.wirklich eine sehr sympathische kleine firma im mostviertel. leider vertreiben sie kein Schaffleisch.

Kann ich bestätigen...

Auch im net auf
www.wollwerkstatt.at

Wird es in naher Zukunft noch genug leistbares Weideland und heimisches Futtermittel geben?

Nachtrag zur Erklärung:

Ich habe nun schon öfters gehört, daß Weideland zu besseren Preisen für die Biomasse-Produktion verpachtet wird und manche Schäfer und Landwirte befürchten, daß Weideflächen für Ihre Tiere knapp werden oder zu teuer.

ich glaub, dass das bei uns nicht passieren will;
auf der Weide auf der bei uns Schafe gehalten werden kann man mit überhaupt keinem Gerät fahren es ist einfach zu steil.

Bei uns glaub (noch) kein Problem, aber ich weiß dass es in Bayern deswegen tatsächlich schon ernsthafte Probleme gibt. Eher früher als später betrifft uns das dann ja auch...

1. Ob das Futter "heimisch" ist ist mir ziemlich egal.

2. "Leistbar" ist relativ. Zahlt man vielleicht 20 statt 5 Euro pro kg. Auch egal.

Noch immer

oder schon wieder ?

Ich persönlich würde heimisches Futtermittel vorziehen, denn ich finde es unvernünftig, daß wir es aus dem Ausland importieren, wo wir doch genug hätten.

Da gibt es schon Lösungen. Das Schottland mit seinen Gras- und Heidelandschaften, wie wir es heute kennen, verdankt sein Aussehen der Schafzucht. Früher waren das Wälder.

Schafe sind die Tiere der Wahl für extensive Weidewirtschaft, wenn man Kulturland vor der Verbuschung und in weiterer Folge vor der Verwaldung schützen will, weil Schafe so ziemlich alles abfressen. Zusätzlich düngt Schafkot die Weiden nicht so stark, sodass seltene Pflanzen, die keine oder nur wenig Düngung vertragen wachsen können.

In Österreich haben wird jedenfalls ein Problem der Verwaldung. 1. wegen der Artenvielfalt und 2. gehen die Kulturlandschaften, die auch für den Tourismus wichtig sind, verloren. Dem Wald können Schafe so weit ich weiß nichts anhaben. Den muss man schon vorher roden. Außerdem laufen Weidetiere bei uns sowieso nicht uneingezäunt herum.

Das stimmt, in Schottland wurde großflächig gerodet ("Clearances").
In manchen Gegenden Deutschlands werden übrigens in letzter Zeit Wanderherden gefördert, z.B. im Karstgebiet des Altmühltals, um die Landschaft dort zu erhalten.

Määh!

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