El emigrante sofisticado

    Porträt6. April 2012, 09:00
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    Wegen der Wirtschaftskrise kehrte Edgar Pineda Barcelona den Rücken und zog nach Wien. In seinem Blog schreibt er über die Eigenheiten Wiens und Österreichs

    "El emigrante sofisticado", zu Deutsch "Der anspruchsvolle Auswanderer", heißt der Blog, den der Spanier unter dem Namen Edgar Pineda betreibt. Im Dezember vergangenen Jahres ließ der 30-Jährige seine Heimatstadt Barcelona hinter sich und wählte Wien als neuen Lebensmittelpunkt. Nicht ganz freiwillig, machte ihm doch die Wirtschaftskrise, die in Spanien immer mehr junge Leute ins Ausland treibt, einen Strich durch die Rechnung. Kurz bevor er das Doktorat in Ethnologie in der Tasche hatte, wurde seine Lektorenstelle an der Universität der katalanischen Hauptstadt gestrichen.

    Mehr Zukunftsperspektiven

    Gemeinsam mit seiner Freundin, die in Nürnberg aufgewachsen ist und in Wien studiert hat, zog es den Barcelonesen mit Aussicht auf eine bessere Zukunft nach Österreich. "Ich habe das Gefühl, dass Wien in den kommenden Jahren noch viele hochqualifizierte Migranten aus Spanien anziehen wird", sagt Edgar. Viele seiner Bekannten seien bereits vor der ausweglosen Arbeitsmarktsituation nach Deutschland oder Frankreich geflohen - immerhin liegt die Arbeitslosenquote in Spanien derzeit bei einem Rekordhoch von 23 Prozent.

    Edgar sucht vorerst eine Stelle als Spanischlehrer, möchte aber künftig versuchen, an der Universität Wien unterzukommen. Vom Plan, sich in Wien als Fahrradbote über Wasser zu halten, hat er sich rasch verabschiedet. Abgeschreckt haben ihn die vielen Schauergeschichten aus dem Wiener Verkehr und die dazugehörigen Narben befreundeter Fahrradkuriere.

    Fakten mit Fiktion vermischt

    In seinem Blog schreibt Edgar - nicht ohne eine gewisse Selbstironie und bewusste Überspitzung - über Erlebnisse, die er in Wien und mit seinen MitbürgerInnen macht. "Ich habe damit begonnen, um Freunden und Verwandten zu Hause meine Eindrücke von der neuen Stadt zu vermitteln. Es ist aber nicht alles hundertprozentig ernst zu nehmen, ich vermische die Fakten häufig mit Fiktion", erzählt er. Dabei greift Edgar zu einer poetischen und abstrakten Sprache und produziert zum Teil fiktionale Texte, die zum Schmunzeln verführen. Den Blog schreibt er auf Spanisch. Seine Muttersprache biete ihm mehr Möglichkeiten, Vielfalt und Farbe in die Geschichten zu bringen. Sobald er sich sprachlich fit genug fühlt, möchte er auch auf Deutsch schreiben.

    Gesellschaftlich und politisch Aufrüttelndes

    Die Themen der Einträge sind vielfältig, Edgar bezieht sich dabei auf politische und gesellschaftliche Ereignisse aus seinem Umfeld. Im Kapitel "Kürzungen in einem Wohlfahrtsstaat" zieht er eine Meldung über einen langzeitarbeitslosen Steirer heran, der sich seinen Fuß abtrennte, um vor dem AMS als arbeitsunfähig zu gelten. In Zeiten der Krise, analysiert er, treffen Menschen paradoxe Entscheidungen, um aus der Bredouille zu kommen.

    In einem anderen Eintrag setzt er sich mit dem Heldenplatz und Adolf Hitlers Rede vor einer riesigen Menschenmenge auseinander. Die Stadt selbst beschreibt Edgar als "ruhig, geräumig und mit wenig anspruchsvoller Architektur". Im Gegensatz zu Paris, wo der Spanier ein halbes Jahr lebte, seien in Wien prunkvolle Bauten fast ausschließlich in der Innenstadt zu finden, so seine Wahrnehmung. "Ich fühle mich aber sehr wohl hier, weil die Österreicher ziemlich entspannt sind und es sehr einfach ist, Leute kennenzulernen", erzählt Edgar.

    Eintrag Nummer fünf trägt den simplen Titel "Es" und ist mit dem grinsenden ÖVP-Politiker Manfred Juraczka bebildert. Kurz nach der Ankunft in Wien staunte Edgar nicht schlecht, als er in einer seiner ersten ORF-Sendungen von einem für ihn skurrilen Vorschlag des Politikers hörte. Um des Hundekot-Problems auf Wiens Straßen Herr zu werden, wolle man Speichelproben der Vierbeiner in einem Datenarchiv sammeln, um die DNA mit den Häufchen vergleichen zu können und die Übeltäter samt Herrl oder Frauerl ausfindig zu machen. "Das gibt's doch nicht, wer kommt auf so eine Idee? Ich war überrascht und belustigt zugleich", sagt Edgar, der aus einer Stadt kommt, in der ein Gackerl-Dilemma aufgrund frühmorgendlicher Einsätze staatlicher Reinigungswagen gar nicht erst aufkommen kann.

    Zweiter Roman thematisiert Krieg im Kosovo

    Mit 24 Jahren hat der Sohn einer Lektorin und eines Schriftstellers seinen ersten Roman veröffentlicht. Das surreale Werk handelt von der Ethnologiestudentin Lora, die eines Morgens in der mystischen Welt eines geometrischen Körpers - einer Kugel - verschwindet. Wieder in ihrem Alltag angekommen, erscheint plötzlich alles unwirklich. "Da war ich aber noch sehr jung, mein nächster Roman wird weniger abstrakt. Es geht um eine psychiatrische Anstalt im Kosovo, in der es mehrere Nationalitäten schaffen, in Harmonie zusammenzuleben, während vor ihren Toren der Krieg tobt", erzählt der 30-Jährige, der derzeit intensiv über den Balkan recherchiert.

    Seinen nächsten Blogeintrag hat Edgar bereits im Kopf. Bei einem Ausflug nach Nürnberg konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, alles in der bayerischen Stadt sei überdimensional. "Die Straßen, Gebäude, sogar die Buttercroissants! Ich möchte hier einen Fokus auf Übertreibung setzen und den Nationalsozialismus thematisieren. Hitler war ja auch ein 'Übertreiber'."

    Chaos Reverse

    Sein Blog trägt den Untertitel "Das umgekehrte Chaos des Edgar Pineda". Die Erklärung dazu liefert die Theorie des Schmetterlingseffekts, wonach der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auszulösen vermag. Edgars umgekehrte Chaostheorie lautet: "Wenn ein Finanz-Sturm über den Atlantik fegt, muss ein Schmetterling in Barcelona möglicherweise mit den Flügeln schlagen. Und auswandern." (Eva Zelechowski, daStandard.at, 5.4.2012)

    • Dieses Foto enstand am Strand von Barcelona und wurde für den Blog "El emigrante sofisticado" aufgenommen.
      foto: linda osousky

      Dieses Foto enstand am Strand von Barcelona und wurde für den Blog "El emigrante sofisticado" aufgenommen.

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