Die Grünen als Teil des Establishments

5. April 2012, 20:03
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In allen Umfragen liegen die Grünen derzeit bei 15 Prozent - und sind damit etwa eineinhalb mal so stark wie bei der vergangenen Nationalratswahl. Nach und nach positionieren sie sich als verlässlicher Partner

Wien - Dass die Grünen total zerstritten wären, ist ein Mythos, der sich seit den ersten Gehversuchen der Umweltbewegung im Bereich der parlamentarischen Demokratie hält. Mit der Realität hat dieser Mythos allerdings nur noch bedingt zu tun - und das schlägt sich nun auch in der aktuellen Market-Umfrage für den STANDARD nieder: Zwar glauben immer noch 54 Prozent, die Grünen wären zerstritten, doch ist der Anteil derer, die die Grünen für einig und geschlossen halten, um vier Prozentpunkte auf 41 Prozent gestiegen.

"In einer langen Anfangsphase hat es viel Streit gegeben", konzediert Lothar Lockl - er hat es hautnah miterlebt: Lockl war lange Jahre Kommunikationschef der Grünen, dann für etwas mehr als zwei Jahre ihr Bundesparteisekretär, ehe er sich 2009 als Strategieberater für Green Economy selbstständig machte.

Profitieren von Schwächen anderer

Dass sich - wie die Grafik links zeigt - die Werte der Grünen in vielen Bereichen mehr oder weniger stark gebessert haben, hängt wohl teilweise mit der strategischen Ausrichtung der Partei auf ein breiteres Themenfeld und auf entsprechend breitere Wählerschichten zusammen. Auf der anderen Seite ist die Stärke der Grünen auch auf die Schwäche der anderen Parteien zurückzuführen.

"In den Neunzigerjahren haben wir oft gezittert, ob wir den Einzug in das Parlament wieder schaffen, das ist jetzt definitiv kein Thema mehr. Die Grünen sind etabliert", sagt Lockl mit Blick auf die Umfragedaten der vergangenen Wochen: 15 Prozent erreichen die Grünen nun in den meisten Umfragen, sie sind damit rund eineinhalb mal so stark wie 2008.

Österreichs Grüne sind damit auch im internationalen Vergleich mit anderen Grün-Gruppen sehr gut aufgestellt - und die Wahlberechtigten stellen ihnen auch im Vergleich zu den österreichischen Parteien überwiegend gute Noten aus: Nur bei den Freiheitlichen wisse man ähnlich genau, wofür sie stehen (nämlich ziemlich genau für das Gegenteil dessen, was die Grünen vertreten). Keiner anderen Partei wird auch in so hohem Maß zugetraut, dass sie jungen Menschen eine Chance gibt, sich in der Politik zu bewähren.

Spagat zwischen gealterter und neuer Wählerschaft

Lockl sieht hier eine strategische Herausforderung: Die Grünen müssen einerseits ihre mit ihnen gealterte Wählerklientel bedienen und andererseits für junge Wähler attraktiv bleiben. "Die Grünen müssen sich deutlich von den anderen Parteien unterscheiden, junge Wähler sollen sie durchaus als Player außerhalb des Parteiensystems wahrnehmen", sagt der Berater. Denn dort sprießen inzwischen neue Bewegungen, Piraten könnten auch bei den Grünen Beute machen.

Womit die Grünen jedenfalls punkten können: Ihnen wird heute deutlich stärker als noch vor eineinhalb Jahren zugetraut, dass die Basis über die Politik der Partei mitreden kann: 58 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher sind davon überzeugt - unter den erklärten Grün-Wählern ist dieser Eindruck sogar noch weit stärker verbreitet.

Lockl: Regierungsbeteiligungen betonen

Gleichzeitig wird stärker als früher wahrgenommen, dass die Grünen mit Eva Glawischnig eine unangefochtene, wenn auch relativ leicht ersetzbare Spitzenkandidatin haben: Zwar glaubt weiterhin jeder zweite Wahlberechtigte, dass Glawischnig umstritten wäre, doch ist das immer noch ein besserer Wert, als ihn Vizekanzler und ÖVP-Chef Michael Spindelegger erreicht. Und die Zahl derer, die die Partei geschlossen hinter ihr sehen, steigt.

Zu bedenken bei den guten Werten der Grünen ist allerdings, dass es derzeit keine Wahlkampfstimmung gibt. Es hat sich ja in den vergangenen Jahrzehnten stets gezeigt, dass die Grünen zwischen den Wahlen gute Umfragewerte hatten, im Verlauf der Wahlkämpfe aber zurückgedrängt wurden. Lockl ist sich dieser Gefahr, die in einem sich abzeichnenden Lagerwahlkampf noch größer wird, bewusst. Deshalb empfiehlt er, die Erfolge grüner Regierungsbeteiligungen in Graz, Wien und Oberösterreich zu betonen - auch wenn eine Regierungsbeteiligung 2013 nicht sehr realistisch erscheint. Lockl denkt schon an 2018. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 6.4.2012)

  • Grünen-Chefin Glawischnig: Blick stets nach oben.
    foto: standard/cremer

    Grünen-Chefin Glawischnig: Blick stets nach oben.

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    grafik: der standard
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